Weinbau in Südtirol: Höher hinaus

Das moderne Gebäude der Kellerei Tramin steht für Innovationsgeist. Die grünen Stahlträger erinnern an die Triebe der Reben.

© Rickard Kust

Das moderne Gebäude der Kellerei Tramin steht für Innovationsgeist. Die grünen Stahlträger erinnern an die Triebe der Reben.

© Rickard Kust

Kloster Marienberg, 1340 Meter über dem Meer. Genau hier, im äussersten Westen Südtirols, liegt der höchstgelegene Weinberg der autonomen Provinz. Die ursprünglich aus Flamen stammende Winzerfamilie Van den Dries hat auf steilen Terrassenlagen unterhalb des Klosters Solaris-reben ausgepflanzt. Dies ist zweifellos das extremste Beispiel dafür, dass Südtiroler Winzer zunehmend die Höhenlagen erobern. Angesichts der Klimaerwärmung bieten sich im Gebirge willkommene Alternativen für den Weinbau.

In Südtirol wird Wein in 250 bis 1300 Metern angebaut. Das entspricht mehreren Klimazonen. Aufs flache Land umgelegt ergibt das Distanzen von mehreren Hundert Kilometern. Auf einer Hochebene in 1000 Metern liegt in Fennberg oberhalb Margreids ein Weinberg mit Müller-Thurgau-Reben. Lange Zeit war das der höchste Weinberg Südtirols. «Als mein Vater Herbert hier zu Beginn der 1970er-Jahre Reben pflanzte, hielten ihn viele für verrückt. Dabei war er ein Visionär», sagt Christof Tiefenbrunner. Heute keltert er daraus den filigranen und doch stoffigen Müller-Thurgau «Feldmarschall» von Fenner, der unter Kennern Kultstatus geniesst.

Christof Tiefenbrunner und seine Frau Sabine lenken die Geschicke des gleichnamigen Weinguts, das Kultstatus geniesst.

Christof Tiefenbrunner und seine Frau Sabine lenken die Geschicke des gleichnamigen Weinguts, das Kultstatus geniesst. 

Foto beigestellt

Für Weissburgunder, eine der wichtigsten Sorten im Land, gelten mittlerweile Höhen zwischen 600 und 800 Metern als die besten Lagen. Genau aus diesen Höhen stammt der Weissburgunder Riserva Vorberg der Kellerei Terlan – ein Mosaik an kleinen Steillagen, die sich am Berg entlangziehen. Auch die Trauben der Terlaner I Cuvée, die 2014 die neue Kategorie der «Super-Südtiroler» begründete, stammen zum Teil aus diesen Lagen. War vor vierzig Jahren Südtirol noch ein ausgesprochenes Rotweinland, so ist heute Weiss die dominierende Weinfarbe. Pioniere wie Alois Lageder, Alois Raifer von Schreckbichl oder Sebastian Stocker, legendärer Kellermeister der Kellerei Terlan, erkannten das grosse Potenzial für Weissweine in Südtirol.

Auch Hans Terzer, Kellermeister bei St. Michael-Eppan und Obmann der Südtiroler Kellermeister, hat wesentlichen Anteil daran, dass seine Berufskollegen zunehmend auf Weissweinsorten setzten. Insbesondere der Sauvignon Blanc hat es Hans Terzer angetan und sein Sauvignon St. Valentin ist heute der bekannteste Sauvignon Italiens. 

Lagen wie aus dem Bilderbuch: Die Familie Tiefenbrunner zählt zu den Höhenpionieren unter den Südtiroler Winzern.

Foto beigestellt

Duftig, frisch und kraftvoll

Südtiroler Weissweine sind duftig und frisch, können aber auch Fülle und Kraft zeigen. Das Sortenspektrum ist weit gestreut, es dominieren die Burgundersorten und Gewürztraminer. Im Bereich der trockenen Gewürztraminer sind die Südtiroler international führend. Hotspot des Gewürztraminers ist das Winzerdorf Tramin, 20 Kilometer südlich von Bozen. Am Ortseingang steht das markante Gebäude der Kellerei Tramin. Die grün gestrichenen Stahlträger erinnern an die Triebe der Reben in den Weinbergen ringsum. Kellermeister Willi Stürz lebt für und mit dem Wein. Sein Nussbaumer ist ein State-of-the-Art-trockener Gewürztraminer. Aber Stürz liebt auch die Herausforderung und ist ständig auf der Suche nach Neuem. 

2009 erzeugte er erstmals den Epokale, eine Spätlese mit deutlich wahrnehmbarer Restsüsse. In der Stilistik ähnlich wie die bekannten Elsässer, aber doch mit einem eigenen Südtiroler Profil. Das erhält der Epokale nicht zuletzt von der besonderen Lagerung. Sieben Jahre reifen die 1200 Flaschen in einem Stollen des ehemaligen Bergwerks in Ridnaun: in 2000 Metern Höhe, 4000 Meter tief im Berg, mit einer konstanten Temperatur von 11 Grad. 2017 wurden die ersten Flaschen aus dem Berg geholt – eine Klasse für sich. 

Elena Walch mit ihren Töchtern Julia und Karoline. Für ihre Blauburgunder begeben sich die Star- Winzerinnen in luftige Höhen.
Elena Walch mit ihren Töchtern Julia und Karoline. Für ihre Blauburgunder begeben sich die Star- Winzerinnen in luftige Höhen.

© Ludwig Thalheimer / Lupe

Rotweinreben in luftigen Höhen

Auch die Rotweinreben bevorzugen zunehmend luftige Höhen. In erster Linie gilt das für Spätburgunder, der in Südtirol Blauburgunder heisst. Vorreiter ist Altmeister Franz Haas. In der Ortschaft Aldein in 750 Metern Höhe hat er vor einigen Jahren einen Versuchsweingarten angelegt. Mittlerweile sind daraus fünf Hektar geworden, und vom Jahrgang 2012 kommen davon die ersten Flaschen auf den Markt. Er nennt sich Pinot Nero Ponkler, zeigt Noten nach Brombeeren und feinen Gewürznelken, am Gaumen viel seidiges Tannin. Franz Haas hat noch weiter oben, auf 1150 Metern, einen kleinen Pinot-Weinberg. Derzeit gewinnt er daraus den Grundwein für seinen Rosésekt. Aber er kann sich durchaus auch einen Rotwein aus dieser Lage vorstellen, meint Franz Haas. Man darf also gespannt sein.

Auch Elena Walch zieht es in die Höhe. Sie hat in Glen, einem Nachbarort von Aldein, Lagen erworben, auf denen sie Blauburgunder erzeugen will. Dass Elena Walch, die im Betrieb von ihren Töchtern Julia und Karoline unterstützt wird, nicht nur mit Gewürztraminer, sondern auch mit Blauburgunder gut umgehen kann, hat sich ja schon mit ihrem «Ludwig» hinlänglich bewiesen. Wer nicht schwindelfrei ist, der muss im Tal bleiben – und Lagrein trinken. Diese urwüchsige Südtiroler Rotweinsorte hat ihre besten Lagen in und um Bozen. Die beiden wichtigsten Erzeuger sind die Kellerei Bozen und das Kloster Gries. Der Lagrein Riserva Taber der Kellerei Bozen und der Lagrein Riserva Abtei von Muri Gries lieferten sich jahrelang einen heissen Kampf um den besten Lagrein Südtirols. Geschliffen und weltläufig der eine (Taber), tiefgründig und herzhaft der andere (Abtei), fanden beide ihre Liebhaber. Nun setzt Muri Gries eins drauf und bringt den Lagen-Lagrein Klosteranger heraus. Die Antwort der Kellerei Bozen steht noch aus.

Majestätisch muten die Lagen der Walchs an: Wer da nicht schwindelfrei ist, muss im Tal bleiben.

© Ruggero Arena

Die Renaissance des Vernatsch

Jahrelang kriselte es um den Vernatsch, der je nach Standort auch als Kalterersee, Meraner oder St. Magdalener daherkommt. Zu hell, zu leicht, hiess es. Nun, reduziert auf wesentlich geringere Mengen, erfreut er sich mit seiner Saftigkeit und seinem Trinkfluss neuer Beliebtheit. Die Winzer in St. Magdalena bei Bozen standen immer tapfer zu ihrem Vernatsch. Heute sind ihre St. Magdalener hoch begehrt und Winzer wie Glögglhof, Pfannenstielhof oder Ansitz Waldgries immer rasch ausverkauft. Neue, gehobene Vernatsch-Weine kommen auf den Markt und stossen auf Interesse.

Die Kellerei Bozen, der wichtigste Erzeuger des St. Magdalener, brachte vor zwei Jahren den St. Magdalener Moar auf den Markt, die Kellerei Meran stellte in diesem Jahr den Meraner Fürst vor – eine Selektion.

Neue Experimentierlust

Die Südtiroler sind für ihre Bodenständigkeit bekannt. Doch eine neue Generation von Winzern hat die Lust am Experimentieren entdeckt: Naturweine, Weissweine mit Maischevergärung, Ausbau in Amphoren spielen da genauso eine Rolle wie Piwi (pilzresistente Sorten), Spontanvergärung oder Null-Schwefel. Leitfigur ist Martin Gojer vom Pranzegg-Hof in Bozen. Seine Weine zeigen immer wieder überraschende Facetten. Marlies und Martin Abraham in Eppan sind bekannt für ihren Blauburgunder, keltern aber auch ihren Vernatsch nach Burgunder-Manier. Thomas Niedermayer in Eppan Berg zeigt, dass man aus den sogenannten Piwi-Sorten sehr gelungene Weine machen kann. Die Südtiroler Weinbauszene ist lebendig!

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