Thomas Schmidheiny: Vom Zement- zum Weinbaron

Thomas Schmidheiny vor dem modernisierten Gebäude seines Weinguts im Rheintal.

© Bloomberg / Philipp Schmidli

Thomas Schmidheiny vor dem modernisierten Gebäude seines Weinguts im Rheintal.

© Bloomberg / Philipp Schmidli

Der Name Schmidheiny steht in der Schweiz weniger für Wein, Genuss und Hedonismus als für Pioniergeist, Disziplin und harte Arbeit. Es ist der Name der prominentesten Schweizer Industriellenfamilie. Thomas Schmidheiny ist ein Vertreter ihrer vierten Generation. Als Begründer der weltweit tätigen Firma Holderbank, später in Holcim umgetauft, hat er seinen Reichtum vornehmlich auf Zement gebaut – und ist dabei kein Betonkopf geblieben: In seiner zweiten Lebenshälfte entwickelte er ein Flair für die schönen Dinge des Lebens, für die Kunst, die Gastronomie und Hotellerie, den Wein.

Er besitzt heute das Fünfsterne-Resort «Grand Hotel Bad Ragaz». Und bedeutende Weingüter in aller Welt: Cuvaison in Kalifornien, Chapel Hill im südaustralischen McLaren Vale, Decero in Mendoza am Fusse der Anden, die beiden Betriebe Höcklistein am Zürichsee und Schmidheiny im St. Galler Rheintal.

Schmidheinys Weingut im Rheintal: Der Bau ist ein architektonisches Highlight in der Region.

Foto: beigestellt

Erzählt Thomas Schmidheiny von seinem Weingeschäft, vermittelt er Bodenständigkeit. Der Mann wirkt wohltuend geerdet. Doch hinter der nüchternen Fassade blitzt die Leidenschaft, die seine Beziehung zum Wein grundiert. Aufgewachsen ist er mitten im Rebberg in der Villa Rebhof in Balgach, das heute zu Heerbrugg gehört.

Grossvater Ernst Schmidheiny hatte die lokale Weinbaugenossenschaft mitbegründet. Ab und zu schoss Vater Max Schmidheiny aus dem Stubenfenster ein Reh, das sich an den Trieben gütlich tat. Arbeit im Wingert war für den Buben Pflicht. 20 Rappen betrug der Stundenlohn.

Richtig professionell in Kontakt mit dem Wein kam Thomas Schmidheiny indes erst Jahrzehnte später. Von seinem früh verstorbenen Bruder Alexander erbte er 1992 Cuvaison, das die Familie einst auf Betreiben von Mutter Adda im Napa Valley erworben hatte. Die Weine von Cuvaison besassen einen blendenden Ruf, weckten den Appetit auf weitere Investitionen in Australien und Argentinien sowie den Ehrgeiz, auch in Heerbrugg seriösere Weine zu erzeugen als die biederen Tropfen, die Max Schmidheiny kraft seines Einflusses als sogenannte Pflichtreserve in den renommierten Restaurants und Hotels unterbringen konnte, in denen er verkehrte.

Fabelhafte Blauburgunder

Albert Nüesch hiess Thomas Schmidheinys erster Kellermeister in Heerbrugg. Er kelterte aus den fünf Hektaren Rebland bereits in den 90er-Jahren einen fabelhaften Blauburgunder – noch heute sind Schmidheinys Pinot Noirs spitze – und setzte neben der Basis-Linie der Rebhof-Weine im Premiumsegment auf die Kunst der Assemblage von weissen und roten Rebsorten wie Müller-Thurgau/Muscat Oliver/Elbling oder Zweigelt/Diolinoir mit etwas verschmockten Namen aus der griechischen Mythologie.

Kurz vor Nüeschs Pensionierung wurde die beschauliche Rheintaler Weinwelt durchgeschüttelt. Thomas Schmidheiny konnte 2009 in seinem Wohnort Rapperswil-Jona die Reb­lage Höcklistein pachten – mit zehn Hekta­­ren Rebfläche der grösste zusammenhängende Weinberg am Zürichsee. Die Aussicht auf die Bucht von Kempraten und die Innerschweizer Alpen ist zum «Hinhöckeln» schön.

Thomas Schmidheiny vor einem «Beton-Ei»: Dieses lässt den Wein «atmen» und ermöglicht so eine harmonische Reifung.

© Daniel Ammann

Rebstöcke aus Beton

Rasch erwies sich der Keller in Heerbrugg zu klein für die zusätzliche Ernte. Schmidheiny entschloss sich für einen Neubau. Ihm schwante eine Winery im California Style vor. Ein Begegnungsort für Weinfans und Kunstinteressierte, für die Bevölkerung von Balgach auch, der das jahrzehntelang abgeriegelte Schmidheiny-Anwesen Terra incog­nita gewesen war.

Er schrieb einen Architekturwettbewerb aus. Dem prämierten Büro «Hautle + Partner» gelang ein Wurf. Ein rechteckiger Bau aus Holz, Glas und Beton, im Innern von einer gleichsam sakralen Ruhe durchdrungen, gegen aussen abgeschirmt von skulpturalen Gebilden in der Form abstrakter Rebstöcke – aus Beton.

Mit der Inbetriebnahme wurde Ende 2011 auch ein neuer Betriebsleiter engagiert. Der Wädenswil-Absolvent Andreas Stössel arbeitete vorher erfolgreich in der Toskana. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz widmete er sich zunächst dem Studium des komplett andersartigen Sortenspiegels.

Mit qualitätsfördernden Interventionen im Rebberg – dem Spiel mit unterschiedlich hohen Laubwänden und Erträgen, der vertikalen oder horizontalen Halbierung der Trauben – und einer modifizierten Kelterung peilt er eine tiefgründigere, «wärmere» Weinstilistik an.

Seit 2013 verant­wortet Stössel die Weine alleine. In Höcklistein konzentriert er sich nun auf die fünf Rebsorten Räuschling, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Noir und Merlot. In Heerbrugg geht die Entwicklung ebenfalls in Richtung reinsortiger Ausbau. Unterbindung des bio­logischen Säureabbaus zugunsten grösserer Frische, Ausbau auf der Hefe mit gelegentlicher Batonnage, behutsame Reifung in Barriques zielen auf ein schärferes Profil der Weine.

Ist Thomas Schmidheiny zufrieden mit den Weinen seines neuen Önologen? «Von den Weissen bin ich begeistert, an den Roten müssen wir noch schaffen», antwortet er ­trocken. Stössel widerspricht ihm nicht. Mit dem vielversprechenden Jahrgang 2014 hat er den idealen Rohstoff im Keller. Es ist Zeit, dass er sein Meisterstück abliefert.

Imposant: das Atrium des Weinguts.

Foto: beigestellt

Schmidheinys Imperium

Höcklistein und Heerbrugg, Schweiz
Die Rebberge Höcklistein, Fuchsenberg und Meienberg liegen am Zürichsee in Rapperswil-Jona und wurden 2009 von Schmidheiny in Pacht genommen. Viel Sonne, mildes Klima am Wasser und gute Bodenbedingungen sind ideale Voraussetzungen, um verschiedene Weinsorten anzubauen. Die Trauben der 10 Hektar grossen Fläche werden zur Weiterverarbeitung auf das Schmidheiny Weingut in Heerbrugg gebracht.
www.hoecklistein.ch

Chapel Hill, Australien

Es gehört zu den renommiertesten Weinkellern des australischen McLaren Vales, besonders bekannt sind die hochwertigen Rotweine. In Schmidheinys Weingut werden die Weine von Chapel Hill zur Degustation und zum ­Verkauf angeboten.
www.chapelhillwine.com.au

Cuvaison, USA
Gegründet 1969 und seit 1979 in Besitz der Familie Schmidheiny, gehört das kalifornische Cuvaison zu den etablierten Weingütern in Napa Valley. Von der Sonne gewärmt und der Meeresbrise gekühlt, wachsen hier Trauben, die zu harmonischen Weinen internationaler Klasse verarbeitet werden.
www.cuvaison.com

Finca Decero, Argentinien
Einst lag hier das Land brach, dann wurde der einzigartige Weinberg der Finca Decero geschaffen. In minutiöser Handarbeit werden die Reben gepflegt, der Wein selbst wird ohne Kompromisse gekeltert
und spiegelt die natürlichen Attribute des ­Remolino Weinbergs auf über 1000 Metern Höhe wider.
www.decero.com

Schmidheiny-Rebberg im Rheintal: 30.000 Flaschen entstehen derzeit aus den Trauben von total 15 Hektaren in Heerbrugg und Rapperswil-Jona.

Foto: beigestellt

Info

Schmidheiny
Weingut im Rheintal
Schlossstrasse 210
9435 Heerbrugg
www.schmidheiny.ch

Aus Falstaff Magazin Schweiz Nr. 02/2015

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