Triest: Die Kaffeehauptstadt

In Triest trinkt man viel Kaffee, auch und vor allem zwischendurch an einem Tresen.

© Mattia Zoppellaro

In Triest trinkt man viel Kaffee, auch und vor allem zwischendurch an einem Tresen.

© Mattia Zoppellaro

«Il capoluogo del caffè» – die Kaffeehauptstadt. Triests Selbstdefinition hat einen guten Grund: Traditionen der Habsburger-Monarchie mischten sich hier mit jenen der multi­kulturellen Hafenstadt. Kaiserin Maria Theresia liess im 18. Jahrhundert die Stadt zu einem der wichtigsten Handelszentren der Monarchie werden. Um 1900 war Triest einer der grössten Kaffeehandelsplätze überhaupt. Den richtigen Kaffee zu bestellen, erfordert Insiderwissen: Was sonst in Italien ein Caffè, also ein Espresso ist, ist in Triest un nero, für ganz Eingeweihte gibt es auch un nero in b, einen Espresso in bicchiere, also im Glas. Ein Cappuccino ist un caffelatte und ein Macchiato einfach un capo, auch in b zu bekommen. Un gocciato ist ein Espresso mit einem goccio, einem Tropfen Milchschaum in der Mitte. Typische Triestiner trinken im Schnitt pro Jahr 1500 Tassen Kaffee. Das ist etwa die doppelte Menge, die sonst in Italien getrunken wird. «In Triest trinkt man den Kaffee zwischendurch, in Eile. Man tritt ein, ruft schon auf dem Weg zum Tresen, gleich nach dem Gruss, die Bestellung hinüber, hält bereits die Münzen in der Hand, und während man sich ihrer entledigt, rührt man auch schon den Zucker in der Tasse um, stürzt den Kaffee hinunter, arrivederci, basta, fertig.» Das schreibt der deutsche Krimiautor und Wahl-Triestiner Veit Heinichen in seinem Buch «Triest. Stadt der Winde» (Hanser Verlag, 2005).

Illy und Hausbrandt

Zu den wichtigsten Kaffeedynastien in Triest zählte die Familie Hausbrandt. Die Kaffeerösterei Hausbrandt wurde 1892 vom ehemaligen Kommandanten der Österreichischen Handelsmarine in Triest, Hermann Hausbrandt, begründet, als Prima Tostatura Triestina di Caffè. Die Art des Röstens wurde stetig weiterentwickelt, um die Aromen des Rohkaffees besser zur Geltung zu bringen. 1933 wurde gemeinsam mit Francesco Illy die Illy & Hausbrandt Industria Nazionale Caffè gegründet. Aus dieser Firma ging das Unternehmen illycaffè hervor. Francesco Illy war es auch, der 1935 die Espressomaschine «Illetta» entwickelte. Sie gilt als die Vorläuferin der heute üblichen Espressomaschinen, denn sie war die Erste, die gleichzeitig bis zu drei Tassen Kaffee machen konnte. Francescos Sohn Ernesto Illy (gestorben 2008) liess illycaffè rasch wachsen. Gute Kaffeequalität beginnt an der Quelle, war sein Credo. Deshalb schenkte er den Kaffeeproduzenten grosse Aufmerksamkeit. Heute leitet Andrea Illy, einer von Ernestos Söhnen, das Unternehmen. Vizepräsident ist sein Bruder Riccardo Illy, der 1993 bis 2001 Bürgermeister von Triest und von 2003 bis 2008 Präsident der Region Friaul-Julisch Venetien war. Seit 1992 gibt es die zu beliebten Sammlerobjekten gewordenen Tassen der illy Art Collection. Insgesamt umfasst die mit Kaffee verbundene Industrie in Triest heute etwa 50 Firmen.

Die Kaffeehäuser

Die vielen Triestiner Kaffeehäuser sind fast durchwegs Kulturzentren, Treffpunkte der Schriftsteller, zum Beispiel von Ettore Schmitz (1861–1928), der unter dem Pseudonym Italo Svevo bekannt wurde, oder des Iren James Joyce (1882–1941), der zu Svevos Freunden zählte und selbst in den verschiedenen Caffès an Konzepten für seinen berühmten Roman «Ulysses» gearbeitet hat. Das älteste noch betriebene Caffè ist das 1830 eröffnete «Tommaseo», einst wie das «Caffè San Marco» Treffpunkt der Irredentisten, der italienischen Einheitsbewegung. Das malerische «Caffè San Marco» ist bis heute ein Literatenkaffeehaus mit Thonetstühlen und Marmortischen und einer integrierten Buchhandlung. Und es ist auch das verlängerte Wohnzimmer des Schriftstellers und Denkers in Sachen Kulturgeschichte, Claudio Magris. Nicht zu übersehen auch der Reiz kleinerer Caffès wie des «Antico Caffè Torinese». Auf der Piazza Unità lockt das «Caffè degli Specchi». Von den berühmten Spiegeln, die früher für mehr Licht im Lokal sorgten, sind nur wenige erhalten. Aber was macht das schon, wenn man dafür im Gastgarten auf einem der grössten, zum Meer hin offenen Plätze Europas sitzen kann!


Im Gespräch:

Moreno Faina, Direktor des internationalen Schulungszentrums Università del Caffè von illy.

Falstaff: Wie wichtig ist Triest für die italienische Kaffeekultur?
Moreno Faina: Historisch gesehen erlebte Triest eine glänzende wirtschaftliche und soziale Phase, als es Anfang des 17. Jahrhunderts die erste Hafenstadt des Habsburger-Reichs war. Auch heute noch gehen etwa 30 Prozent des nach Italien importierten Kaffees über den Hafen von Triest.

Was hat sich seit damals in Sachen Kaffeekonsum geändert?
Sowohl für den professionellen als auch für den häuslichen Gebrauch werden heute je nach Anspruch spezielle Technologien verwendet, um Kaffees wie Espresso, orientalischen Kaffee oder Filterkaffee herzustellen. In letzter Zeit sind zudem neue Verfahren entwickelt worden, um etwa Kaffees wie den Cold Brew herzustellen.

Wie wichtig ist heute nachhaltige Kaffeeproduktion?
Nachhaltigkeit und Qualität sind zwei Seiten derselben Medaille. illycaffè strebt nach Nachhaltigkeit, indem es den Wert, den es erzeugt, teilt, das persönliche Wachstum der involvierten Menschen fördert und das Ökosystem respektiert.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 02/2020
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