Zürcher Weinland: Unentdecktes Weinparadies

Blick von der Lage Chorb in Rheinau auf die Klosterinsel und die Rheinschleife.

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Blick von der Lage Chorb in Rheinau auf die Klosterinsel und die Rheinschleife.

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Niklaus Zahner darf man gut und gerne als Vorreiter bezeichnen. Anfang der 90er-Jahre realisierte er, dass kühles Klima für den Weinbau kein Nachteil ist und kelterte in Truttikon im Zürcher Weinland «Cool Climate»-Weine, die für Furore sorgten. Allen voran einen im Holzfass vergorenen und gereiften Pinot Blanc, den er 1994 zusammen mit dem Schaffhauser Spitzenkoch André Jaeger von der damals legendären und mittlerweile geschlossenen «Fischerzunft» kreierte.

Erfolgreiche, innovative Winzer können zuweilen eine ganze Region beflügeln, das Zürcher Weinland aber behielt sein dröges Landweinimage bei vielen Weintrinkern allerdings bis heute. In gewissen Landstrichen laufen die Uhren nun mal langsamer. Doch sie laufen, und seit ein paar Jahren ist das auch im Weinland klar zu spüren. Innovative Winzer und Weinbaubetriebe verpassen der grössten Weinregion des Kantons Zürich den Ruf, den sie verdient hat: Das Zürcher Weinland ist eine «Cool Climate»-Region mit dem Zeug zu Spitzenweinen.

Wie viele Teile der Schweiz ist auch das Zürcher Weinland nicht von selbst kelternden Winzern geprägt, sondern von Kellereien, die das Grundmaterial für ihre Weine von Traubenproduzenten ankaufen. Oft sind es Hobby- oder zumindest Feierabendwinzer, die die Rebberge bewirtschaften. Der vermeintliche Nachteil kann für gewisse Betriebe und Weinmacher ideal sein. So etwa für den Weinfreak und Burgunderfan Patrick Thalmann. Im Jahr 2009 erfüllte er sich mit Freunden den Traum, selbst einen im Barrique ausgebauten Weinländer Blauburgunder zu produzieren. Das Experiment glückte, und schon im zweiten Jahr reichte der Platz in Thalmanns kleiner Doppelgarage nicht mehr aus, sodass 2010 zwei Räume mit alter Metzgerei-Infrastruktur mitbenutzt wurden. In der Folge standen die ersten Eichenfässer in ausgedienten Kühlräumen. So kam es zum heutigen Namenselement «Zur Metzg».

Die Hüter der Staatskellerei Zürich: Kellermeister Fabio Montalbano (l.) und Geschäftsführer Christoph Schwegler.
Die Hüter der Staatskellerei Zürich: Kellermeister Fabio Montalbano (l.) und Geschäftsführer Christoph Schwegler.

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Die Bezeichnung «Winzerei» wurde aufgrund der damaligen Grösse gewählt. «Den Begriff Weingut wollten wir damals nicht nutzen, der wäre zu dieser Zeit auf keinen Fall passend gewesen», erklärt Thalmann. Er produziert seine Weine nicht nur in einem unorthodoxen Raum, er baut auch selbst keine Trauben an, sondern setzt auf die Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern, etwa mit einem Traubenproduzenten aus dem Weinbaudorf Benken. «Für mich ist das Zürcher Weinland eine vergessene Schönheit», sagt Patrick Thalmann. «Viele fahren in Richtung Deutschland einfach durch. Schade, denn das Gebiet bietet viel, etwa eine einzigartige Naturkulisse.»

Patrick Thalmann

© Siffert/weinweltfoto.ch

Die Natur ist Patrick Thalmann bei der Herstellung seiner Weine besonders wichtig. Ziel war beispielsweise von Anfang an, die Weine spontan zu vergären, ganz nach Vorbild einiger von Thalmann heiss geliebter Burgunder-Domänen. «Wir experimentierten viel», sagt er rückblickend. «Erst über die Zeit und dank eines befreundeten Winzers hatten wir selbst Spass an unserem Wein. In der Anfangsphase war er echt ‹borstig›. So entstand auch der Weinname ‹Borstig’ Kerl›.» Borstig müssen die Weinländer Weine generell natürlich nicht sein. Fast schon gegenteilig ist das Konzept der seit einigen Jahren höchst erfolgreichen Staatskellerei Zürich in Rheinau. Die Staatskellerei Zürich kauft ihr Traubenmaterial bei mehr als 100 Winzern im ganzen Kanton, was es ihr ermöglicht, ein Portfolio von unvergleichlicher Vielfalt anzubieten.

«Für mich ist das Zürcher Weinland eine vergessene Schönheit, viele fahren in Richtung Deutshcland einfach durch. Das ist schade.»
Patrick Thalmann, Winzerei zur Metzg

Die gerade bei Weineinsteigern beliebte Compleo-Linie ist dieses Jahr um eine Rosé-Variante reicher geworden. Letztes Jahr wurden mehr als 100.000 Flaschen Compleo-Wein verkauft. «Als Tochter von Mövenpick sind wir verpflichtet, der Nachfrage eines globaleren Geschmacksbildes und somit einem breiten Publikum entsprechend nachzukommen», sagt Staatskellerei-Geschäftsführer Christoph Schwegler. «Nicht selten begeistern wir so Leute für den hiesigen Wein, die bis dahin keinen Zugang hatten.» Die Ausweitung des Kundenstamms und die Steigerung des Ansehens der Region sind Anliegen, die die Staatskellerei mit vielen anderen Weinbetrieben teilt, auch mit Patrick Thalmann. Dieser will im Jahr 2019 ein Weinfestival mit befreundeten Winzern auf die Beine stellen. «Im Zürcher Weinland sind viele gute Winzer am Werk, die tolle Weine keltern und aktuell noch zu wenig Beachtung finden», sagt Thalmann. «Die grossartige Qualität der hiesigen Weine muss stärker kommuniziert werden.»

Holger Herbst pflegt alte Reben im Zürcher Weinland – ein Glücksfall für den passionierten Rebbauer.
Holger Herbst pflegt alte Reben im Zürcher Weinland – ein Glücksfall für den passionierten Rebbauer.

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Ambitionierte Quereinsteiger

Das Zürcher Weinland ist vielfältig, und natürlich gibt es längst nicht nur Betriebe, die Trauben zukaufen, sondern auch solche, die sie selbst verarbeiten. Ein Exot ist Holger Herbst. Der Wahlzürcher ist im Weinland aufgewachsen, hatte damals jedoch keinen Bezug zu Rebbau-Familien. «Für mich war das Weinland lange eine liebgewonnene Sommergegend: kühle Wälder, Flüsse und Moorseen, weite Täler mit Fernsicht und grossem blauem Himmel, leuch­tende Kornfelder. Als ich mich intensiver dafür zu interessieren begann, war schnell klar, dass ich im Weinland nach Reben suchen wollte.» 2006 konnte Herbst schliesslich einen 20 Aren grossen Rebberg am Schiterberg bei Kleinandelfingen pachten, eine Top-Steillage mit alten Pinot-Noir-Stöcken, gepflanzt in den Jahren 1985 und 1987. Holger begann den Rebberg hobbymässig zu bewirtschaften, verzichtete von Beginn an auf chemisch-synthetische Herbizide sowie Insektizide und steckte jede freie Minute in seinen Weinberg.

Über die Jahre kamen weitere Weinberge in Trüllikon und Truttikon hinzu. Dort pflanzte er im Jahr 2016 auch etwas Pinot Blanc – ganz nach Vorbild des Truttiker Vorreiters Niklaus Zahner. Herbst begann als Traubenbauer im Weinland, und viele Jahre liess er seine Weine beim schweizweit bekannten Winzer Urs Pircher in Eglisau vinifizieren. In den letzten Jahren aber wuchs sein Bedürfnis, auch bei der Vinifikaton mehr Einfluss zu nehmen. Per 2018 werden seine Weine nun auch im Weinland vinifiziert, und zwar in einem Keller in Volken bei Flaach. «Das liegt viel näher an meinen Rebbergen», sagt Holger Herbst. «So werde ich nach den Rebarbeiten problemlos auch bei meinen Weinen vorbeischauen können.»

Die Nähe zum eigenen Wein ist sicher etwas, was vielen Rebbauern im Zürcher Weinland lange fehlte – eine der Hürden, um den Ruf der Region zu steigern. Nicht selten verschwanden beste Qualitäten in den grossen Tanks der Kooperativen und Kellereien. Nicht so bei den Selbstkelterern natürlich, die zwar einen verhältnismässig kleinen Teil der Reben pflegen, aber zum Ruf der Region massgeblich beitragen. Zu den Shootingstars des Weinlands – wenn man denn so will – gehören Nadine und Cédric Besson-Strasser aus Uhwiesen. Die Lagen des seit 2012 biodynamisch zertifizierten Winzerkellers Strasser liegen insbesondere am Cholfirst, dem nördlichsten Hügelzug des Kantons Zürich. Die Strassers besitzen aber auch Reben in Gächlingen im sehr viel be-kannteren, Schaffhausener Klettgau. Auf die durchaus suggestive Frage, wo denn das grössere Potenzial liege, antwortet der gebürtige Waadtländer Cédric Besson-Strasser pragmatisch: «In Uhwiesen sind wir zu Hause und sehen die Reben jeden Tag, nur hier sind wir in der Lage, die Reben und ihre Umgebung wirklich zu verstehen.»

Andrea und Peter Glesti verkaufen 75 Prozent ihrer Weine direkt ab Hof an Endkunden.
Andrea und Peter Glesti verkaufen 75 Prozent ihrer Weine direkt ab Hof an Endkunden.

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Der Cholfirst ist eine Moräne und deshalb eher steinig, mit viel Kies und vor allem Sand und Sandstein, während die Lagen im Klettgau von Lehm geprägt sind. «Der leichte Boden am Cholfirst ergibt sehr fruchtige Weine, die sich durch Eleganz auszeichnen», sagt Nadine Besson-Strasser. «Im Gegensatz zum schweren Lehmboden unserer Lagen im Klettgau, der eher breitere Weine hervorbringt.» Als einziger Schweizer Betrieb ist das engagierte Winzerpaar Mitglied beim renommierten französischen Verband für biodynamisch arbeitende Betrieb Biodyvin. Der internationale Austausch sei ihnen wichtig, denn in der Region – auch grösser gefasst – gebe es leider noch wenige Gleichgesinnte. «Unser Götti in der Vereinigung ist Olivier Zind-Humbrecht – bei Fragen hilft er uns immer gerne weiter. Für uns ist das unbezahlbar und ex­trem bereichernd, denn wir Winzer können noch so viel von der Natur lernen. Beobachtung ist gefragt!»

Während die Strassers bereits über die Grenzen hinaus stark vernetzt sind, gibt es im Zürcher Weinland auch immer noch vieles zu entdecken. Seit Anfang 2016 führen Andrea und Peter Glesti das Weingut ihrer Eltern Marlis und Hans Glesti in zweiter Generation. Das Etikett und der Auftritt erfuhren in der Folge eine Auffrischung und Aufwertung. Die bereits zuvor unter Weinland-Kennern beliebte, ungeschminkte Weinstilistik des Vaters wurde aber beibehalten. «Wir haben alle einen ähnlichen Geschmack», erzählt Peter Glesti. «Wir wollen Weine produzieren, die das Jahr und unsere Gegend widerspiegeln … und natürlich sollen diese auch unseren Kundinnen und Kunden gefallen.» Und das tun sie! Die Glestis verkaufen rund 75 Prozent ihrer Produktion direkt ab Hof an Privatkunden. Die Vorzüge des Weinlands scheinen doch nicht allen verborgen.

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ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 04/2018
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