Französisch-Polynesien: Am Ende der Welt

Hier geht man gern vor Anker: Ob Fatu Hiva (Foto), Tahiti oder Bora Bora: Französisch-Polynesien steht für den Mythos Südsee.

© Paul Spierenburg

Hier geht man gern vor Anker: Ob Fatu Hiva (Foto), Tahiti oder Bora Bora: Französisch-Polynesien steht für den Mythos Südsee.

© Paul Spierenburg

»Lass dir keine Kokosnuss auf den Kopf fallen«, gaben Freunde mit auf den Weg. Nun ja, Französisch-Polynesien gilt tatsächlich als Kokosnuss-Land. Ein Land mit fünf Archipelen aus insgesamt 118 Inseln und Atollen. Der Mythos vom Südseeparadies umgaukelt die fernen Gestade noch verzückter als andere Breiten im pazifischen Raum. Und wenn dafür nicht die grazile Kokospalme als sinnliches Symbol steht, was dann? Zumal wenn sie mit windzerzaustem Wipfel türkisblaue Lagunen küsst. Das Wasser ist so glasklar, dass man in zwei Metern Tiefe noch jede Einzelheit gemusterter Fische erkennen kann. In der Natur kommen sich Kokosnuss und Meeresfauna schon sehr nah. Polynesier indes haben sie längst verkuppelt. Die hiesige Spezialität ist nämlich Poisson cru: rohe Würfel aus weißfleischigem Fisch, kurz in Limettensaft gebeizt, Chili und Karotten dazu und im Rahm frisch ausgepresster Kokosmilch aufgetischt.

Südsee-Spezialität Poisson Cru

Kommt Ihnen bekannt vor? Tatsächlich ähnelt der Poisson-cru-Mix der Ceviche. Doch dass die traditionelle Rezeptur über den Pazifik von Peru aus mit Polynesien Bekanntschaft gemacht hat, ist eher unwahrscheinlich – obwohl bereits in der Antike Verbindungen über See bestanden. Tatsache ist, dass fast alle Nutzpflanzen dank maritimer Migration im Verlauf von Jahrtausenden eingeführt wurden. So beflügelt der Besuch des farbenfrohen Markts in der Hauptstadt Papeete, die auf der bevölkerungsreichsten Insel Tahiti liegt, nicht nur alle Sinne. Er dient zudem quasi als Augenöffner für die unglaublichen Leistungen altpolynesischer Seefahrer. Denn manche Lebensmittel wie die Kokosnuss stammen ursprünglich aus dem asiatischen Raum, andere wie die Süßkartoffel aus Südamerika – kaum vorzustellen, welche Distanzen die Seefahrer zurücklegten.

Zurück zum Markt: Speziell am Sonntagmorgen ist in der schmucken Halle die Hölle los. Ein Heer gut gelaunter Menschen flaniert durch die Gänge, Frauen mit Blumenkranz auf dem Kopf, Männer in bunt geblümten Hemden. Die Szenerie gleicht einer Party, zumal aus irgendeiner Ecke Ukulelen und Trommeln erklingen.

Es wird eifrig gehandelt und langatmig geplaudert. Vor Speisetresen bilden sich Schlangen. Das sonntägliche Vergnügen ist alles zugleich – einkaufen, Freunde treffen und gemeinsames Essen. Eine gute Gelegenheit, in Tahitis Kultur einzutauchen und polynesische Hausmannskost zu probieren. Wie Po’e papaye, Gelee-Pralinen aus baumreifer Papaya mit Kokosmilch. Oder mit Jackfruit gefüllte Küchlein. Oder knusprige Brotfrucht-Chips. Im 18. Jahrhundert sah die britische Admiralität in dem stärkehaltigen Grundnahrungsmittel der pazifischen Eingeborenen eine preiswerte Ernährungsalternative für ihre Sklaven.

Ein anderer Treffpunkt von Locals ist der Place Vai’ete, ein wunderschöner Platz direkt am Hafen von Papeete. Zum Sonnenuntergang rollen dort die Foodtrucks an – »Roulotte« sagen die Einheimischen dazu. Tische werden verteilt, in den mobilen Küchen brutzelt, gart und dampft’s. Ursprünglich waren es chinesische Immigranten, die das Garküchenkonzept aus ihrer Heimat mitbrachten. So heißt ein typisches Nudelgericht Chao Men. Mit Crevetten im Wok gerührt, schmeckt es sehr delikat. Fangfrisch sind ebenfalls die Lobster am Nachbarstand. Preiswerter als auf dem Vai’ete dürfte man sie an keinem anderen Ort in Französisch-Polynesiens kriegen. Nicht zuletzt, weil private Restaurants außer in Papeete selten sind und Krustentiere in Fünf-Sterne-Resorts entsprechend teuer.

Marlon Brando kaufte ein Atoll

Unter allen Topadressen sticht »The Brando« auf dem privaten Atoll Tetiaroa hervor. Kein anderes Exklusiv-Resort weltweit trägt das LEED-Platin-Zertifikat für Öko-Luxus auf höchstem Niveau. Marlon Brando persönlich hatte sich beim Kauf des Atolls für den Schutz der Natur verbürgt. Ein Grund übrigens, warum hier keine Overwater-Bungalows stehen. Die drei Dutzend Villen mit eigenem Pool stehen im Schatten von hohen Kokospalmen. Fabelhaft ist die Küche von »Les Mutinés«. Darin gehen französische mit polynesischen Zutaten eine ungeahnte, aber harmonische Ehe ein. Beispielweise Foie gras: Sie wird im Stück gegart und von Vanille-Milch sowie Tahiti-Pampelmuse umgarnt. Für den sautierten Mahi Mahi (Goldmakrele) fungieren Rote Rüben und Coulis von Fisolen als Begleitung.

Vanille wird auf Taha’a kultiviert. Das kostbare Gewürz, angebaut und verarbeitet in einsamen Tälern, ist auf der spärlich bevölkerten Vulkaninsel relativ sicher vor Diebstählen, die in letzter Zeit weltweit stark zugenommen haben. Vanille ist höchst wertvoll, und unter Küchenchefs gilt Tahiti-Vanille als Nonplusultra in Sachen Aroma. Das liegt unter anderem daran, dass die Schoten klimabedingt in vollreifem Zustand gepflückt und an der Luft getrocknet werden können – im Gegensatz zu Vanille von Madagaskar oder Le Réunion, wo mehr industrielle Technik eingesetzt wird.

Blütenumrankte Grundstücke Auf der Garteninsel Moorea

Verheißungsvoll lockt die gezackte Silhouette von Moorea, einer Nachbarinsel von Tahiti. Schroffe Berge, tiefe Buchten und blütenumrankte Grundstücke am Wegesrand vereinigen sich zu atemberaubender Schönheit. Nicht umsonst spricht man von der Garteninsel. Hier scheinen auf einem herzförmigen Flecken alle Früchte Polynesiens versammelt zu sein: Mangos, Papayas, Carambolas, Physalis und Bananen, um nur einige zu nennen. Durch das Opunohu-Tal hinauf zu historischen Kultplätzen und Lookouts mäandert die Straße durch Ananasfelder. Bei der Landwirtschaftsschule lohnt ein Halt. Hier nämlich werden an einer pittoresken Bar fleißig Ananas ausgepresst. Eine Referenz für das Geschmacksgedächtnis.

Bora Bora ist die Verkörperung des Südsee-Mythos schlechthin. Die leuchtenden Blautöne der weiten Lagune noch ein gutes Stück weiter nordwestlich von Tahiti betören tatsächlich. Deswegen ist es die einzige Insel im polynesischen Reigen mit touristischem Trubel. Zumal wenn Kreuzfahrer vor Anker gehen. Entlang der Motus, wie die mit Palmen bewachsenen Riffinseln heißen, reihen sich Resorts internationaler Hotelgruppen mit Overwater-Bungalows, eines reizvoller als das nächste. Was die Küche betrifft, dürfte das »Four Seasons« voran liegen. Der fein abgeschmeckte Blue-Crab-Salat sowie die auf heißem Stein gegarten Langostinos, dazu Champagner-Risotto und Cloudy Bay im Glas, sind jedenfalls ein Gedicht. Wenn dann noch zum Sunset der flammende Himmel über den bizarren Felsentürmen von Bora Bora leuchtet, ahnt man: Mehr Südsee­romantik geht nicht.

Oder doch? Zumindest, wenn man eine Stunde weiter fliegt und sich im stillen Atoll Tikehau im Tuamotu-Archipel einnistet. Das ist ein knapp 80 Kilometer langer Kranz unbewohnter Eilande, sieht man von den Feenseeschwalben und Blaufußtölpeln ab, die hier ihre Küken aufziehen. Auf der Hauptinsel Tuherahera indes wohnen immerhin 500 Menschen. Dort befinden sich auch der entzückende Airport sowie eine der wenigen Tauchbasen des Landes. Nicht zu vergessen das »Tikehau Pearl Beach Resort«, ein stimmungsvolles Bungalow-Hotel mit liebenswertem Personal. Direktorin Anne Tran-Thang hat lange Zeit in Südtirol und Lausanne gearbeitet. Das merkt man. Abhängen, die Seele baumeln lassen und feinster Poisson cru mit Panoramablick übers Meer gabeln: Polynesien-Feeling pur!

Doch Polynesien hat noch weiter entfernte Ziele im Portfolio – die Marquesas. Kaum fassbar, dass es just diese Gruppe von 14 gebirgigen Sprengseln in den immensen Weiten des Stillen Ozeans war, auf der die Seenomaden vor etwa 2000 Jahren als Erstes hängen blieben. Flaches Land gibt es auf den üppig bewachsenen Marquesas kaum, und nur eine Handvoll Naturhäfen und Strände. Sie sind jetzt Anlaufplätze der MS Aranui 5, eines etwas ungewöhnlichen Kreuzfahrtschiffs. Die äußere Erscheinung des Schiffs spricht nicht unbedingt von Eleganz, dient es doch zur Hälfte dem Frachttransport. Zu Lunch und Dinner wird nur ein Menü serviert – geradezu karg im Vergleich zu anderen Schiffen. Übers Essen gibt’s freilich nichts zu meckern.

Anstatt Luxus und Food-Verschwendung offeriert die Aranui eine einzigartige Dimension. Bis auf den französischen Kapitän, den deutschen Guide und englischsprachige Lektoren besteht die gesamte Crew aus Einheimischen. So erlebt man auf der 2200-Seemeilen-Strecke bereits an Bord authentisch polynesische Kultur.

Nun sind die Insulaner nicht unbedingt für emsiges Pampering von ausländischen Gästen berühmt. Doch auf dem Schiff scheinen die warmherzigen und fröhlichen Menschen untadeligen Service geradezu zu leben.

Auf den Marquesas gelandet, schieben sich ein paar Aussteiger vors geistige Auge. Der Maler Paul Gauguin verbrachte seine letzten 20 Monate auf Hiva Oa und ruht auf dem Friedhof von Atuona.

Auch der belgische Chansonnier Jacques Brel ließ sich hier begraben. Und Herman Melville desertierte vor lauter Schwärmerei von einem Walfänger. Die Abenteuer auf Nuku Hiva sind in seinem Debüt »Typee« nachzulesen. Darin zeichnet der amerikanische Schriftsteller die Essensgewohnheiten der indigenen Bewohner auf, wie sie etwa Brotfrüchte mit abgeflachtem Stößel zum dicken Brei zerquetschten und Schweinefleisch, Taro und Süßkartoffeln im Erdofen garten. Für Gäste der Aranui wird so ein traditioneller Schmaus auf Ua Huka zubereitet. Man isst ihn, wie unter Polynesiern Usus, mit den Fingern. Wenn schon auf den Spuren alter Gebräuche und Traditionen, dann richtig. Bon appétit oder: Tama’a Maitai!

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