St. Galler Weinspitzen

Blick vom Weingut Höcklistein auf die Bucht von Kempraten und Rapperswil.

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Blick vom Weingut Höcklistein auf die Bucht von Kempraten und Rapperswil.

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Der erste Besuch am Morgen führt zum Weingut Höcklistein in Rapperswil-Jona. Höcklistein ist von Westen gesehen der erste St. Galler Rebberg und wird fälschlicherweise häufig dem Kanton Zürich zugeschlagen. Am Bahnhof Kempraten holt einen Andreas Stössel ab. Stössel arbeitet als Önologe auf Höcklistein sowie in Heerbrugg, dem anderen Weingut des Industriellen Thomas Schmidheiny. Stössel kehrte 2010 nach erfolgreichen Berufsjahren in der Toskana aus familiären Gründen in die Schweiz zurück und ist seit 2013 für die Produktion der Schweizer Schmidheiny-Weine verantwortlich, zu dessen Imperium auch Wineries in Kalifornien, Australien und Argentinien gehören.

Stössel schlägt vor, dass wir über den Rebberg zum neuen Weinshop an der Zürcher­strasse laufen. Der Aufstieg ist steil, und als wir die Höhe gewonnen haben, entfaltet sich ein umwerfendes Panorama auf die Bucht von Kempraten und die Innerschweizer Alpen. Es ist zum «Hinhöckeln» schön.

Das Weingut Höcklistein verfügt in einer bestechend schön umgebauten Scheune über ein attraktives Verkaufs-, Degustations- und Eventlokal.
Das Weingut Höcklistein verfügt in einer bestechend schön umgebauten Scheune über ein attraktives Verkaufs-, Degustations- und Eventlokal.

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Höcklistein ist mit zehn Hektaren der grösste zusammenhängende Rebberg am Zürichsee. Thomas Schmidheiny übernahm die Anlage 2009 im maroden Zustand und liess sie mit Räuschling, Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Noir und Merlot erneuern. Seit seinem Stellenantritt hatte Stössel bei der Sorten- und Klonenwahl ein wichtiges Wort mitzureden. Er ist von der Sorte Önologe, dessen Fussabdruck man im Rebberg findet. «Entscheidend für mich war, zu einem Weingut zu kommen, das Potenzial vor allem im Rebberg sieht.»

In Italien hatte er sich den Ruf eines Winzers geschaffen, der sich auf die Vermittlung des Lagencharakters fokussiert. Er experimentiert mit Laubwandhöhen, unterschiedlichen Arten der Entblätterung und Ertragsbegrenzung. Der Einsatz einer Drohne soll ihm Erkenntnisse über den Reifezustand mitteilen. Sein Ansatz ist so wissenschaftlich wie intuitiv. Besonders spannend findet er den stilistischen Vergleich zwischen Höcklistein und Heerbrugg. Beide Weingüter befänden sich auf einem Ausläufer des Speers, des höchsten Nagelfluhberges Europas, und besässen ein vergleichbares Terroir. Unterschiedlich freilich sei das Kleinklima: hier das milde, konstantere Seeklima, dort das variable Flussklima. «Der Pinot Noir beispielsweise gerät am See konzentrierter, wuchtiger, würziger. Im Rheintal dagegen eleganter und fruchtiger.»

Im Verkaufsgeschäft entkorkt Andreas Stössel seine neueste Errungenschaft: den Räuschling Höcklistein, seinen ersten Räuschling-Gutswein. Er ist wesentlich komplexer als der Räuschling Tradition und beeindruckt mit seiner Cremigkeit und Mineralität. Stössel will in den nächsten Jahren bei allen Sorten die drei Stufen Tradition/Gutswein/Lagenwein einführen. Der 2013er Pinot Noir und Merlot «Paradies» stehen in den Startlöchern. Er lässt sich aber Zeit mit den neuen Weinen. «Sie müssen ihr Profil gefunden haben, wenn sie freigegeben werden.» Überhaupt habe er ja eigentlich erst angefangen. Zehn Jahre brauche man mindestens, bis man den Durchblick habe.

«Der Pinot Noir gerät am See konzentrierter, wuchtiger, würziger. Im Rheintal dagegen eleganter und fruchtiger», Andreas Stössel Önologe, Schmidheiny-Weingüter
«Der Pinot Noir gerät am See konzentrierter, wuchtiger, würziger. Im Rheintal dagegen eleganter und fruchtiger», Andreas Stössel Önologe, Schmidheiny-Weingüter 

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Gegen Mittag geht es entlang des Walensees ins Sarganserland. In Sargans erwartet uns auf dem Weingut Gonzen, am Fusse des gleichnamigen Bergs, Stefan Hörner. Das Weingut gehört zum inzwischen stillgelegten Eisenbergwerk Gonzen, in Besitz der beiden Unternehmen Sulzer Winterthur und Georg Fischer Schaffhausen. Erzvorräte wären noch reichlich vorhanden. Die Gonzen AG besitzt noch eine Konzession zum Erzabbau, der im Ernstfall wieder aktiviert werden könnte, konzentriert sich derzeit aber auf den Traubenanbau. Stefan Hörner ist seit über zwanzig Jahren Betriebsleiter und hat als stiller, präziser Schaffer das 1919 gegründete Weingut zusammen mit seiner Frau Anita weiterentwickelt und ihm einen soliden, in jüngster Vergangenheit gar überaus guten Ruf verschafft. Er bewirtschaftet 4,5 Hektaren in Gonzen und als Pacht 1,5 Hektaren im höhergelegenen Sax im Rheintal. 35.000 Flaschen beträgt die durchschnittliche jährliche Produktion.

Obwohl Stefan Hörner gerade in Sax geradlinigen, kernigen Pinot Noir erzeugt, forciert er den Weisswein. Eine Überzeugung, die er auch als Präsident des Branchenverbandes St. Gallen vertritt. «Ich finde, wir sollten uns hier im Norden auf Weissweine konzen­trieren. Der Süden dagegen ist Rotweinland. Unser Ziel sind deshalb frische, aromatische, lagerfähige Weissweine.» Dass die Weissweine auch betriebswirtschaftlich interessanter sind, da die Produktionskosten tiefer liegen, spielt ihm dabei in die Hand. Er votiert deshalb für Sauvignon Blanc oder die weissen Burgundertrauben und schliesst auch pilzwiderstandsfähige Sorten wie den Johanniter ins Votum ein. Mit einem charaktervollen Pinot Gris aus Gonzen etwa oder der Assemblage Blanc (Müller-Thurgau und Weissburgunder) aus Sax geht er den Weg voran.

Stefan Hörner ist seit über zwanzig Jahren Betriebsleiter auf dem Weingut Gonzen in Sargans.
Stefan Hörner ist seit über zwanzig Jahren Betriebsleiter auf dem Weingut Gonzen in Sargans. 

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Das «tobias wein.gut» in Berneck bildet am Nachmittag die letzte Station dieser kleinen St. Galler Weinerkundungsreise. Beim Verlassen des Zugs in Heerbrugg wütet ein Platzregen. Die Witterung ist zu ungünstig, um die Rebberge zu besuchen, obwohl sich das lohnen würde: Die Weinberge um Berneck an den Südflanken des St. Galler Rheintals – teils terrassiert, teils vertikal bepflanzt und vielfach noch im Stickelanbau – sind von einer erstaunlichen Steilheit und können nur in aufwendiger Handarbeit gepflegt werden.

Christoph Schmid, der junge Gutsbesitzer, fährt direkt ins Weingut. Es liegt in einem kleinen Seitental. Auf dem Weg passieren wir rechter Hand die prächtig im Rebberg gelegene Rosenburg, das Wahrzeichen der Familie. Schmid leitet den 1866 gegründeten Betrieb Tobias Schmid & Sohn in fünfter Generation. Zwölf Hektaren werden nach IP-Richtlinien gepflegt, die Trauben von acht Hektaren zusätzlich dazugekauft. 80.000 Flaschen ver­lassen den Hof jährlich. Nach der Übernahme vor fünf Jahren änderte Christoph Schmid den Namen und die Ausstattung. Die Flaschen, auch die besten Roten, werden alle mit einem hochwertigen Schrauber verschlossen. «Um Reduktionen zu verhindern, müssen alle Rotweine vorher ins Holz», sagt er.

Christoph Schmid von «tobias wein.gut» in Berneck zählt zu den Shootingstars der St. Galler Weinszene.
Christoph Schmid von «tobias wein.gut» in Berneck zählt zu den Shootingstars der St. Galler Weinszene.

© Christoph Schmid

Christoph Schmid hat nicht nur ein gutes Gespür für ein intelligentes, zupackendes Marketing, in erster Linie ist er ein guter Winzer und Kellermeister: Das beweist die Degustation seiner lebendigen, prägnanten, geschickt auf den Geschmack eines jüngeren Publikums zugeschnittenen Weissweine.

Der Rivaner (Müller-Thurgau) ist erfreulich trocken. Der Blanc aus Pinot Noir, Rivaner und Johanniter wird in der Businessklasse der Swiss ausgeschenkt. Ein Teil der Roten trägt die Bezeichnung G (wie Generation) 3 bis 5. «Der Pinot Noir G3 reift in einem 9200-Liter-Holzfass, der G4 in Doppelbarriques aus Bernecker Eiche, der G5 in grösstenteils neuen Fässchen.» Die Pinots repräsentieren gleichsam die klassisch-traditionelle Linie. Moderner aufgegleist ist die Assemblagen-Linie Rouge G3 bis G5. Den spektakulären, saftigen Rouge G5 Quintessenz aus Cabernet, Dornfelder, Merlot, Pinot und Zweigelt trinkt dann vielleicht am Abend auch die Hochzeitsgesellschaft, die inzwischen auf dem Weingut eingetroffen ist, das als beliebtes Eventlokal dient und von Christophs Bruder Tobias geführt wird.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 06/2017
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