World-Champions: Coche-Dury

Jean-François Coche im Keller: Ab Weingut sind seine Weine gar nicht sehr teuer. Doch auf dem Sekundärmarkt explodieren die Preise.

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Jean-François Coche im Keller: Ab Weingut sind seine Weine gar nicht sehr teuer. Doch auf dem Sekundärmarkt explodieren die Preise.

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Nach exakt 60 Minuten ist die Aufführung vorüber. Die Mitglieder der kleinen Runde, die eine exklusive Verkostung im schmucklosen Caveau der Familie Coche geniessen durften, hängen artig ihre gebrauchten Gläser, Kelch nach oben, an einen offenbar eigens für diesen Zweck geformten Baum aus Schmiedeeisen. Ein Gastronom aus dem Nachbarort Pommard, ein Weinhändler aus Paris, der Würdenträger einer örtlichen Weinbruderschaft, der den Coches seit Langem verbunden ist – und ein Weinjournalist bekamen einen Querschnitt des Jahrgangs 2015 ins Glas, nebst Raphaël Coches Erläuterungen. Doch jetzt ist die Zeit abgelaufen, das signalisieren Raphaël und Jean-François Coche ebenso höflich wie eindeutig. Welch ein Kontrast, diese beiden Männer: Raphaël, schlank und hoch aufgeschossen, mit getrimmtem Bart und Kurzhaarschnitt, Typus jung und hungrig, und sein Vater, fast einen Kopf kleiner, glatt rasiert, mit Basecap auf dem Kopf und Brille auf der Nase, nachgerade mit der Aura eines als Landmann verkleideten, etwas verschrobenen Intellektuellen.

«Der Aligoté wird genau gleich vinifiziert wie der Corton Charlemagne. Man kann ihn 15 Jahre liegen lassen, kein Problem.» Raphaël Coche, Domaine Coche-Dury

«Der Aligoté wird genau gleich vinifiziert wie der Corton Charlemagne. Man kann ihn 15 Jahre liegen lassen, kein Problem.» Raphaël Coche, Domaine Coche-Dury

© Jon Wyand

Sechzig Minuten sind also um, aber was für eine Verkostung! Die Abfolge führte von Aligoté («wird genau gleich vinifiziert wie der Charlemagne»), Puligny-Montrachet und diversen Meursaults bis zum Corton Charlemagne und dann noch zu Roten aus Monthelie, Volnay und Pommard. Dabei lässt sich quer durch alle Herkünfte und bei beiden Farben – auch bei den Rotweinen! – der Stil Coche-Dury mit Händen greifen: Diese Weine sind Balancewunder. Und dabei hat man den Eindruck, als habe sich das famose Gleichgewicht in jedem von ihnen völlig von selbst eingestellt, ohne jedes menschliche Zutun – zumindest ohne Zutun im Keller.

Und noch etwas ist den Weinen der Coches zu eigen: Beim ersten Kontakt, beim Beschnuppern und bei einem ersten bedächtigen Nippen tun sie so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, erscheinen scheu und unspektakulär. Spätestens beim zweiten Schluck kommen sie dann aber mit Macht aus dem Hintergrund. Beispielhaft der 2015er Enseignères von einer der mineralischsten (aber nur als Villages klassifizierten) Lage in Puligny-Montrachet. Wirkt der Wein anfangs geschmeidig und dabei auf eine merkwürdige Weise fast schlank, so tritt beim zweiten Schluck alles Weiche zurück, und eine Bissigkeit baut sich auf, nimmt den Gaumen fest in den Griff. Es ist, als seien Extrakt, Säure und Mineralität auf einem Stecknadelkopf konzentriert – nicht wohlschmeckend, nein, natürlich nicht in diesem Embryonalzustand, aber eine Fantasie erweckend, was daraus nach fünf oder besser zehn Jahren werden kann: ein Wein, der Volumen und Bündelung hat, Stoffigkeit und Schmelz, Reife und Frische. Kurz: ein Wein, der die Vereinigung von Gegensätzen hinbekommt. Der eine Balance hat, die auf komplexe Weise Dutzende Nuancen austariert und dabei die Anmutung grösster Selbstverständlichkeit besitzt.

Die Nase ins Glas vergraben: Jean-François Coche in der Pose des Grüblers.

© Jon Wyand

Aufgrund welcher Kriterien entscheidet die Familie den Lesezeitpunkt, will ich nach der Probe des Enseignères wissen. Und Raphaël Coche lacht, als hätte er diese Frage schon erwartet. Sie würden – so seine Antwort, die eigentlich eine Antwort auf eine andere als die gestellte Frage ist – Ende August immer gerne eine Woche Ferien machen. Bevor der Startschuss in dieses Atemholen vor dem Herbst falle, sei eigentlich plus/minus zwei, drei Tage schon klar, wann die Lese sein werde. Es müsse dann schon etwas sehr Ungewöhnliches passieren, um den Zeitplan umzustossen. 2003 sei das passiert, als im August eine extreme Hitzewelle über die Weinberge zog. Aber sonst?

Mit dieser Antwort bleibt natürlich ziemlich viel ungesagt. Aber die Zeit ist ja schliesslich knapp – und es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen einer solchen Gruppenaudienz, dass sich ein hochnotpeinliches Verhör mit bohrenden Nachfragen verbietet. Und ja, die Weine selbst sind so eloquent, dass man den Wunsch der Coches verstehen kann, sie nicht durch plakative Erklärungen ins Profane zu ziehen, wo eine Prise Mysterium den Genuss doch eher noch steigert. Einen Einblick in den Pragmatismus der Familie gibt der ausgezeichnete rote Premier Cru aus Volnay: Für diesen ohne Lagenbezeichnung abgefüllten Wein verwenden die Coches Trauben aus den Premiers Crus Taillepieds und Clos des Chênes. «Die Parzellen, die wir dort haben, sind so klein, dass wir quasi eine Mikrovinifikation machen müssten, wollten wir die Lagen separat keltern. Bei der Weinbereitung wird alles viel einfacher, wenn wir die Trauben zusammentun und auf eine ordentliche Menge kommen», so Raphaël Coche. Das Ergebnis ist ein superber Volnay, auf Augenhöhe mit den Weinen von Michel Lafarge oder von Marquis d’Angerville: floral im Duft mit subtil mineralisch begleiteter Frucht im Gaumen.

Zeugnis des aus dem Wein stammenden Reichtums: Das Rathaus von Meursault residiert in einem Schloss aus dem 14. Jahrhundert.

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Und dann, als Raphaël Coche vorangeht und die Tür ins Freie öffnet, als das Grüppchen blinzelnd ins jäh blendende Tageslicht tritt, gibt es doch noch eine kleine Zugabe. Noch vor dem Händedruck zum Abschied wendet sich Jean-François Coche dem Gebälk zu, das ein kleines Vordach vor dem Kellereingang trägt. Auf dem Holz stehen Kreidezeichen: Januar null, Februar null, Mai 73, Juni 81, Juli 65, August 30, September 32. Die Niederschlagsmengen des Jahres 2017, und zum Vergleich auf dem oberen Querbalken die Jahressummen der Vorjahre. «Der Winter war extrem trocken, aber dann war es viel zu feucht, und erst der vergleichsweise trockene August und September haben uns gerettet», sagt Coche und ist dabei wieder ganz der Grübler im Gewand des Bauern, ein Wolf im Schafspelz, genau wie seine Weine, um die es ihm geht wie ganz offenkundig um nichts sonst auf diesem Planeten.

Domaine Coche-Dury
9 rue Charles-Giraud
21190, Meursault
Burgund
Frankreich
T. +330380212412

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