Zürcher Stadtwein: Wine in the City

Der Rebberg Waid in Höngg ist der höchstgelegene Rebhang der Stadt Zürich. Insgesamt sind rund 16 Hektaren Stadtgebiet mit Reben bestockt.

© Zürich Torismus/Gian Vaitl

Der Rebberg Waid in Höngg ist der höchstgelegene Rebhang der Stadt Zürich. Insgesamt sind rund 16 Hektaren Stadtgebiet mit Reben bestockt.

© Zürich Torismus/Gian Vaitl

Der Weinbau in Zürich ist nicht neu, ganz im Gegenteil. Alte Stiche zeigen, dass im 18. Jahrhundert praktisch alle geeigneten Grünflächen innerhalb und ausserhalb der Stadtmauern mit Reben bepflanzt waren. Heute sind es immerhin noch 16 Hektaren. Der grösste Weinbaubetrieb der Stadt ist die Firma Landolt. 5,7 Hektaren bewirtschaftet diese derzeit. Die rund 40'000 Rebstöcke von Landolt stehen nicht etwa abgeschieden am Stadtrand, sondern teilweise mittendrin. Etwa in der Enge, im Rebberg Bürgli, wo einst Gottfried Keller wohnte, in der Burghalde Riesbach unweit der Klinik Burghölzli sowie am Hottinger Sonnenberg unterhalb des FIFA-Gebäudes.

«Selbst viele Zürcherinnen und Zürcher wissen nicht, dass es bei uns Weinbau auf Stadtgebiet gibt», erklärt Marc Landolt. Zu viel Wein jedoch hat Landolt nicht, «immer wieder prüfen wir Möglichkeiten, um weitere Flächen zu erschliessen», sagt er. Verkaufsschlager ist seit einigen Jahren der Zürich Brut, ein mittels traditioneller Flaschengärung hergestellter Schaumwein aus 100 Prozent Stadtzürcher Trauben.

Konzipiert haben Landolts den Wein damals gemeinsam mit dem bekannten Zürcher Gastronomen und Wein­experten Markus Segmüller, der unter anderem das Restaurant «Carlton» an der Bahnhofstrasse betreibt. Der Weg zum Erfolg war für alle nicht einfach – der Stadtzürcher Wein hatte lange keinen besonders guten Ruf. «Viele Leute aus meiner Generation lehnen Schweizer Wein per se noch immer ab», sagt Marc Landolt und lacht. «Doch es gibt ja nicht nur die Mittfünfziger. Die jüngeren Leute sind sehr empfänglich für das Thema. Drink local ist nicht erst seit Corona ein absoluter Trend.»

Die Rebarbeiter – hier bei Landolt – stehen in Zürich unter Beobachtung. Insbesondere beim Pflanzenschutz ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Die Rebarbeiter – hier bei Landolt – stehen in Zürich unter Beobachtung. Insbesondere beim Pflanzenschutz ist Fingerspitzengefühl gefragt.

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Neues Qualitätsniveau

Der Trend zum lokalen Wein ist bei allen Zürcher Weinbetrieben spürbar. Auch Walter Zweifel bestätigt das. Seine Firma Zweifel Weine handelt mit Wein, baut Trauben an und verarbeitet diese in der eigenen Kellerei in Zürich-Höngg. Zweifels Bruder Urs ist Önologe und keltert den Grossteil der Trauben aus der Stadt, darunter auch die von Marc Landolt.

Den Erfolg der Stadtweine alleine am Trend zum Lokalen festmachen will Walter Zweifel nicht. «Das Angebot im qualitativen Sinne ist besser geworden», sagt Zweifel. Einerseits liege das an der verbesserten Kellertechnik, andererseits am wärmeren Klima, das heute auch die Produktion von kräftigeren Weinen möglich macht. Längst werden auf Stadtgebiet nicht nur Zürcher Klassiker wie Pinot Noir oder Räuschling angebaut, sondern auch Traubensorten wie Merlot, Zweigelt oder Neuzüchtungen wie Prior und Cabernet Dorsa.

«Speziell am Weinbau auf Stadtgebiet ist die Stadtwärme», gibt Walter Zweifel zu bedenken. «Im Vergleich zum Land messen wir hier eine um 1 bis 1,5 Grad höhere Durchschnittstemperatur. Die Trauben reifer macht das aber eigentlich nicht, wir haben hier jedoch wesentlich weniger Pro­bleme mit Frost als auf dem Land.»

Pflanzenschutz unter Beobachtung

Vor Rebkrankheiten verschont werden natürlich auch die Stadtzürcher Weine nicht, der Pflanzenschutz mittels Spritzen muss auch hier erfolgen. Das führt gezwungenermassen zu Begegnungen der schwierigen Art. Familie Wegmann, die auf acht Hek­taren Obst- und Weinbau im Frankental unterhalb der ETH Hönggerberg betreibt, erlebt oft, dass Fussgänger sich wundern, wenn gespritzt wird.

«Es ist logisch, dass die Leute darauf empfindlich reagieren», sagt Daniel Wegmann. «Doch im besten Fall sprechen sie uns an, und wir können erklären, was genau wir tun.» Denn Wegmanns wie auch alle anderen Weinbauern in der Stadt Zürich spritzen nur das Allernötigste und dabei Mittel, die für Mensch und Tier unbedenklich sind.

«Da wir auch Obst anbauen, merken wir jeweils früh, wie die Situation im Herbst ist und können darauf reagieren.» Wegmanns Hof befindet sich gleich an der Stadtgrenze, sie betreiben einen Hofladen mit Gemüse und Obst verkaufen den eigenen Wein und viele andere Produkte. Ein Ausflug dorthin ist fast wie ein Ausflug aufs Land, auch wenn man sich in Tat und Wahrheit nach stets auf Stadtgebiet befindet.

«Unser Fokus ist ein anderer als der vieler Weinbauern», sagt Daniel Wegmann. «Wir verkaufen in erster Linie Tafelobst, und dieses muss stets makellos sein, diesen Anspruch haben wir auch bei den Trauben.» Vinifiziert werden auch Wegmanns Trauben von der Weinkellerei Zweifel. «Wir hören im Herbst oft, dass unsere Trauben die schönsten sind», sagt
Zarina Wegmann, Daniel Wegmanns Frau. «Die Qualität sieht man nicht nur, die schmeckt man auch im fertigen Wein.» Wegmanns verkaufen einen Grossteil ihres Weines direkt ab Hof, die Zürcher Gastroszene ist auf ihre Produkte bis heute aber nicht gross aufmerksam geworden.

Städtischer Weinbau

Selbiges gilt auch für die Weine aus dem städtischen Rebberg Chillesteig in Höngg, denn nicht nur private Weinbauern, sondern auch die Stadt selbst betreibt in Zürich Weinbau. Seit vergangenem Jahr ist die junge Winzerin Karin Schär für den städtischen Weinbau verantwortlich. Angesiedelt ist der Winzerjob bei Grün Stadt Zürich, der städtischen Abteilung also, die auch Parks, Grünanlagen und Freiräume aller Art auf Stadtgebiet pflegt.

2020 ist Schärs erster voller Jahrgang im Stadtrebberg, dieser befindet sich nur wenige Schritte vom Meierhofplatz im Herzen Hönggs entfernt. «Als ich meinen Kollegen von meinem neuen Job erzählt habe, musste ich zuerst oft erklären, wo der Rebberg überhaupt ist», sagt sie und lacht. Bei der Weinlese 2019 – ihrer ersten im städtischen Betrieb – konnte Schär bereits auf die Hilfe von einigen Kollegen zählen.

«Ich habe Leute auf einem Musikfestival angesprochen, ob sie nicht Lust hätten zu helfen, einige waren spontan dabei.» Schär ist überzeugt, dass die beste Werbung für den Stadtzürcher Wein ist, wenn die Leute die Rebberge in ihrer unmittelbaren Umgebung begehen und erleben.

Bestrebungen in diese Richtung sind nicht nur bei der Stadt zu beobachten, die Firma Landolt beispielsweise bietet ihren Kunden geführte Wanderungen durch die Stadtrebberge an. Nicht nur die Lesehelfer werden durch die neue Stadtwinzerin Karin Schär verjüngt, auch über eine Verjüngung des Rebbestands denkt sie zurzeit nach. Insbesondere die gegen Pilzkrankheiten resistenten PiWi-Sorten haben es ihr angetan, solche möchte sie statt der alten Pinot-Noir-Reben pflanzen.

Denn auch im städtischen Rebberg wird so zurückhaltend wie nur möglich gearbeitet, und auch eine Biozertifizierung ist bereits angedacht. «Der städtische Rebberg ist auch ein Naherholungsgebiet und deshalb in vielerlei Hinsicht wichtig, längst nicht nur für die Weinproduktion. Ich musste mich an die Leute, die mir bei der Arbeit zuschauen, zuerst gewöhnen, heute will ich sie aber nicht mehr missen.»

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