Unterschätzte Weinperle

 

 

 

 

 

 

 

 

Sanft fallen in Môtier-Vully die Rebhänge zum Murtensee hinab.

© Denis Emery / Photo-genic.ch

 

 

 

 

 

 

 

 

Sanft fallen in Môtier-Vully die Rebhänge zum Murtensee hinab.

© Denis Emery / Photo-genic.ch

Wie eine prähistorische Echse liegt der Mont Vully zwischen dem Neuenburger- und dem Murtensee. Sanft neigen sich auf seiner Südseite die Rebhänge zum Wasser. Das Klima ist warm und vergleichsweise trocken, beinahe schon mediterran. Der See wirkt ausgleichend und verstärkt die Sonneneinstrahlung. Die Böden sind leicht, sandig, mit geringem Kalkanteil. Das Muttergestein besteht aus Sandsteinmolasse. «Das alles favorisiert die Erzeugung von feinduftigen, eleganten Weissweinen», sagt Jean-Daniel Chervet. Rotweine geraten angesichts des geringen Tonanteils im Boden eher -fruchtig und leicht.

Chervet, 50, ist der Doyen der weissen Vully-Gewächse. Er bewirtschaftet zusammen mit seiner Berner Frau Franziska 14 Hektaren Reben. Sechzig Prozent entfallen auf weisse Sorten, und hier vor allem Chasselas. Chervet ist ein stiller Mann, introvertiert und fast etwas schüchtern. Seine Erfolge hängt er nicht an die grosse Glocke. Dabei hätte er allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Chervets Weine geniessen -einen fabelhaften Ruf. Sie gelten unter vielen Kennern des Gebiets als die besten.

Christian Vessaz baut vor allem seine Rotweine in Barriques aus.
Christian Vessaz baut vor allem seine Rotweine in Barriques aus.

© Denis Emery / Photo-genic.ch

Rebberge der Domaine Chervet vor der Weinlese.

© Chervet_Siffert

Mein Besuch fällt auf die Woche vor der Weinlese. Es liegt eine eigentümliche Spannung in der Luft. Freude auf die schönsten Tage eines Winzerjahres mischt sich mit der Angst, es könnte noch etwas schiefgehen. Vor allem die Kirschessigfliege, die bisher noch nicht in Aktion getreten ist, wird wie überall in den Schweizer Rebbergen gefürchtet. Jean-Daniel Chervet taut im Laufe des Gesprächs auf. Als wir auf seinen Vater Louis zu sprechen kommen, lächelt er stolz. Louis gilt als Pionier der weissen Spezialitäten von Vully. «Es war anfangs der 50er-Jahre», erzählt er. «Der Chasselas litt unter einer Absatzkrise. Sauvignon Blanc als Alternative war zu fäulnis-anfällig. Auf Rat des Experten Hans Schwarzenbach importierte mein Vater aus dem Elsass Gewürztraminer und aus Freiburg im Breisgau Freisamer.» Gewürztraminer wurde wegen der für die Romands leichteren Aussprache in «Traminer» umgetauft. Freisamer, eine Kreuzung zwischen Sylvaner und Pinot Gris, in «Freiburger». Beides sind Aromasorten und gedeihen prächtig auf den sandigen Böden der Vully-Hügellagen.

Vor drei Jahren definierten die Winzer von Vully in einer Qualitätscharta die Bedingungen, die man erfüllen muss, wenn man seine Weine als Traminer und Freiburger verkaufen will: kontrollierter Ertrag (6 dl/m2), minimaler Zuckergehalt von 87 Oechsle, keine Chaptalisation, kein Holzkontakt und ein Restzuckergehalt von maximal 8 g/l. Acht Hektaren sind inzwischen in Vully mit Traminer und Freiburger bepflanzt. Und sie verschaffen dem Gebiet ein einzigartiges, unverwechselbares Profil.

Die leichten, sandigen, kalkarmen Böden favorisieren die Erzeugung von feinduftigen, eleganten Weissweinen»,
so Jean-Daniel Chervet.

Musterweingut am Murtensee: Cru de l’Hôpital gehört der Bürgergemeinde von Murten.

© Denis Emery / Photo-genic.ch

Charismatischer Traminer

Christian Vessaz keltert einen besonders guten Traminer. Er ist mit dem Wein sogar Mitglied der renommierten Vereinigung «Mémoire des Vins Suisses». Vessaz, bald 40, stammt aus dem Waadtländer Teil von Vully. Sein Weingut Cru de l’Hôpital liegt jedoch auf Freiburger Boden. Selbstkritisch räumt ­
er ein, dass die besseren Weine aus Freiburg stammen. «Den Waadtländer Winzern von Vully fehlt es bis auf wenige Ausnahmen an Professionalität.»

Cru de l’Hôpital gehört der Bürgergemeinde der Stadt Murten. Sie übergab 2002 dessen Leitung dem frischgebackenen, blutjungen Önologen. «Der Präsident verordnete ein Budget, drückte mir den Kellerschlüssel in die Hand und liess mich fortan in Ruhe arbeiten.» Sein Vertrauen wurde nicht enttäuscht. Cru de l’Hôpital zählt heute nicht nur regional, sondern landesweit zu den besten Weingütern der Schweiz.

Vessaz, so selbstbewusst wie eigensinnig, fährt den übergrossen Chasselas-Anteil ­herunter, um die Abhängigkeit von einer einzigen Rebsorte zu verringern. Er sagt: «Ich will mich mit dem verbessern, was schon hier ist.» Und hat das Glück, dass das Cru de l’Hôpital neben dem Chasselas und dem Pinot Noir schon seit Vorgängerzeiten eine ganze Reihe von anderen weissen ­Rebsorten kultiviert: Pinot Gris, ­Traminer, ­Sauvignon Blanc, Chardonnay, Viognier. Vessaz ersetzt Chasselas-Stöcke durch diese Spezialitäten. Er senkt ihre Erträge auf tiefe 400 bis 500 Gramm pro Quadratmeter und versucht, durch eine p­räzisere Kelterung mit einem ­län­geren ­Verbleib der Moste auf ihrer Hefe sorten­typische, aromatische ­Weine zu erhalten. Dabei arbeitet er mit Spontangärung ­und verzichtet auf Filtration.

Grosses Winzertalent

Jean-Daniel Chervet: Doyen der Winzer von Vully.
Jean-Daniel Chervet: Doyen der Winzer von Vully.

© Chervet_Siffert

Vessaz’ Antwort auf das Terroir von Vully heisst «Verbindung von Leichtigkeit mit Komplexität.» Sein Leitspruch: «Wir müssen mit unserem Boden arbeiten und dürfen nicht andere kopieren.» Das bedeutet am Murtensee: «Eleganz statt Opulenz.» Die wichtigste Entscheidung auf diesem Weg ist die Umstellung auf die Prinzipien der Bio-Dynamie. Seit 2012 werden alle zehn Hektaren nach den Methoden von Rudolf Steiner bewirtschaftet. «Seit 2014 sind wir demeterzertifiziert.»

Auch Marylène und Louis Bovard-Chervet arbeiten auf einem kleinen Teil ihrer zwölf Hektaren Reben bio-dynamisch. «2016 mussten wir dort dreizehnmal spritzen, während achtmal bei der Integrierten Produktion (IP) reichten», sagt Louis Bovard. Die zwei arbeiten am Ausbau ihres Betriebs, haben drei kleine Kinder und können sich derzeit eine vollständige Umstellung arbeitstechnisch und ökonomisch nicht leisten.

Das Paar, beide um die 35, lernte sich beim Studium an der Fachhochschule Changins kennen. Louis stammt aus der renommierten Winzerfamilie der Bovards von Cully am Genfersee. Sein Vater Antoine führt zusammen mit Louis’ Bruder Denis ein Weingut ­­in Treytorrens. Sein Onkel ist der bekannte Louis-Philippe Bovard, der Grand-Seigneur des Dézaley. Marylène dagegen wuchs am Murtensee im Château de Praz auf, einem stolzen Berner Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert. In fünfter Generation wird in dessen geräumigem Keller Wein erzeugt.

Die Losung für Vully heisst Eleganz statt Opulenz»
Christian Vessaz, Cru de l’Hôpital.

Château de Praz: Verbindung von Tradition und Moderne.
Château de Praz: Verbindung von Tradition und Moderne.

Foto beigestellt

Grundlage ihrer erfolgreichen Arbeit ist eine klare Aufgabenteilung. Louis managt die Reben und die Zahlen, Marylène keltert den Wein und verantwortet das kreative Marketing mit den stilsicheren, auffälligen Etiketten, die die Weine in spielerischen Piktogrammen originell erklären. Im Gespräch korrigieren sich beide häufig. Es scheint, als ob zwei unterschiedliche Temperamente zusammengefunden haben: der optimistische, heitere, zupackende Mann und die wohl manchmal zweifelnde, besorgte, gedankenschwerere Frau. Klare Revierabgrenzungen können da hilfreich sein.

Die Betriebsübernahme 2011 war nicht ­einfach. Marylènes Vater François hatte das Weingut vierzig Jahre nach seinem Gusto geführt. Nötig wurde ein scharfer Schnitt,
der nicht schmerzlos war, aber inzwischen ­verheilt ist. Das patente Paar ist zu neuen Ufern aufgebrochen und hat sich mit präzisen, ausdrucksstarken Weinen etabliert.
Allesamt sind reinsortig, wobei die Weissen dominieren. Allen voran der wunderbare Chasselas Réserve Blanche, Marylènes Liebling, und der aromatische ­Traminer, reflektieren sie das Terroir von Vully und zeugen von ­grossem Winzertalent.  

Man darf sich auf die kommenden Jahrgänge von Château de Praz freuen.

Talentiertes Winzerpaar: Marylène und Louis Bovard-Chervet.
Talentiertes Winzerpaar: Marylène und Louis Bovard-Chervet.

Foto beigestellt

Aus dem Falstaff Magazin 07/2016.

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