Beschreibung

Christian Bottegal steuert seinen Geländewagen einen staubigen Feldweg entlang, während die Mittagshitze die Klimaanlage seines Fahrzeugs zu Höchstleistungen treibt. Zwanzig Minuten Fahrt entfernt von der letzten geschlossenen Ortschaft, nachdem es von Castellina in Chianti aus über Stock und Stein gegangen ist, bringt Bottegal das Auto schließlich im Schatten einer Eiche zum Stehen und steigt aus. Nachdem das Gebläse im Wageninneren verstummt ist und die Wagentüren ins Schloss gefallen sind, ist es ganz still. Die Eiche steht auf einem kleinen Hügel, und von diesem herab hat man einen herrlichen Ausblick über die Landschaft: Kilometerweit ziehen sich saftig-grüne Reben in Wellen und Amphitheatern die Hügel entlang.

»Die Conca d’Oro – das goldene Becken«, erklärt Bottegal, der im Vertrieb des Weinguts Ruffino arbeitet, »das ist eine unserer besten Lagen, von hier kommen die meisten Trauben, die wir für die Riserva Ducale und für die Riserva Ducale Oro verwenden.« Nach nur wenigen Schritten steht man mitten inden Rebzeilen, jede zweite ist begrünt. Wo das blanke Erdreich zutage tritt, schimmert es ebenfalls grünlich, wenngleich matt: Der grünlich-graue toskanische Schiefer gibt der Oberfläche ein raues, nachgerade schroffes Aussehen. Unwillkürlich bekommt man eine Vorstellung davon, wie sich die Rebwurzeln hier auf der Suche nach Feuchtigkeit und Nährstoffen zwischen größeren und kleineren Gesteinstrümmern hindurch in die Tiefe schrauben müssen.

Szenenwechsel. Im Poggio Casciano, einem gepflegten Landsitz nahe Florenz, stehen in einem Salon zwei Vertikalverkostungen bereit: Önologe Gabriele Tacconi hat fünf Jahrgänge von »Modus« vorbereitet, der im Stil eines Super Tuscan bereiteten Assemblage aus Sangiovese mit Merlot und Cabernet. In einer zweiten Reihe steht noch eine Flasche mehr: Sechs Jahrgänge der Riserva Ducale Oro warten auf die Probe, der älteste davon ein 1958er. Zwei Etiketten, die für zwei unterschiedliche Epochen stehen: Während »Modus« den Aufschwung des toskanischen Weins am Ende des 20. Jahrhunderts verkörpert – der erste Jahrgang war 1997 –, reicht die Geschichte der Riserva Ducale bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Der Herzog von Aosta nämlich pflegte, auf dem Weingut Ruffino regelmäßig den Chianti »stravecchio« (»extra-alt«) zu kaufen – für sich selbst und auch für den Hof des Königs, den er in Weinfragen beriet. Mit der Zeit setzte sich die Redeweise von der »herzöglichen Riserva«, eben »Riserva Ducale«, durch und die Angabe »stravecchio« verschwand von den Etiketten. Im Jahrhundertjahr 1947 beschloss das Weingut schließlich, die besten»goldenen« Partien der Riserva Ducale separat abzufüllen – als »Riserva Ducale Oro«. Damals war Italien natürlich längst Republik. Die Noblesse des vormaligen Adelstrunks aber blieb erhalten und gab sich auch bei der Vertikalverkostung auf beeindruckende Weise zu erkennen.

Notizen von Ulrich Sautter.

Tasting aus Falstaff Magazin Deutschland Nr. 6/2016

VON FALSTAFF BEWERTETE WEINE

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