Regionalporträt Rheinland-Pfalz

Guter Ausgangspunkt für eine Tour durch die Pfalz: der Hauptplatz von Landau.

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Guter Ausgangspunkt für eine Tour durch die Pfalz: der Hauptplatz von Landau.

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Es lief gut in Miami. Die Familie betrieb zwei Restaurants, die etabliert und beliebt waren. Sie und er hatten beide in New York gelebt, in San Francisco den »Californian way of life« schätzen gelernt. In Florida lernten sie sich kennen, in Miami genossen Kerstin und Faycal Bettioui das Leben. Den Ozean, die warmen Nächte, den Hauch von Kuba in den Vereinigten Staaten. Als ihr Sohn 2014 geboren wurde, trafen sie dennoch eine Entscheidung: Wir ziehen um. In die Pfalz. Aus Miami nach – Neupotz. Aus einer quirligen Stadt mit einer halben Million Einwohner in ein Dorf, in dem keine 2000 Menschen wohnen.

Die Heimat seiner Frau Kerstin hatte Faycal da noch nie gesehen, nie einen Fuß nach Neupotz gesetzt. Und doch ließ er sich darauf ein, der Familie wegen. Im Juli 2015 kamen die Bettiouis in Deutschland an, drei Monate später eröffneten sie ihr Restaurant. Es heißt »Zur Krone«, und wer nicht Bescheid weiß, könnte es für eines der urigen Traditionslokale halten, von denen es zwischen Kandel und Kallstadt so einige gibt. Doch die »Krone« in Neupotz ist anders. Und wie.

Zum Einkauf nach Strassburg

Ein Mittwochnachmittag, Faycal Bettioui, 36, entlädt gerade seinen Wagen. Er stammt aus Casablanca und genießt es, nun wieder häufiger Französisch zu sprechen statt Englisch. Auf dem Großmarkt von Straßburg hat er für den Abend eingekauft, gerade einmal eine Stunde fährt man. Gut gelaunt zeigt er die St.-Pierre-Fische mit ihren durchsichtigen, klaren Augen. Noch lebende Krabben krabbeln in der Kiste, daneben liegen erntefrisches Gemüse und haufenweise Kräuter.

Was für ein Kontrast zur Anfangszeit, als Faycal erstmals Bekanntschaft mit der deutschen »Beilage« machte – »Ich hatte keine Ahnung, was das war«, sagt er und lacht. In der Anfangszeit ihres Restaurants richteten sich er und seine Frau stark nach Pfälzer Traditionsküche, servierten Rumpsteak und Bratkartoffeln. Bis sie merkten: Das gibt es überall. Wir sind anders. »Alle haben genau das Gleiche gegessen – das war langweilig für uns«, sagt Kerstin Bettioui.

Heute stehen erfrischende Aromakombinationen auf der Speisekarte: Pfälzer Spargel mit Hummer. Foie gras mit geräuchertem Aal. Lamm, unterstützt von Aubergine und Miso. Während sie früher auch mittags Essen anboten, öffnen die Bettiouis heute nur noch abends. Ein wechselndes Menü wird offeriert, wählen kann man zwischen fünf und sieben Gängen. Stars sind die Produkte, angereichert mit ungewöhnlichen Gewürzkombinationen. »Wir denken an einen Gast, der in unser Haus kommt«, sagt Faycal Bettioui. »Die Leute sollen das bekommen, was sie zu Hause nicht bekommen – wir wollen sie einen Abend lang glücklich machen.« Wer das Restaurant verlässt, soll denken: Wow, was für ein Abend!

Faycal Bettioui verließ Miami für ein Dorf mit 2000 Einwohnern, das er nie zuvor gesehen hatte.
Faycal Bettioui verließ Miami für ein Dorf mit 2000 Einwohnern, das er nie zuvor gesehen hatte.

© Christian Ernst | www.ch-ernst.de

Man kann sagen, dass dieser Plan aufgegangen ist. Die »Krone« hat sich einen Ruf unter Gourmets erarbeitet, die Beilage ist vergessen. Und die ursprüngliche Idee ist aufgegangen: Direkt gegenüber von der »Krone« ist der Kindergarten, die Eltern von Kerstin Bettioui wohnen nicht weit. »Miami wird trotzdem unsere zweite Heimat bleiben«, sagt sie, nach all den Jahren mit leichtem US-Akzent. Weltläufig, ohne die Wurzeln zu vergessen – man kann staunen über diese Mischung und darüber, wie gut sie funktioniert.

Die Pfalz ist für Überraschungen gut – was man niemals glauben würde, wenn man an einem gewöhnlichen Wochentag zur Mittagszeit durchs Dorf schlendert. Die Hauptstraße, die auch so heißt: ausgestorben.

Schokoküsse auf Familienhand

Vereinzelt blättert der Putz von den Häusern, weit und breit ist kaum ein Auto zu hören. Doch als die Tür zum »Gasthof zum Lamm« aufgeht, schlägt einem fröhliche Stimmung entgegen – der Raum ist bestens gefüllt, fast jeder Tisch besetzt: Pärchen, Familien, eine Gruppe aus Geschäftsleuten, die auf Englisch miteinander diskutieren und dabei auch auf die lokalen Weine setzen – wenn man jemandem die »German Gemütlichkeit« erklären sollte, wäre das wohl das passende Beispiel.

Auf die Uhr schaut hier niemand so genau, und mancher Anachronismus ist hier zu entdecken. Etwa in Herxheim, der ehemaligen Hauptstadt der Tabakpflanzer. Noch immer sind etliche hohe Holzschuppen zu sehen, in denen einst die Tabakpflanzen trockneten. Am Ende einer langen Straße liegt die Süßwarenfabrik der Familie Trauth, wo man Schokoküsse in vier Varianten bekommt, dazu noch ein paar andere Schmankerln wie Rumkugeln und Ingwerstäbchen. Seit 1911 produzieren die Trauths hier, mittlerweile in vierter Generation: Unten ist der Verkaufsraum, oben entsteht die Ware. Minütlich fahren Autos vor. Leute jeglichen Alters steigen aus, ein kurzer Plausch, dann laden sie zwei, drei 25er-Packungen ein und fahren wieder. »Amazon hat uns gefragt, ob wir nicht online verschicken wollen, aber wir haben abgelehnt«, sagt Daniel Trauth, der das Geschäft von seiner Tante übernommen hat. »Wir versenden nicht, wir verkaufen nicht an den Großhandel und nicht an die Gastronomie.« Wa­rum? »Wir verdienen genug Geld, um Familie nd Mitarbeiter zu ernähren.« Und nur so, sagt Trauth weiter, könne er seine selbst gesetzten Maßstäbe an Qualität und Frische einhalten.

Ja, Tradition und Werte zählen hier noch etwas. Natürlich, man bekommt hier den Saumagen (beste Adresse: Klaus Hambel), man bekommt die schwere deutsche Küche. Wer die traditionelle Pfalz genießen will, der lässt es sich gut gehen in der »Eselsburg« in Neustadt an der Weinstraße, wo Anette Berberich gute Weine aus Toplagen von Forst und Deidesheim serviert, und dazu deftiges Essen aus Zutaten der Region. »Mehr braucht kein Mensch …«, hat sie auf ihre Website geschrieben, und genau genommen hat sie natürlich recht damit. Die alte Republik, manchmal scheint sie noch zu existieren.

Zeugnisse davon hängen im Hotel »Deidesheimer Hof«, das lange das Wohnzimmer von Kanzler Kohl war. Granden der Weltpolitik lud er hierhin ein: Thatcher, Jelzin, Gorbatschow – alle waren zu Gast und besprachen die Weltläufe, wovon nostalgische Fotos und Zeitungsberichte an den Wänden zeugen. Das Kanzlersüppchen, eine Rinderkraftbrühe mit Markklößchen, ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Und trotzdem: Stehen geblieben ist man auch hier nicht; erst vor wenigen Monaten hat die Eigentümerfamilie Hahn das mit feinem Gespür für Stil renovierte Gourmetlokal »Schwarzer Hahn« neu eröffnet. Hier unten im Gewölbekeller kann selbst das donnerndste Sommergewitter niemanden schrecken, nichts lenkt ab von den Kreationen des Küchenchefs Stefan Neugebauer, der Ceviche genauso beherrscht wie eine gestopfte Gänseleber. Ein solches Lokal könnte auch in Hamburg oder Berlin stehen, allein die liebenswürdige, gemütliche Art würde ihm abgehen.

Ein paar Kilometer weiter, in Kallstadt, hat sich mit Benjamin Peifer ein jüngerer Vertreter der Spitzenköche verwirklicht. Sein Restaurant »Intense« in einem alten Fachwerkhaus steht für die gehobene Sterneküche, doch auch er kombiniert Elemente seiner Pfälzer Heimat mit asiatisch inspirierten Einfällen. Vor wenigen Monaten hat er eine weitere Gastronomie eröffnet: »Izakaya« heißt sie, also eine japanische Kneipe, aber eben in Wachenheim – noch Fragen? So funktioniert das hier. »Wir sind ständig ausgebucht«, sagt Peifer. Womit erneut der Beweis erbracht wäre, dass die Pfalz längst nicht mehr nur die kulinarische Gemütlichkeit beherbergt, sondern Raum lässt für Avantgarde und belebende Ideen.

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Falstaff Nr. 04/2019
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