VDP: Die besten Großen Gewächse

Kleine, reife Riesling-Beerchen brachte der Jahrgang 2019 in Deutschland reichlich.

© Andreas Durst

Kleine, reife Riesling-Beerchen brachte der Jahrgang 2019 in Deutschland reichlich.

© Andreas Durst

Wiesbadens Kurhaus-Kolonnaden verströmen den Glamour des 19. Jahrhunderts, als Kaiser Wilhelm II. regelmäßig hierherkam, um im »Nizza des Nordens« seine Sommerfrische zu verbringen. Kein Wunder, dass die damaligen Stadtväter keine Kosten und Mühen scheuten: Das Wassernetz der Kurhaus-Kolonnaden beispielsweise wurde aus reinem Thermalwasser gespeist. Und damit das kostbare Nass nicht die geringste Verunreinigung erfuhr, ließ die Kurverwaltung die Wasserleitungen inwendig mit Porzellan verkleiden.

Heute dienen die Säle des Prachtbaus für andere Trinkkuren, denn schon seit nahezu zwei Jahrzehnten nutzt Deutschlands einflussreichster Winzerverband VDP die Räumlichkeiten, um jeweils Ende August seine Großen Gewächse der Fachöffentlichkeit zu präsentieren. Im Corona-Jahr 2020 war selbstredend alles ein klein wenig anders: Um Abstandsgebote zu wahren, hatte der VDP eine doppelt so große Fläche angemietet wie üblich.

Insgesamt 140 Verkosterinnen und Verkoster aus Deutschland und Europa nutzten die Chance, die jüngsten Weine aus den Kellern der VDP-Betriebe zu verkosten. Etwa 40 Teilnehmer weniger als im Vorjahr zählte man laut Sonja Reinbold, die die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands verantwortet. Aus Übersee ging die Teilnahme auf null zurück: »Anfangs hatten wir ein paar wenige Zusagen aus den USA und Asien, aber die Betreffenden mussten dann covidbedingt leider doch absagen.«

Für jeden Anwesenden gab es einen eigenen Tisch in respektvollem Abstand zu den Nachbarn. Die Hilfskräfte, die die Proben­flights zu den Tischen brachten, mussten sich in einem Rundkurs mit vorgeschriebener Laufrichtung bewegen, was sie auf Trab hielt und zu sportlichen Höchstleistungen zwang: Über 18 Kilometer, so zeigte einer der fleißigen Helfer kurz vor Feierabend mithilfe des Schrittzählers auf seinem Handy an, war er an diesem Tag gelaufen.

Riesling mit Säurekick

Auch für die Verkoster hieß es angesichts der 478 Verkostungsmuster, Tempo und Ausdauer zu beweisen. Dabei zeigte sich rasch, dass der Weißweinjahrgang 2019 die in ihn gesetzten Hoffnungen weitgehend erfüllen kann. Die bereits in der ersten Jahreshälfte in den Verkauf gelangten Weine der Einstiegs- und Mittelklasse hatten einen säurefrischen und dennoch auch gut mit Frucht und Extrakt dotierten Jahrgang angekündigt.

Im Top-Segment der trockenen Weine aus den prestigereichen Großen Lagen ist die qualitative Spitze nun allerdings nicht ganz so homogen, wie man es sich vielleicht hätte erhoffen können. Die Top-Resultate sind dennoch zahlreich, alleine 33 Weine erhielten vom Falstaff-Team eine Bewertung von 95 Punkten oder höher. Die besten 2019er übertreffen die ebenfalls herausragenden Jahrgangsvorgänger mit unwiderstehlichem Spiel, mit Rasse und Reifepotenzial.

Allerdings scheinen uns manche Weingüter beim Setzen der Restzuckergehalte etwas überreagiert zu haben: Offenbar weckten die hohen Säurewerte des Jahrgangs die Befürchtung, die Weine könnten ohne reichlichen Restzucker mager oder kantig schmecken. Doch wie die besten Rieslinge zeigten, war die Balance mit vier Gramm Restzucker (so etwa beim Gräfenberg von Wilhelm Weil oder beim Pettenthal von Johannes Hasselbach) deutlich besser als beim doppelten Zuckergehalt. Die Weine haben genug Extrakt, um die jahrgangstypischen Säuren zu puffern.

Rotweine mit gezügelter Power

In diesem ausgezeichneten Jahrgangsdouble 2018/2019 ist der Rotweinjahrgang 2018 die vielleicht noch größere Sensation. Denn wenngleich die Hitze des Jahrgangs 2018 derjenigen aus dem Rekordjahr 2003 nahekam, so sind die Weine doch weit entfernt davon, wie die 2003er zu schmecken. In den 15 Jahren, die seither vergangen sind, haben die Winzer gelernt, weinbaulich intelligent auf Hitze und Trockenheit zu reagieren, das Timing bei der Lese zu perfektionieren und auch ihre Kellertechnik anzupassen. Das Ergebnis sind beispielsweise Lemberger von einer bislang noch nie dagewesenen Potenz, voll in der Frucht und fleischig im Gerbstoff. Weine, die zweifellos ein Jahrzehnt lang werden reifen können – oder auch (deutlich) länger.

Beim Spätburgunder stehen die Weine des Ahrtals beispielhaft für den Jahrgang und seine Tugenden: In den Steillagen und auf den warmen Schieferböden wird es der empfindlichen Burgundersorte schnell zu warm. Doch das warme Jahr 2018 kam für die Winzer zu einem Zeitpunkt, da sie gerade das Drosseln der Reife zur Perfektion gebracht hatten. Sie konnten gerade so viel Reife zulassen, wie es für die Fruchtigkeit der Weine und für ihre Gerbstoffstruktur erforderlich war. Und zugleich ist es ihnen gelungen, den Weinen Frische und Spannung mitzugeben und jeden Exzess zu vermeiden.

Kaum ein 2018er Rotwein hat beim Alkoholgehalt eine 14 auf dem Etikett stehen. Und auch wenn man die Aussagekraft von Zahlen nicht überschätzen sollte: Dies belegt die Abkehr der deutschen Winzer vom Prinzip der Öchslejagd. Ein reifes Jahr erhöht bei angepasstem Weinbau den Handlungsspielraum der Winzer und das Spektrum der stilistischen Optionen. Das genau ist es, was das Rotweinjahr 2018 so außergewöhnlich gemacht hat.

Die besten Regionen

Bei den 2019er Weißweinen rangieren Rheingau, Rheinhessen, Nahe, Mittelrhein und Mosel etwas vor den südlicheren Regionen. In der Pfalz und in Baden scheinen die 2017er, deren Säureprofil demjenigen der 2019er ähnelt, in der Regel etwas dichter ausgefallen zu sein als die 2019er. In Franken stehlen 2019 die Rieslinge den Silvanern die Schau. Insgesamt ist das Gefälle zwischen den einzelnen Anbaugebieten im Jahr 2019 aber eher flach.

Mehr als eine Randnotiz sind zudem jene Weißweine, die erst nach zwei Jahren – statt, wie vom VDP als Minimum vorgeschrieben, nach zwölf Monaten – in den Verkauf gebracht werden. Die Gruppe der Weingüter, die solche Late-Release-GGs produzieren, erhält mehr und mehr Zulauf: Mit 82 Posten (darunter 50 Rieslingen) stellten die jetzt vorgestellten 2018er Weißweine schon nahezu ein Viertel der Probenmuster. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl besonders lange gereifter Weine noch weiter steigen wird, denn die wohltuenden Effekte zusätzlicher Ruhezeit im Keller sind unbestritten. Sie zeigten sich auf besonders anschauliche Weise etwa an Clemens Buschs tiefgründigen Fahrlay Terrassen, am erhabenen Kirchenstück von Buhl oder an Peter Jakob Kühns spannungsreichem Doosberg.

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