Verdicchio: Der beste Fischwein der Welt

Auf der Tenuta di Tavignano entstehen einige der besten Verdicchio.

© Jiří Chlumský

Auf der Tenuta di Tavignano entstehen einige der besten Verdicchio.

© Jiří Chlumský

«Wir haben beim Verdicchio ein seltenes Phänomen: Insider schätzen den Wein sehr, bei Ratings erzielt er regelmässig höchste Auszeichnungen. Beim Konsumenten, vor allem beim Handel aber hat sich die hohe Wertigkeit des Verdicchio noch nicht herumgesprochen.» Das sagt ein alter Hase des italienischen Weinbusiness, Emilio Pedron. In seinem langem Berufsleben leitete Pedron viele wichtige Weinbetriebe. Nun ist er als Generaldirektor der Bertani Domains auch für den Verdicchio-Betrieb Fazi Battaglia zuständig. Spitzenweine zu günstigen Preisen – Traumsituation also für Weinspürnasen? Im Prinzip ja, meint Pedron. Wenn allerdings langfristig die Preise nicht steigen, werden viele Bauern ihre Weinberge auflassen – und das wäre schade.

Die Landschaft in den nördlichen Marken um die Städte Ancona und Senigallia ist reizvoll. Hügelig und vielfältig, weitab von Monokulturen, die andere Anbaugebiete prägen. Und an der Küste gibt es grossartige Restaurants, wie das von Mauro Uliassi in Senigallia, in dem wir gerade sitzen. Zur «Ricciola alla puttanesca» (Gelbschwanzmakrele leicht scharf) passt der frische Verdicchio ideal. Verdicchio wird im Hinterland von Ancona und Senigallia angebaut. Es gibt zwei Denominationen: Verdicchio dei Castelli di Jesi umfasst die Hügel von der Küste bis zu den ersten höheren Bergen. Das ist das grössere und bekanntere Gebiet. Weiter im Landesinneren, umgeben von hohen Bergen, wird Verdicchio di Matelica angebaut. Mit 450 Hektar ist es nur rund ein Zehntel so gross wie Castello di Jesi. Durch die Höhenlage und das kontinentale Klima aber entstehen hier einige rassige und besonders mineralische Weine. Verdicchio kommt vor allem als junger Wein auf den Markt, kann aber auch hervorragend altern. Dabei entwickelt er ausgeprägte Kräuternoten.

Die Amphorenflasche

Verdicchio ist mit Fazi Battaglia bekannt geworden. Genauer gesagt mit der von Fazi Battaglia lancierten Flasche, der «Anfora». Die Amphorenflasche, die wegen ihrer Formen auch schon mal als die sinnlichste Flasche der Welt bezeichnet wurde, ging aus einem Designwettbewerb als Siegerin hervor. Am Markt schlug die Flasche voll ein, viele andere Erzeuger füllten ihren Wein ebenfalls in Amphorenflaschen. Die Verkaufszahlen stiegen rasant. Es wurde immer mehr erzeugt, zugleich sanken aber die Preise, schliesslich war das Image dahin. Es wurden viele Fehler gemacht, räumt Emilio Pedron ein. Daraus hat man gelernt. Der Verdicchio in der Amphore, Titulus genannt, ist immer noch der meisterzeugte Wein bei Fazi Battaglia. Aber selbst da ist die Qualität gut. Daneben gibt es die Selektionsweine Massaccio und vor allem den San Sisto, der als einer der Besten in unserer Verkostung abschnitt. Damit hat Fazi Battaglia das Zeug, wieder zu einem Leitbetrieb im Gebiet zu werden.

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Zwischen Mailand & den Marken

Ampelio Bucci ist ein gemächlicher alter Herr. Die eine Hälfte des Jahres verbringt er in Mailand, die andere Hälfte, abwechselnd im Wochenrhythmus, auf dem Familienweingut in den Marken. Bucci ist Tradition. Das Durchschnittsalter der Reben liegt bei 50 Jahren, neue Reben werden nur aus eigenem Rebmaterial gezüchtet, und dass der gesamte Betrieb schon seit 20 Jahren biologisch bewirtschaftet wird, erwähnt Ampelio Bucci nur nebenbei. Hier ist alles unaufgeregt. Auch der Wein. Bucci erzeugt zwei Weissweine: den Bucci Classico und die Riserva, Villa Bucci genannt. Beide reifen in alten, grossen Holzfässern. Das tut ihrer Frische und Klarheit aber keinen Abbruch. Im Gegenteil, der Villa Bucci vereint mustergültig Eleganz und Feinheit mit Fülle. Darum sei es ihm immer gegangen, meint Ampelio Bucci schmunzelnd.

Stefano Aymerich di Laconi war als junger Ingenieur mehrere Jahre in München tätig und spricht daher immer noch etwas Deutsch. Zu Beginn der 1990er-Jahre beschloss er, das Landgut seiner Familie, die Tenuta di Tavignano, mit Reben zu bepflanzen. Von den 29 Hektar, alle geschlossen um den Keller angelegt, sind 17 mit Verdicchio bepflanzt, der Rest mit Rotweintrauben. Die beiden Selektionsweine, Misco und Misco Riserva, zählen zum Besten, was heute an Verdicchio erzeugt wird: klar, saftig und von feiner Komplexität.

Weinmachen ist akkurate Handarbeit und beginnt im Weinberg, wie auch hier bei Sartarelli.
Weinmachen ist akkurate Handarbeit und beginnt im Weinberg, wie auch hier bei Sartarelli.

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1871: Antonio Garofoli eröffnete ein Wirtshaus auf dem Pilgerweg nach Loreto und schenkte dort auch Wein aus. Sohn Giordano Garofoli gründete dann 1901 einen kleinen Handelsbetrieb. Heute ist mit Caterina und Gianluca bereits die fünfte Generation bei Garofoli tätig. Aus dem ehemaligen Handelshaus ist ein Weingut geworden, das über 50 Hektar Weinberge besitzt. Der Betrieb – mit einem vorbildlich ausgestatteten Wineshop – liegt nur einen Steinwurf von der ehemaligen Trattoria entfernt. Macrina, Serra Fiorese und Podium sind drei mustergültige Verdicchio. Bei Garofoli hat man sich auch schon früh auf die Erzeugung von Schaumweinen spezialisiert. Die Verdicchio-Traube eignet sich hervorragend dafür.

Mit 210 Hektar im Eigenbesitz zählt Umani Ronchi zu den grössten Privatbetrieben in den Marken. Der Unternehmer Massimo Bernetti erstand den Betrieb in den 1960er-Jahren von den Gründern und baute ihn sukzessive aus. Heute leitet sein Sohn Michele Bernetti die Geschicke von Umani Ronchi. Die beiden Spitzen-Verdicchio sind der Casal di Serra aus alten Reben und der Plenio. Ersterer ist im Beton ausgebaut und begeistert mit seiner Finesse, vom zweiten werden 30 Prozent im Holz verarbeitet, was dem Wein Fülle und Cremigkeit verleiht. Mit dem Rosso Conero Campo San Giorgio und dem Pelago verfügt Umani Ronchi auch über zwei hervorragende Rotweine.

Quereinsteiger

Die Familie Sartarelli hat sich ganz dem Verdicchio verschrieben. Auf ihrem Weingut – mit sehenswertem neuen Keller – hat sie ausschliesslich Verdicchio ausgepflanzt. Daraus erzeugen die Sartarelli vier Weine: einen Classico, Tralivio, eine Selektion aus den vier ältesten Weingärten und den Lagenwein Balciano. Für diese Spätlese reifen die Trauben zwei Monate länger am Stock. Der Passito, ein Strohwein, schliesst das Angebot ab. Alle Weine werden ausschliesslich im Stahltank verarbeitet und machen keinen Säureabbau. Dies, um den Weinen mehr Frische zu verleihen, erklärt mir der junge Tommaso Sartarelli. Gemeinsam mit seiner Schwester Caterina leitet er das Weingut.

Stefano Antonucci ist der Rockstar unter den Verdicchio-Winzern. Der ehemalige Bankbeamte übernahm zu Beginn der 1990er-Jahre den kleinen Weinbaubetrieb seines Grossvaters. «Ich will Weine machen, die mir auch selbst sehr gut schmecken», lautet Antonuccis Credo. Dass sein Geschmack auch den vieler anderer trifft, zeigen die vielen Auszeichnungen. Gleich sechs verschiedene Verdicchio erzeugt Antonucci in seinem Betrieb Santa Barbara. Die Palette reicht vom einfachen, saftigen Pignocco bis zum konzentrierten Tardivo ma non Tardo. Mit Maschio del Monte und dem Merlot Massone zeigt Stefano Antonucci, dass er auch bei Rotwein einen überaus guten Geschmack hat.

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Falstaff Nr. 04/2018
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