World Champions: Egon Müller

Ein Weingut mit Tradition: Die Weinberge rund um den Scharzhof sollen bereits in der Römerzeit existiert haben.

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Ein Weingut mit Tradition: Die Weinberge rund um den Scharzhof sollen bereits in der Römerzeit existiert haben.

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Egon Müller bittet in den Salon. Der halbhoch getäferte Raum im Erdgeschoss des altehrwürdigen Scharzhofs erfüllt eine Funktion, für die moderne Weingüter mindestens vier Gebäudeteile benötigen: Probenraum und Büro, Vinothek und Konferenzraum. Er tut dies auf seine eigene Weise, mit Polstersofa und Sesseln im Stil von Louis XV., mit einer kleinen Bibliothek am einen und einem offenen Kamin am anderen Ende des Raumes. Schon steht auch eine Flasche Wein auf dem Tischchen neben der Sitzgruppe, kellergrau und ohne Etikett. «Wir sind früh dran», sagt Müller, und damit meint er nicht die Uhrzeit (halb drei Uhr nachmittags), sondern den Stand der Vegetation Anfang März 2017.

Egon Müller ist Patron des Weinguts und führt es erfolgreich in vierter Generation.

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Der Hund des Hauses, ein Weibchen der Rasse Australian Cattle Dog, beobachtet schwanzwedelnd, wie Müller den Korken aus der Flasche hebelt und ihn beschnuppert. Im Stehen giesst Müller in zwei Gläser, gekleidet in einen blauen Fleece-Pullover und eine saloppe Hose mit aufgesetzten, geräumigen, bis zu den Knien reichenden Seitentaschen. 

Ein Ranger

Noch in seiner Kindheit, so erzählt Müller schliesslich in einem Sessel sitzend, gab es Kühe auf dem Scharzhof. Täglich wurde gemolken, in der Küche stand eine Zentrifuge zum Entrahmen der Milch. Der Mist war wertvoller Dünger für die Reben. Wenn es Nachwuchs gab, musste man sich beeilen, den Kälbern innerhalb der ersten zwei Stunden die Ohrmarke zu setzen. «Ich bilde mir zwar ein, schnell zu sein, doch die Kälber sind noch schneller.» Als der Mitarbeiter, der sich um die Kühe gekümmert hatte, in Pension ging, wurde auch das Milchvieh abgeschafft. Müller scheint das durchaus zu bedauern, denn Weinbau, das wird deutlich, ist für ihn nur ein Teil des landwirtschaftlichen Nutzens, den die Kulturlandschaft Scharzhofberg ermöglicht. Ein wichtiger Teil, sogar ein zentraler – aber im Prinzip nicht der einzige.

Erbaut 1851, nach einem Brand 1920 umgestaltet: der «neue» Scharzhof.

Erbaut 1851, nach einem Brand 1920 umgestaltet: der «neue» Scharzhof.

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Ein Mann von Welt

Der Weltruhm der Scharzhof-Weine steht in einem gewissen Gegensatz zu diesem Selbstverständnis. Rund 16.000 Franken pro Flasche erlöste die 2003er Scharzhofberger Trockenbeerenauslese vor zwei Jahren bei der Versteigerung des Grossen Rings – Weltrekord. Und im vergangenen Jahr begannen bei der Trierer Auktion selbst die Preise für den Scharzhofberger Kabinett zu galoppieren: Mit seinem Preis von nahezu 220 Franken pro Flasche dokumentiert der 2015er mit dem Zusatz «Alte Reben», dass selbst der leichtesten Gewichtsklasse der Scharzhofberger Weine höchste Wertschätzung entgegengebracht wird. 

Wie geht das zusammen, frage ich – diese Bodenständigkeit des Alltags auf dem Scharzhof und der splendor, mit dem die Weine in aller Welt gefeiert werden? «Ich habe es ja nie anders kennengelernt», sagt Müller und klingt dabei ziemlich affektfrei. «Letzte Woche war ich in New York, nächste Woche bin ich in Australien, doch jetzt gerade freue ich mich, hier zu sein. Vor unserem Termin war ich bei den Frauen im Weinberg.» Und dann sagt er etwas, was man für Tiefstapelei halten könnte, wenn man nicht hört, wie es gesagt wird: «Dies ist kein grosses Weingut.»

Ohne Entfremdung

Der Wein im Glas wirkt alterslos, elektrisiert den Gaumen geradezu vor Nerv und Mineralität. Es ist ein Kabinett, Jahrgang 2004 – eine Erinnerung auch daran, dass die Scharzhofberger Weine grundsätzlich keine Geschmacksrichtung auf dem Etikett tragen. Doch daraus zu schliessen, sie seien alle süss, wäre ein Fehlschluss: «Es gibt trocken etikettierte Weine», sagt Müller, «die weitaus weniger trocken sind als das hier.» Und weiter: «Wir haben das Glück, hinter dem Produkt zu stehen. Das Schönste ist, ein Produkt von Anfang an zu begleiten. Wir sehen die Reben, dann kommt die Lese. Und schliesslich gärt der Wein im Keller. Die meisten Produkte werden aus Vorstufen erzeugt, dann reden wir über Lieferanten. Bei uns ist das anders.»

Teamwork bei der Wienlese.

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Alles in einer Hand, frei von Entfremdung. Und geordnet nach einer sehr eigenen, über Generationen bewährten Logik. Alle Lesepartien gären in alten, geschmacklich weitgehend neutralen Fudern. Manche Fässer gären dabei durch, andere hören auf zu gären, während der Wein noch süss ist, wieder andere werden gestoppt, wenn sie die ideale Balance erreicht haben. Vor allem bei den Prädikaten Kabinett und Spätlese ergibt dann die Auswahl der verschiedenen Fuder das schlussendlich zur Abfüllung gelangende Mosaik. 

Dass im Keller des Scharzhofs mit Stefan Fobian schon seit dem Jahr 2000 ein gebürtiger Hamburger tätig ist, sagt auch zudem viel aus über die Art und Weise, hier zu denken und zu arbeiten: Fobian entdeckte sein Faible fürs Weinmachen, als ein Chemielehrer der Klasse die Aufgabe stellte, aus Bananen und anderen Früchten Wein zu machen. Da merkte er: Er hat ein Händchen fürs Vergären. Fobian ist kein spin doctor, der im Keller mit Pülverchen, Tricks und Kniffen arbeitet – für ihn ist es ein Handwerk, Traubenzucker in Alkohol umzuwandeln. Nicht mehr und nicht weniger. Müller, angesprochen darauf, ob es nicht eine ungewöhnliche Personalentscheidung gewesen sei, jemanden in den Keller des Scharzhofs zu holen, der keinen eigenen Weinbau-Hintergrund hat, versteht beinahe die Frage nicht: «Pff! Warum denn nicht?»

Mit Geschichte

Und dann folgt ein Satz, der wieder wie in Stein gemeisselt wirkt in seiner anspruchslosen und gerade darum so markanten Aussage: «Hier hat man schon immer den Weinberg für besonders wichtig gehalten.» Dabei heisst «schon immer» vermutlich «seit den Tagen der Römer», denn der Name «Scharzhof» könnte ein Bezug auf das lateinische Verb «sarcire» (roden, planvoll anlegen) sein. Wahrscheinlich war der Steilhang im kühlen, windoffenen Seitental der Saar mit seinem stark verwitterten Devonschiefer schon lange als ideales Weinbaugelände erkannt, als im achten Jahrhundert die Klöster entstanden. Spätestens seit dem Beginn des elften Jahrhunderts gehörte der Scharzhof mitsamt seinen Weinbergen dem Trierer Benediktinerkloster St. Maria ad Martyres. 

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Später war es ein Mönch ebendieses Klosters, Jean-Jacques Koch, der den als bien national verstaatlichten Scharzhof 1797 aus napoleonischer Verwaltung erwerben konnte. Nach seinem Austritt aus dem Kloster heiratete Koch seine 15 Jahre jüngere Haushälterin, mit der zusammen er sieben Kinder ins Erwachsenenalter grosszog. Eine der gemeinsamen Töchter, Elisabeth Koch, ehelichte später den gebürtigen Schwarzwälder Felix Müller. Mit diesem begann die Geschichte der Dynastie Müller zu Scharzhof. Egon Müller IV., der heutige Herr über Haus und Keller, ist der Ururenkel von Elisabeth Koch und Felix Müller. 

Da der 2004er Kabinett leer ist, erhebt sich Egon Müller und verlässt den Raum. Aus dem Hausflur ist das Knarzen einer Türe zu hören. Einige Zeit später kehrt er mit einer weiteren Flasche zurück. Während er den Korken zieht, erzählt Müller weiter: «Von meinem Urgrossvater heisst es, dass er mit dem Verkauf eines einzigen Fuders die Arbeitskosten eines ganzen Jahres decken konnte. Er hat in einem einzigen Jahr seine Schwester ausbezahlt und ein Haus gebaut. 1900 hat er den Grand Prix in Paris gewonnen, das war seine Zeit.»

Danach ging es nicht immer weiter bergauf. In den Dreissigerjahren fehlte es an Kupfer und Schwefel, um die Reben zu spritzen. Nach 1945 musste Egon Müller III. alles wieder aufbauen, mitten im Weinberg lag eine abgeschossene amerikanische Thunderbolt. Es dauerte bis 1976, bis die letzten Kriegsschäden beseitigt waren. Immerhin waren die alten Reben, gepflanzt in der grossen Zeit des Urgrossvaters zwischen 1895 und 1905, weitgehend unbeschadet durch die schwierige Zeit gekommen. Und Egon Müller III. griff beherzt zu, als er in den Fünfzigerjahren eine Hälfte des schon länger mitbewirtschafteten Weinguts Le Gallais kaufen konnte. Seit 1991 führt nun der vierte Egon Müller den Scharzhof – in einem Sinn, der Tradition als Weiterentwicklung versteht und nicht als Erstarren in Routine.

Hands-on Mentalität gefragt: Egon Müller arbeitet tatkräftig mit.
Hands-on Mentalität gefragt: Egon Müller arbeitet tatkräftig mit.

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«So eine Familientradition», sagt Müller nachdenklich, «hat ja auch etwas Belastendes. Wenn ich derjenige bin, der es an die Wand fährt, dann gucken die anderen von da oben runter.»
Egon Müller IV, Patron des Scharzhofs

Der frisch eingegossene Wein duftet betörend, am Gaumen ist er ebenso saftig und rassig wie der vorherige, und dies mit noch mehr Zartheit und Finesse. Im Abklang entfaltet sich wie von Zauberhand ein Aroma von weisser Trüffel. Egon Müller lächelt. Und er weiss tief drinnen wohl genau, dass er kritische Blicke seiner Ahnen kaum zu fürchten braucht.

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 03/2017

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