Beschreibung

Dr. Peter Baumann aus Linz war Gastgeber einer weiteren bemerkenswerten Raritätenprobe, die er gemeinsam mit Altwein-Spezialist Jan-Erik Paulson aus Waldkirchen in Bayern (www.rare-wine.com) vorbereitet hatte. Allen Teilnehmern war klar, dass das Thema »Château La Mission Haut-Brion« ein sehr ergiebiges sein müsste, denn dieses Weingut hat in allen Dekaden seit dem 1. Weltkrieg Klasseweine hervorgebracht und niemals anhaltende Schwächeperioden durchschritten wie so viele andere bekannte Güter in Bordeaux. Dieser Grand Cru Classé de Graves zählt qualitativ längst zur absoluten Oberklasse des linken Ufers und steht in vielen Jahren seinem als Premier Grand Cru klassifizierten direkten Nachbarn, Haut-Brion, nicht nur um nichts nach, sondern übertrifft ihn auch oft. Gerne werden die beiden Haut-Brions miteinander ver­glichen, liegen doch die Reben Zeile an Zeile, und auch beim Boden ist der Unterschied nicht zu gravierend. Bei Haut- Brion ist der Cabernet-Anteil höher, bei La Mission ist der Merlot oft deutlich erkennbar. Natürlich bemüht man sich auch heute, den Charakter beider Gewächse zu wahren, aber vielleicht ist das dadurch, dass beide Weine vom gleichen Team gemacht werden, nicht einfacher geworden. Die schon in früheren Jahren bei La Mission betriebene Kühlung der Moste während der Gärung ist ein wichtiger Ansatzpunkt. Die Gärtanks aus Stahl wurden schon in den dreißiger Jahren gekühlt, indem man sie außen mit kaltem Wasser übergoss. Die Konkurrenz hängte in Säcken große Eisbrocken in die Gärständer, das kühlte den Most zwar auch, verdünnte ihn aber gleichzeitig. Dank der technisch günstigeren Kühlmethode konnte La Mission länger auf der Maische bleiben und gewann dadurch an Farbtiefe und Gehalt. In der Jugend unzugänglich und sehr tanninreich, entwickelte La Mission einen lagerfähigen Wein, der nicht vor sechs, sieben Jahren Flaschenreife antrinkbar war und ist, in großen Jahren sollte er nicht vor fünfzehn, in exzellenten nicht vor zwanzig Jahren getrunken werden. Durch ein Mehr an Frucht, aber auch Tannin, kann La Mission gegenüber dem feineren Haut-Brion, der stets durch Eleganz und Komplexität punktet, sicher als der etwas vordergründigere Wein gelten. Was aber in jedem Fall für La Mission spricht, ist seine unnachahmliche Würze, die bei vielen älteren Jahrgängen ganz unglaubliche Kapriolen in der Aromatik schlägt. Es gibt einen wesensverwandten Wein oben in Pauillac, nämlich Château Latour – auch er in der Jugend unnahbar, ja abweisend, auch er mit festem Tanninrückgrat, Struktur und Ehrfurcht gebietender Fruchttiefe. Beide stehen völlig zu Recht im Ruf, selbst in kleineren Jahrgängen überdurchschnittlich lagerfähige Weine hervorzubringen. Dass man für eine Flasche La Mission Haut-Brion aus einem bekannt guten Jahrgang einiges an Geld auf den Tisch legen muss, ist eine Tatsache. Neben dem exzellenten Ruf des Hauses hat das auch mit der relativ kleinen Menge an erzeugten Flaschen zu tun, die meist irgendwo zwischen 30.000 und 50.000 anzusiedeln sein dürfte. Heute werden in einem guten Jahr immerhin knapp 100.000 Flaschen produziert. Für perfekt gelagerte Spitzenjahrgänge der 40er und 50er Jahre wird man im Handel mit Preisen in der Größenordnung von 1.500 Euro rechnen müssen. Auch wenn es zynisch klingt: Damit ist La Mission Haut-Brion, der mit Sicherheit zu den besten und originellsten Weinen der Welt gehört, noch verhältnismäßig preiswert im Vergleich mit prominenteren Namen, die oft eine weit weniger konstante Qualität zu bieten haben. Bei der aktuellen Baumann-Verkostung der Weine von La Mission Haut-Brion blieben von den jüngsten und jüngeren Jahrgängen außer 2001 alle bereits ausgelieferten 2000er und der 1991er, 1997er und 1999er unberücksichtigt. Ich habe daher einige Fasswein- und Jungweinbeurteilungen ergänzend hinzugefügt. Von den nur mehr in seltenen Glücksfällen anzutreffenden Raritäten aus frühesten Jahren gelten neben dem von Legenden umrankten 1929er auch die Jahrgänge 1920, 1921, 1924 und 1926 als im Optimalfall noch gut trinkbar, exzellent kann der 1934er, gut auch der 1937er ausfallen. Von den Kriegsjahren waren 1940 und 1943 den Umständen entsprechend gut gelungen. Hie und da bietet sich Gelegenheit, Weine von vor 1900 zu degustieren, wie 1990 bei Karl-Heinz Wolfs großer Vertikale ein 1899er, ein 1895er, ein 1888er oder ein 1877er, der laut Michael Broadbent, MW, noch süß und extraktreich war, oder ein 1878er, der bei Pipin Desais La-Mission-Probe 1985 in Los Angeles gute Figur machte. Dies sind Ausnahme-Weinantiquitäten, die für ihre Rarität zu schätzen sind. Der älteste Wein der aktuellen Probe war der Jahrgang 1916, der allerdings einen sehr scharfen Geruch verbreitete – irgendwo zwischen Möbelpolitur und Brillantine angesiedelt. Je älter eine Flasche, umso größer das Risiko. Wenn man aber Weine trinken und genießen will, dann finden sich bei La Mission seit 1945 in jeder Dekade mindestens zwei echte Weltklasseweine: ein schlagender Beweis für die große Güte dieser Weine. PS: Alle aktuell probierten Weine kamen aus Normalflaschen, was die Lagerfähigkeit zusätzlich unterstreicht. Peter Moser

VON FALSTAFF BEWERTETE WEINE

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