Spaniens Weinwelt im Umbruch

Spanien erlebt im Weinbau eine Rückbesinnung, bei der auch die biodynamische Bewirtschaftung eine bedeutende Rolle spielt. 

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Spanien erlebt im Weinbau eine Rückbesinnung, bei der auch die biodynamische Bewirtschaftung eine bedeutende Rolle spielt.

Spanien erlebt im Weinbau eine Rückbesinnung, bei der auch die biodynamische Bewirtschaftung eine bedeutende Rolle spielt. 

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eit dem Vorreiter der Molekularküche, Ferran Adrià, zählt Spanien zu den heissesten und innovativsten Pflastern, was die Nouvelle Cuisine angeht. Während Spaniens Küche zu den spannendsten der Welt gehört, sieht es beim Wein etwas anders aus.

Lange Zeit war Spanien einfach zu durchschauen. Einige grosse Weinbauregionen mit klarem Profil, darunter Rioja, Ribera del Duero, der über allem stehende Tempranillo und ein Meer an günstigen, holzgeprägten Weinen. Einfach zu verkaufen, wie letztendlich auch die Exportstatistiken aus Spanien beweisen. Seit 1988 explodierte der spanische Weinexport von damals knapp fünf Millionen Hektolitern auf etwa 23 Millionen Hektoliter im Jahr 2018. Spanien ist Weinexportweltmeister hinsichtlich der Menge, geht es allerdings um den Wert, sieht die Sache ganz anders aus. Der Durchschnittspreis eines Liters Wein aus Spanien lag im Jahr 2018 bei ca. 1,35 Franken. Im Vergleich hierzu sei der Wert für einen Liter Wein aus Frankreich, der bei etwa 6,50 Franken lag, erwähnt. All diese Zahlen lassen beinahe vergessen, dass es natürlich auch weltbekannte Ausnahmen gibt, die wenig mit dem modernen, molligen, spanischen Stil zu tun haben.

Dazu gehören sicherlich López de Heredia aus der Rioja oder Vega Sicilia aus Ribera del Duero. Beides ikonenhafte Weingüter, die sich an einem alten, fast vergessenen, eleganten Bordeaux-Stil orientieren. Bei Vega Sicilia fusst der Ruhm auf der enormen Lagerfähigkeit und Qualität des Unico. Massgeblich mitgeformt hat diesen Wein der langjährige Kellermeister und Betriebsleiter Mariano García, einer der Väter der D. O. Ribera del Duero und Vorreiter der terroirgetriebenen, auf einen eleganten Weinstil bedachten, Winzer Spaniens.

Bei Palacio Quemado in der Extremadura wagte man eine völlige Neuorientierung.

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Neue Ikonen

Eine ähnliche Stellung nimmt für die junge Winzergeneration der bärtige Raúl Pérez ein. Der ist nicht nur Winzer, sondern gehört mittlerweile zu den önologischen Ikonen des Landes. Pérez’ Familie bewirtschaftet seit drei Generationen die Rebterrassen in der Nähe von Bierzo, nur einen Katzensprung nach Osten von Ribeira Sacra, der bergigen Weinregion im Nordwesten Spaniens, die unter anderem für ihre Weine aus der unterschätzten Mencia-Traube und ihren alten Rebbestand bekannt ist. Pérez brachte seinen ersten Jahrgang mit 22 Jahren auf die Flasche. Heute ist er Berater für unterschiedlichste Projekte, nicht nur in seiner Heimat Bierzo, sondern in ganz Spanien, Portugal und sogar Südafrika. Der Stil seiner Weine ist von Eleganz, Frische und Filigranität geprägt, mehr vom Terroir als vom Holzfass. Bei der Weinbereitung tut er nur so viel wie nötig, eine Philosophiefrage und eine Rückbesinnung auf die Wurzeln.

Raúl Pérez zählt zu den führenden Köpfen der neuen Winzergeneration in Spanien.

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Burgund als Vorbild

Auch andere Beispiele zeigen auf, dass Spaniens Weinwelt an einem Punkt der Veränderung ist und die spezifische Herkunft der Trauben mehr und mehr ins Zentrum gerückt wird. In der Rioja entschied man sich, eine Einzellagenklassifikation einzuführen, und dann wäre da noch die Vereinigung Grandes Pagos, die ebenfalls auf einem vom Burgund inspirierten Einzellagenkonzept basiert. Das Weingut Palacio Quemado gehört zu den Grandes Pagos und liegt in der Extremadura, der drittgrössten Weinregion Spaniens. Die Region liegt direkt an der Grenze zu Portugal, und die Weine, die hier wachsen, sind meist für den Fassweinmarkt und für die Produktion von Brandy bestimmt – bis heute. Palacio Quemado hat als erstes Weingut überhaupt zwei Weine mit Lagenbezeichnung in der Extremadura eingeführt. Eine kleine Revolution für den Landstrich und die Art, wie man dort gemeinhin Weine macht.

Die Familie Alvear hat das Projekt Palacio Quemado 1999 gestartet und kurz darauf beschlossen, neben dem allgegenwärtigen Tempranillo auch portugiesische Sorten wie Trincadeira und Touriga Nacional anzupflanzen. Eigentlich logisch – die portugiesische Rotweinhochburg Alentejo ist gerade einmal 40 Kilometer entfernt, die kalk- und sandhaltige Bodenstruktur macht vor der Landesgrenze nicht halt. Den richtigen Dreh gefunden haben die Alvears allerdings erst, als sie 2010 die vier jungen Önologen von Envínate verpflichteten. Die gehören zu den derzeit gefeiertsten Weinmachern des Landes. Sucht man nach einem Hinweis darauf, ob eine spanische Weinregion gerade im Trend liegt, muss man eigentlich nur überprüfen, ob Envínate dort aktuell engagiert ist. Die Pioniere des neuen spanischen Weinstils produzieren derzeit einige der gesuchtesten, vom Atlantik beeinflussten Weine im ganzen Land.

Ein weiteres Projekt von Vega Sicilia: die Bodegas Alión. Der Alion selbst ist ein reiner Tinto Fino.

© josemarmol.es

 In Taganana, im Nordosten von Teneriffa betreut eines der Mitglieder des Kollektivs, Roberto Santana, eine Reihe von Kleinstparzellen mit bis zu 100 Jahre alten Rebstöcken, die als Gemischter Satz mit einheimischen Rebsorten bestockt sind. Die Weine des Táganan-Labels geniessen einen hervorragenden Ruf unter Kritikern und Weinliebhabern. Bei Palacio Quemado stellte Envínate zuerst die Produktion auf biologischen Anbau um, verbannte alles amerikanische Holz aus dem Keller und stellte auf schwach getoastete, französische Tonneaux um. Die Weine werden heute spontan vergoren und nur vor der Füllung leicht geschwefelt. Mittlerweile ist jedem klar, dass kompromisslose Zurückhaltung der einzige Weg ist, wenn man die Herkunft eines Weins ins Zentrum rücken will. Nicht nur Familie Alvear tut Jahr für Jahr weniger in ihrem Keller und reduziert den Neuholzanteil – die Haltung hat sich bei vielen spanischen Weingütern gewandelt: Wenn es nach Kokos riecht, ist es nicht gut, ist es von gestern. Maria de Alvear ist für Verkauf und das Marketing der Alvear-Güter verantwortlich. Vor 2010, sagt sie, seien ihre Weine von einem Wein aus der Rioja nur schwer zu unterscheiden gewesen. Der Einfluss der langen Lagerung in stark getoasteten Holzfässern war einfach zu gross. «Ich will trinkbare Weine machen, die nach jedem Schluck nach dem nächsten verlangen», sagt sie lachend und giesst von ihrem Lagenwein La Zarcita ein. Blind würde man bei diesem Wein vielleicht auf Frankreich tippen. Oder auch auf Portugal.

Maria de Alvear meint, dass das wohl der ungeschminkte Ausdruck von Extremadura sei. Alvears Vorstellung von Wein kann, betrachtet man die weltweite Entwicklung, durchaus als eine progressive, moderne Vorstellung bezeichnet werden. Weine, die nicht nur durch Kraft und Opulenz glänzen, sondern sich vor allem so präsentieren, dass man gerne ein zweites Glas geniesst. Diese Philosophie galt schon einmal als modern, beispielsweise während der Anfänge von Vega Sicilia, als man sich an dem eleganten, trinkigen Bordeaux orientierte.


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