Wissenschaft: Bier-Märchen

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»Bier auf Wein, das lass sein. Wein auf Bier, das rat ich dir.« Macht es wirklich einen Unterschied, in welcher Reihenfolge getrunken wird? Immerhin ist ein Glas Bier als Aperitif durchaus verbreitet, bevor man mit Wein startet.

Das Sprichwort geht jedoch vermutlich auf das Mittelalter zurück: Wein war ein ­Getränk des Adels, Bier jenes des Pöbels. Von Bier auf Wein umzusteigen, hieß demnach, sozial aufzusteigen. Umgekehrt war es ein Abstieg. Der Ratschlag war also rein metaphorisch zu verstehen. In Zeiten von Biersommeliers und Craft-Bieren entwickelt sich ohnehin ein distinguierter Umgang, und immer mehr Biertrinker bestellen nicht einfach nur »ein Bier«.

Mythos Bierbauch

Doch wer viel Bier trinkt, sagt man, dem sieht man’s auch an. Dabei ist ein großer Taillenumfang nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern auch gesundheitlich relevant. Denn das Fett um die Leibesmitte ist besonders stoffwechselaktiv und fördert die Bildung von Hormonen und entzündungsfördernden Substanzen. Deswegen haben »Apfeltypen« mit einem akzentuierten Bauch im Vergleich zu »Birnentypen«, die Hüftgold speichern, ein höheres Risiko für ungünstige Blutfettwerte, erhöhten Blutdruck und Diabetes Typ 2.

Wie steht es also um den Einfluss von Bier? Große Beobachtungsstudien zeigen: Bierkonsum und Bauchumfang gehen nicht eindeutig Hand in Hand. Wer keines oder wer viel davon trinkt, legt eher zu. Bei Frauen können täglich mehr als 250 Milliliter Bier und bei Männern mehr als ein Liter zu einer Gewichtszunahme führen, allerdings nicht ­nur rund um die Leibesmitte.

Auch genetisch bedingt

Ob sich mehr überschüssige Energie am Bauch oder anderswo festsetzt, hängt freilich nicht allein von Bier ab. Die Gene scheinen eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen, und zwar besonders beim ACE-Enzym. Dieses bestimmt unter anderem mit, wo Fett im Körper deponiert wird: Menschen mit der DD-Genvariante scheinen deutlich häufiger übergewichtig zu sein und einen höheren Taillenumfang aufzuweisen als Personen mit anderen ACE-Genvarianten. Eine gefundene Ausrede? Nicht unbedingt. Wer sich genügend bewegt und auch ausgewogen isst, hat immer noch gute Chancen, nicht zu viel Fett anzusammeln.

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Wirkt das Reparaturbier?

Ein Gulasch und ein Glas Bier richtet manche nach Feierlaune wieder auf. Aber hilft das Bier? Oder verdrängt es nur die Symptome für eine Weile? Und gilt das immer oder hängt es davon ab, wovon man zu viel getrunken hat?

Ein paar Worte zum Alkoholabbau: Für besondere Katerstimmung sorgt Methanol. Der einfachste Vertreter der Alkohole unterscheidet sich geringfügig in seiner chemischen Struktur von Ethanol und entsteht als Begleitalkohol bei der Gärung und der Spaltung von Pektinen, die in Schalen von Früchten vorkommen. Zwar werden Methanol und Ethanol von den gleichen Enzymen verstoffwechselt, die Endprodukte sind jedoch verschieden. Bei Methanol entstehen Formaldehyd und Ameisensäure, die in höheren Dosen zu Erblindung und Tod führen können. Und Methanol wird langsamer und erst nach Ethanol abgebaut.

Solange Ethanol im Blut ist, hat es Vorrang. Trinkt man also erneut Alkohol, arbeiten die Enzyme zuerst wiederum Ethanol ab, und Methanol verharrt in der Warteschleife. Dessen Stoffwechselprodukte werden verlangsamt gebildet und somit wird das »Aufwärmen« vorübergehend als angenehmer empfunden, als die alkoholischen Folgen durchzumachen. Das Reparaturbier hilft demnach wohl nur dann kurzfristig, wenn der Kater auf methanollastigen Getränken beruht. Obstbrände rangieren da mit großem Abstand ganz oben, während Bier nahezu frei davon ist.

Durstlöscher beim Sport

Wer den Biergeschmack schätzt, um während oder nach körperlicher Anstrengung mehr Flüssigkeit aufzunehmen, profitiert in diesen Situationen mehr von der alkoholfreien Variante. Denn Alkohol regt die Harnbildung an und entzieht dem Körper Wasser. Außerdem steigen die Mineralstoffverluste. Während des Sports kann es zu einem Leistungsabfall kommen, und danach wird die Regeneration der Muskeln verzögert.

Alkoholische Biere sind daher während oder nach dem Sport nicht geeignet. Nach etwa einer Stunde, wenn die Systeme wieder heruntergefahren sind, spricht allerdings nichts gegen ein Glas Bier. Sportliche Erfolge gehören ja auch gefeiert!

Macht Bier müde?

Wellness-Oasen setzen immer öfter auf die jahrtausendealte Tradition des Bierbades. Wissenschaftliche Belege für gesundheitliche Wirkungen gibt es jedoch kaum. Es soll entspannen und der Haut schmeicheln. Vor allem Hopfen ist bekannt für seine beruhigende Wirkung auf Körper und Geist. Bier wurde demnach früher auch für gesunden Schlaf empfohlen und gilt heute dort und ­da noch als Schlummertrunk.

Allerdings ist der Hopfengehalt in den ­letzten hundert bis zweihundert Jahren drastisch gesunken und liegt nur noch bei etwa 350 Gramm pro 100 Liter. Untersuchungen zeigen nun, dass diese homöopathischen Dosen nicht schläfrig machen. Hat man trotzdem das Gefühl, nach einem großen Bier leichter einzuschlafen, dann kann das auch eine »self-fulfilling prophecy« sein, die na­türlich auch beim Bierbad zutrifft.

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