World Champions: Frescobaldi

Lamberto de' Frescobaldi, Präsident der Frescobaldi-Gruppe, lässt den Blick über seine Weinberge beim Castello di Nipozzano schweifen.

© Pierre Monetta

Lamberto de' Frescobaldi, Präsident der Frescobaldi-Gruppe, lässt den Blick über seine Weinberge beim Castello di Nipozzano schweifen.

© Pierre Monetta

Es ist ein herzlicher Empfang ohne Standesdünkel oder Überheblichkeit. Und das ist bei einem Mann wie Lamberto de’ Frescobaldi keine Selbstverständlichkeit. Auf dem weiten Platz vor dem Castello di Nipozzano steht immerhin der Abkömmling einer Familie, die seit über 700 Jahren Weinbau betreibt. Lamberto repräsentiert die 30. Generation. Das flösst Ehrfurcht ein, ob man will oder nicht.

Nicht weniger als 29 Generationen waren davor bereits im Weinbau tätig und hatten versucht, gemäss dem jeweiligen Wissensstand das Beste daraus zu machen. Da sammelt sich ein unermesslicher Erfahrungsschatz an. Der oft salopp dahingesagte Spruch, nachdem wir diese Welt nur für die nächsten Generationen verwalten, wird plötzlich greifbare Realität. 

Formalrechtlich ist Frescobaldi heute zwar eine Aktiengesellschaft, befindet sich aber doch fest in Familienhand. Es sind drei Frescobaldi-Brüder, die das Unternehmen seit den 1960er-Jahren leiteten: Vittorio, der älteste, ist heute Ehrenpräsident, Leonardo und Ferdinando, er ist der jüngste, machten den Betrieb international bekannt.

 

Eine Familiengeschichte: Heute ist bereits die 30. Generation von Frescobaldis am Werk.
Eine Familiengeschichte: Heute ist bereits die 30. Generation von Frescobaldis am Werk.

© Pierre Monetta

Nun ist die 30. Generation am Ruder. Nach einer fundierten Ausbildung in Italien und Kalifornien war Lamberto de’ Frescobaldi zunächst für die Bereiche Weinbau und Weinerzeugung verantwortlich. Seit 2013 ist er Präsident der gesamten Frescobaldi-Gruppe. 

Frescobaldi erzeugte von jeher die Weine ausschliesslich aus eigenen Weinbergen und war nie als Weinhändler tätig. Sechs Weingüter, die sich auf die gesamte Toskana verteilen, gehören zum Familienbesitz: Castiglioni, Pomino, Nipozzano, Rèmole, Castelgiocondo und Ammiraglia.

Der älteste Besitz

Castiglioni: Wo alles begann. Dieses Anwesen bei Montespertoli südwestlich von Florenz ist das älteste in Frescobaldi-Besitz. Im 13. Jahrhundert hat dort erstmals ein Frescobaldi Wein erzeugt. Heute gehören zum Gut 513 Hektaren Land, von denen 148 mit Reben bepflanzt sind, vornehmlich mit Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Sangiovese. Hauptwein ist der Tenuta Frescobaldi di Castiglioni, eine fein abgestimmte Cuvée aus allen vier Sorten. «Wir haben auf Castiglioni aber auch einen besonderen Weinberg, der sich durch seinen hohen Lehmanteil auszeichnet. Ideal für Merlot», erklärt Lamberto de’ Frescobaldi. Dort entsteht der Giramonte, ein satter, samtiger Merlot mit einem kleinen Anteil Sangiovese. 

Die Frescobaldis besitzen sechs Weingüter in der Toskana, Castelgiocondo in Montalcino ist eines davon.
Die Frescobaldis besitzen sechs Weingüter in der Toskana, Castelgiocondo in Montalcino ist eines davon.

© Andrea De Maria

Der erste Barrique-Weiße

Castello di Pomino: ein Stück Burgund in der Toskana. Das rund 35 Kilometer nordöstlich von Florenz am Apennin gelegene Anwesen gelangte über die Albizi, eine weitere wichtige Florentiner Adelsfamilie, in den Besitz der Frescobaldis. Die 108 Hektaren Weinberge liegen in einer Höhe von 400 bis 750 Meter, das ist für die Toskana recht ungewöhnlich. Auch die angepflanzten Sorten liegen ausserhalb des Üblichen: Pinot Noir, Chardonnay und Weissburgunder. 

© Pierre Monetta

Was nun klingt wie eine neue Vino-da-Tavola-Variante hat weit ältere Wurzeln. Bereits 1855 brachte Leonia degli Albizi diese Sorten aus Frankreich mit und ersetzte damit die traditionelle Trebbiano-Rebe. 

Herausragend ist der Benefizio Riserva Pomino Bianco. Er wurde erstmals 1973 erzeugt und war damit der erste Barrique-Weisswein Italiens. Ein mineralischer, geschliffener Weisswein, wie man ihn in der Toskana nicht vermuten würde. 

Vin Santo

Eine andere Spezialität reift im Dachgeschoss des Castello: der Vin Santo. Die Trauben werden spät gelesen, teilweise bereits leicht rosiniert, und dann bis in den Dezember hinein getrocknet. Anschliessend kommt der Most in gebrauchte Barrique-Fässer und bleibt dort vier Jahre. In langsamer Gärung, die in den kalten Wintermonaten immer wieder zum Stillstand kommt, wird aus dem süssen Most köstlicher Vin Santo. Seit 2010 entstehen auf Pomino auch zwei feine Spumanti in klassischer Flaschengärung: der Leonia Pomino Brut und der Leonia Pomino Rosé, Letzterer ausschliesslich aus Pinot-Noir-Trauben. 


Castello di Nipozzano: die Tradition der Toskana. Fünf Kilometer unterhalb von Pomino, im Anbaugebiet des Chianti Rufina, liegt das Castello di Nipozzano.

Die zu Nipozzano gehörenden Weinberge sind ausschliesslich mit roten Traubensorten bestockt: Sangiovese, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Canaiolo, Malvasia Nera und etwas Petit Verdot. Die ton- und kalkhaltigen kargen Böden bieten beste Voraussetzungen für die Entstehung grosser Rotweine. Der Nipozzano Riserva, ein Chianti -Rufina, ist gewissermassen der «Basiswein» des Gutes.

Foto beigestellt

Andere wären froh, wenn ihr Spitzenwein solche Qualitäten hätte. Seit einigen Jahren gibt es von diesem Wein auch eine Selektion, den Nipozzano Vecchie Viti Riserva, ein Chianti Rufina in Bestform. Die Trauben für den Montesodi, einen reinsortigen Sangiovese, der seit 1974 erzeugt wird, stammen aus einer Einzellage gleichen Namens. 

Der Mormoreto schliesslich besteht aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Petit Verdot und etwas Sangiovese: ein fleischiger, mächtiger Tropfen, der nur in den -besten Jahren erzeugt wird. Nach einer umfassenden Restaurierung wurden in einem Nebengebäude des Schlosses vier exquisite Zimmer eingerichtet, ideal für eine Weintour durch die Toskana.

Castelgiocondo: opulenter Brunello und kräftiger Merlot. Die Ursprünge des Ansitzes am Südwestabgang von Montalcino gehen auf das Jahr 1100 zurück. Die lehmhaltigen Böden und das trockene, warme Klima – das Meer ist nur 40 Kilometer entfernt – bieten ideale Voraussetzungen für den Weinbau. Neben dem duftigen und geschliffenen Brunello di Montalcino, dem mächtigen und strukturierten Brunello Riserva Ripe al Convento, der nur in Ausnahmejahren erzeugt wird, und dem saftig-frischen Rosso di Montalcino Campo ai Sassi, ist Castelgiocondo auch der Ursprung des reinsortigen Merlot Lamaione, dessen satte, fleischige Frucht und samtigen Tannine in den letzten Jahren begeisterte Anhänger auf der ganzen Welt gefunden haben.

Jüngstes Weingut

Tenuta Ammiraglia: die Fülle der Maremma. Die Tenuta Ammiraglia im Südwesten der Toskana ist das jüngste Weingut der Frescobaldis. 2011 wurde der Kellerneubau eingeweiht, der durch seine schnittige, moderne Linienführung auffällt. Die Frescobaldis erzeugen auf Ammiraglia den Pietraregia, einen Morellino di Scansano Riserva, den Terre More Cabernet und den Massovino aus der wiederentdeckten Vermentino-Traube, einen frischen, saftigen Weisswein. Top-Wein ist der Ammiraglia, ein würziger, dichter Syrah, eine Sorte, die sich im heissen und trockenen Klima der Maremma besonders wohl fühlt. 

© Andre De Maria

Rèmole, die Herzlichkeit der Toskana. Die Villa Rèmole liegt in Sieci, östlich von Florenz. Hier ist das umfangreiche historische Archiv der Familie Frescobaldi untergebracht. In den Weingärten ringsum entstehen Rèmole Rosso, Rèmole Bianco und Rèmole Rosato, herzhafte Weine, die Trinkgenuss zu einem angenehmen Preis garantieren.

Wein aus dem Gefängnis

Der jüngste Wein von Frescobaldi ist der Gorgona, ein mineralischer, salziger Weisswein aus Vermentino und Ansonica, der auf der gleichnamigen Gefangeneninsel von den dort untergebrachten Sträflingen erzeugt wird. Lamberto de’ Frescobaldi: «Dieses Projekt ist mir ein grosses persönliches Anliegen. Wir wollen damit unseren Beitrag zur Resozialisierung der Gefangenen leisten.» Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Weins werden Ausbildungskurse für die Gefangenen und Massnahmen zu deren Wiedereingliederung finanziert. 

Und schliesslich gehören auch noch Luce, Ornellaia und Masseto zur Frescobaldi-Gruppe; aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls bietet Frescobaldi eine umfangreiche Palette an spannenden, authentischen Weinen, in denen die ganze Vielfalt der Toskana zum Ausdruck kommt. 

Tasting: Best of Frescobaldi

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 05/2017

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