Weinlagerung: Raus aus den Gewölben

Weinhandlung Kreis, Stuttgart. Aus dem fehlenden Lagerplatz entstand die Idee dieses modularen Systems.

© Zooey Braun

Weinhandlung Kreis, Stuttgart. Aus dem fehlenden Lagerplatz entstand die Idee dieses modularen Systems.

Weinhandlung Kreis, Stuttgart. Aus dem fehlenden Lagerplatz entstand die Idee dieses modularen Systems.

© Zooey Braun

«Wein ist Kult!» So unumstösslich formuliert es die Projektleiterin eines Architekturbuchs, das sich mit «Wein + Raum» beschäftigt.

Mit der richtigen Zurschaustellung wird der Gast auf den ersten Blick verführt, eine Flasche Wein zu bestellen. Die Präsentation hebt den Stellenwert des Weines hervor und betont die Exklusivität.« Worte des Architekten Chiehshu Tzou, der in Wien mit seinem Büro «Tzou Lubroth Architekten» für Restaurants wie das «ShanghaiTan» oder Bars wie das «If dogs run free» verantwortlich zeichnet.

Tzou weiter: «XL-Weinregale kenne ich allerdings hauptsächlich aus asiatischen Metropolen, prozentuell können sich dort einfach mehr Menschen einen teuren Wein leisten und man bestellt auch eher flaschenweise als 1/8 oder 1/4.» Diese Einschätzung ist eine mögliche Erklärung für den subjektiven Eindruck, dass «Überdrüber»-Weinpräsentationen im Gastraum selten aus Mitteleuropa stammen. Auch Tzou kann kein aktuelles Beispiel aus dem eigenen Portfolio anbieten – und das will was heissen.

 

Sensorikraum, Neue Sternen Grotte: Heller Tisch, um die Farben der Weine anzusprechen. Umgesetzt von der Liechti Graf Zumsteg Architekten AG.

Sensorikraum, Neue Sternen Grotte: Heller Tisch, um die Farben der Weine anzusprechen. Umgesetzt von der Liechti Graf Zumsteg Architekten AG.

© Liechti Graf Zumsteg Architekten AG

Man muss aber gar nicht bis nach Asien reisen, um Unterschiede in der Art des «Show off» zu finden. Ein Besuch in Ungarn oder Polen reicht etwa aus, um zu realisieren, welch hohen Stellenwert hier Weinshops und -bars geniessen. Das Wort «Vinothek» sei aussen vor gelassen, denn als solche betrachtet kaum mehr jemand sein Konzept. Cornelia Hellstern, Projektleiterin des Buchs «Wein + Raum» (Detail Verlag) teilt diese Beobachtung. «Unsere Autoren hatten 180 Projekte auf der Liste, haben jeden Ort besucht. Während sie relativ wenig in Südeuropa gefunden haben, hat uns die Bandbreite in Osteuropa wirklich verblüfft.»

«Vielleicht hat es noch mit dem Weinskandal zu tun, aber die Österreicher sind den Deutschen in Sachen Weinarchitektur voraus.» Cornelia Hellstern, Detail Verlag

Beispiel: die «Fiesta Del Vino Wine Bar» in Poznán, Polen. Der Auftrag des Eigentümers an die Architekten von «mode:lina»: «I don’t want winery, but a wine shop, where you can also have a drink and some tapas.» Es ging um nicht weniger als die «ultimative Re-Definition». Es wurden Paletten verwendet, die man schwarz und weiss bepinselte, dazu typische Holz-Weinregale. «Die Atmosphäre entsteht vor allem durch die Farben», erklärt Architekt Jerzy Wózniak. «Die dunklen Farben sorgen für das Ambiente, weiss und rot stehen für die Weinsorten.» So simpel kann es sein – das hat auch Cornelia Hellstern beobachtet.

Circa, Memphis/USA: Weinregale als Raumtrenner - von 3six0 Architecture.

Circa, Memphis/USA: Weinregale als Raumtrenner - von 3six0 Architecture.

© John Horner

Stahldraht statt Holz

«Gerade die Unterschiedlichkeit der Projekte war das Spannende. Die Möbelstücke können auch von IKEA sein, so lange das Konzept nur stimmig umgesetzt wurde.» Nach wie vor weit verbreitet: die Verwendung von Holz. Der österreichische Architekt Christian Waldner («AllesWirdGut», Projekt Meierhof, Weingut Esterházy): «Bei der Präsentation von Wein spielen natürliche Materialien einfach eine grosse Rolle. Das kann Holz, Naturstein, aber auch Beton sein. Diese Stoffe sind charaktervoll und lebendig.»

Auf das selbe Thema angesprochen meint Denis Duhme, Autor des Buchs «Wein + Raum»: «Ich würde jetzt nicht sagen, dass eindeutige regionale Eigenheiten feststellbar sind, aber der Einsatz von Holz ist in nördlichen Gegenden sicher häufiger, als im Süden, wo Stein – vor allem als Bodenbelag – eine dominante Rolle spielt.» Seine Co-Autorin Katrin Friedrichs ergänzt: «Je kleiner die Räume, desto leichter die Materialien und desto wichtiger der gezielte Einsatz von Licht.»

Winecenter, Südtirol: Beispiel für eine moderne Kellerei.

Winecenter, Südtirol: Beispiel für eine moderne Kellerei.

© Hertha Hurnaus

Während es Friedrichs insbesondere kleinere Projekte in Barcelona angetan haben, hebt Duhme die Weinhandlung Kreis in Stuttgart hervor. «Die Gestaltung hat mich aufgrund der Materialwahl – 4,8 mm dicker Stahldraht – überrascht. Es ist hier wirklich das ›nicht Erwartete‹, das einen anspricht. Sicherlich polarisiert diese Lösung auch, sie bleibt aber im Gedächtnis haften.» Anmerkung: Diese Einschätzung von Duhms fiel zu einem Zeitpunkt, als bereits entschieden wurde, mit welchem Bild dieser Artikel aufmacht. Man merkt: die Weinhandlung Kreis blieb auch der Redaktion in Erinnerung.

 «Bei der Präsentation von Wein spielen natürliche -Materialien einfach eine grosse Rolle. Das kann Holz, Naturstein, aber auch Beton sein.» Christian Waldner, AllesWirdGut Architekten

wineBank, 5x mal in Deutschland: Ein Privat-Members-Club des Weinguts Balthasar Ress.

wineBank, 5x mal in Deutschland: Ein Privat-Members-Club des Weinguts Balthasar Ress.

© Balthasar Ress

Aus Lager wurde Shop

Matthias Furch («FURCH Gestaltung + Produktion») ist mit seinem Weinregalsystem 4.8 ein Paradebeispiel dafür, welch geniale Idee aus der vermeintlichen Not heraus geboren werden kann. Der Kunde («Weinhandlung Kreis») musste auf 70 m2 circa 12.000 Flaschen Wein und eine Tasting-Bar unterbringen. Mit herkömmlichen Systemen: unvorstellbar in den Augen des Designers. Die Idee: Die Regale verschwanden und aus Lager wurde Shop. Ein Shop, der quasi ausschliesslich aus Wein besteht – auf Möbel wurde verzichtet. Das Regalsystem ist mittlerweile über die Webseite von Furch erhältlich (siehe Fotostrecke). 

Fiesta Del Vino, Polen: Schwarz fürs Ambiente, rot und weiß für die Visualisierung der Weinfarben.

Fiesta Del Vino, Polen: Schwarz fürs Ambiente, rot und weiss für die Visualisierung der Weinfarben.

Foto beigestellt.

Ein weiterer – in unseren Breitengraden stark ausgeprägter – Genius loci: der von Weingütern und Kellereien, Stichwort Ab-Hof-Verkauf. Auch hier ist ein Paradigmenwechsel spürbar, moderne Architektur greift um sich. «Prinzipiell geht es darum, wie sich etwa die jeweilige Kellerei darstellen will», leitet Michael Obrist von «feld72» seine Antwort zur Frage nach den Materialien ein. Eines der Projekte des Wiener Architekturbüros: das Winecenter in Kaltern, Südtirol – eine Region, die sich in den letzten Jahren immer wieder aufs Design-Tapet bringt. 

Meierhof, Weingut Esterházy, Burgenland: Eine gelungene Revitalisierung, Bild: Festsaal.

Meierhof, Weingut Esterházy, Burgenland: Eine gelungene Revitalisierung, Bild: Festsaal.

Foto beigestellt.

«Das alte romantische Eichenholzfass kommt ja in der Produktion nur noch für bestimmte Sorten zum Einsatz; entsprechend neuer Herstellungsmethoden haben auch neue Materialien ihren Einzug in die Kellereien gefunden. Die alten Gewölbe wurden durch kühle Betonräume erweitert, neben Barriquelagern finden sich Edelstahltanks. Je nachdem, wie authentisch man auftreten möchte, bieten sich dadurch neue Materialien in der Gestaltung an.» Auch der Verkostungsraum an sich ist im Wandel. «Früher waren diese Räume oft direkt neben den Weinkellern oder sogar im Gewölbe selbst untergebracht, heute ist die Auswahl der Weine oft so immens, dass diese Bereiche zu eigenen Gebäuden werden.» 

Und eben gerade dieser Ab-Hof-Verkauf spielt in Ländern wie Österreich oder Deutschland nach wie vor eine grosse Rolle – inklusive der Heurigenkultur versteht sich. Dass die klassische Vinothek oder das XL-Weinregal im Restaurant bei uns also noch eher Seltenheitswert haben, kann man verschmerzen.

© Edition Detail

Wein + Raum
Architektonische Konzepte zum Präsentieren, Probieren und Genießen

Heinz-Gert Woschek, Denis Duhme, Katrin Friedrichs
Verlag Edition Detail
ISBN 978-3-95553-226-0

(aus dem Falstaff & Hogast Karriere Magazin 02/2016)

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