Beschreibung

Um auf das Weingut Brancaia oder genauer gesagt zum Kellereigebäude in der Località Poppi zu kommen, muss man die Zivilisation hinter sich lassen. Von Castellina in Chianti aus biegt man auf einen Schotterweg ein und fährt kurvenreich bergauf und bergab – während sich laufend Steine in den Unterboden des Wagens nageln. Wenn man fast glaubt, sich in der Einöde verfahren zu haben, taucht der erhoffte Wegweiser auf, und nach ein paar weiteren Kurven steht man vor einem erleuchteten Neubau. Aus einem offen stehenden Rolltor riecht es appetitlich nach Rotwein – keine Frage: Das hier ist ein Weingut.
Barbara Widmer hat offensichtlich Freude daran, Besucher durch ihr Reich zu führen. Groß gewachsen, mit langen blonden Haaren und strahlend blauen Augen, könnte man die junge Frau und zweifache Mutter auch für die Tochter eines norddeutschen Kaufmanns halten. Doch ihre Eltern waren aus der Schweiz in die Toskana gekommen; 1981 erwarben sie während eines Sommerurlaubs das verlassene Landgut mit seinen – damals – zehn Hektar Reben. Für Barbara Widmer, die in Zürich aufwuchs, blieb der italienische Besitz ihrer Eltern jedoch zunächst weit weg. Nach der Matura, wir schreiben 1991, nahm sie ein Architekturstudium auf. Wein? War eine Nebensache.
Das sollte sich erst ein paar Semester später ändern. In einer Studien- und Schaffenskrise suchte sie Erholung in der Toskana. Und kehrte verändert nach Zürich zurück: Als erstes erwarb sie ein Weinhandelsdiplom. Dann machte sie ein Praktikum auf der Domaine des Balisiers in der Nähe von Genf – damals dem größten Bio-Weinbaubetrieb der Schweiz. Schließlich drückte sie die Schulbank der Hochschule Wädenswil, um sich zur diplomierten Önologin ausbilden zu lassen. 1998 schließlich war es soweit, und Barbara Widmer übernahm die Leitung des inzwischen auf 65 Hektar gewachsenen Weinguts: Neben zwei Standorten im Chianti Classico (Brancaia und Poppi) zählt auch ein drittes Gut in der Maremma zum Lagenportfolio.
»Il Blu«, dem die hier wiedergegebene Vertikalverkostung gewidmet war, ist das Spitzenprodukt der Hauses. Der Wein folgt der Logik der »Super Tuscans« und wird aus Trauben des Chianti Classico gekeltert, etwa je zur Hälfte aus Sangiovese und aus Bordeaux-Sorten. Bei letzteren dominiert Merlot deutlich. In der Vertikalprobe war der rote Faden zu erkennen: »Blu« ist ein atypischer »Super Tuscan« darin, dass er jeden Exzess und massive Töne vermeidet. So bleibt die toskanische Herkunft stets erkennbar, daran haben auch der im Lauf der Zeit leicht reduzierte Sangiovese-Anteil sowie die leicht gestiegenen Alkoholgehalte nichts Grundlegendes verändert. Die Weine wirken quer durch alle Jahrgänge transparent im Aufbau, handwerklich präzise umgesetzt, und sie zeigen bemerkenswerte Konstanz: Selbst die kleineren Jahrgänge haben Stil und sind mit Vergnügen zu trinken. Zu welch inhaltsreichem und zugleich subtilem Amalgam Sangiovese, Merlot und Cabernet aus dem Chianti Classico verschmelzen können, zeigt überdies Barbara Widmers fulminanter Erstlingsjahrgang 1998.
Notizen von Ulrich Sautter

Tasting aus Falstaff Magazin Deutschland Nr. 2/2015

VON FALSTAFF BEWERTETE WEINE

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