Siziliens neue Weinwelt

Blick über die Ostküste Siziliens bis zum Ätna: Hier entstehen heraus­ragende Weine einer neuen Winzerszene.

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Blick über die Ostküste Siziliens bis zum Ätna.

Blick über die Ostküste Siziliens bis zum Ätna: Hier entstehen heraus­ragende Weine einer neuen Winzerszene.

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«Anzunehmen was ist, das war für mich der zentrale Lernschritt in meinem Weinverständnis», sagt Arianna Occhipinti, der neue Stern am italienischen Weinhimmel. «Die Unterschiede der Böden ebenso anzunehmen wie die Unterschiede in Höhenlage und Exposition, die Eigenarten jedes Weingartens. Annehmen heisst respektieren. Mit sanften und wenigen Eingriffen respektiere ich die Eigenart des Weinbergs, mit dem Verzicht auf Reinzuchthefe respektiere ich die Gärung. Ich sehe den Wein als eigenständige Persönlichkeit, die einen eigenen Erfahrungsschatz mit sich bringt. So wie wir Menschen.» 

Arianna war von klein auf mit Wein verbunden. Ihr Onkel Giusto Occhipinti galt mit seinem Weingut Cos als einer der Protagonisten der Qualitätsrevolution in Sizilien. Nachdem Arianna in Mailand Weinbau studiert hatte, ging sie wieder zurück nach Vittoria. Das war vor zwölf Jahren. Seither hat sich viel in ihrem Weinverständnis geändert, sagt sie. Sie sieht ihre Rolle nicht als Technikerin, die mit Interventionen den Wein in die richtige Richtung biegt, sondern als Geburtshelferin, die dem Wein hilft, sich auszudrücken.

Nachhaltiger Weinbau auf der Tenuta delle Terre Nere. / Foto: beigestellt

Nachhaltiger Weinbau auf der Tenuta delle Terre Nere.

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Mit ihrer herzlichen und eloquenten Art wurde Arianna Occhipinti zur Wortführerin einer wachsenden Gruppe von Naturwein-Anhängern. Auch auf grosser Bühne bewegt sie sich mit einer Natürlichkeit, als ob sie zu Hause am Weingut wäre. Natürlichkeit ist wichtig für sie. Weinberg und Wein natürlich zu behandeln, das geht für Occhipinti weit über biologisch oder biodynamisch hinaus. Das ist auch mit Risiko verbunden. Die Weine zeigen grosse Jahrgangsschwankungen, sind gewöhnungsbedürftig. 

Aber stets sind es Weine von eigenem Ausdruck und mit eigener Persönlichkeit. Fein und duftend präsentiert sich ihr Frappato, eine lokale Rotweinsorte, die sich durch mildes Tannin auszeichnet und auch gekühlt hervorragend zu geniessen ist. Tiefgründig und stoffig hingegen ist der Siccagno, Occhipintis Interpretation des Nero d’Avola.

Im Schatten des Ätna macht eine Natural-Wine-Bewegung von sich reden. / Foto: beigestellt
Im Schatten des Ätna macht eine Natural-Wine-Bewegung von sich reden.

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Feurig wie Lava

Szenenwechsel. Rauf zum Ätna, nach Passopisciaro auf 700 Meter Höhe. Frank Cor­nelissen ist Belgier und war früher Wein­broker. Dann packte ihn das Ätna-Fieber, angezogen von den alten Rebstöcken, von denen viele noch wurzelecht sind. «Sie sind das grosse Kapital des Ätna», sagt er. 2001 erzeugte er seinen ersten Wein. Natürlichkeit ist auch für Frank Cornelissen das zentrale Thema. Bald begann er, die Weine in Amphoren auszubauen und verzichtete auf Schwefelzugaben. 

Von den Amphoren ist er in der Zwischenzeit wieder abgekommen, da hatte er Probleme mit Haarrissen in der Beschichtung, was zu übermässiger Oxidation führte.

Ernte in Passopisciaro, einem der höchstgelegenen Betriebe am Ätna. / Foto: beigestellt

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Heute schwört Cornelissen auf Fässer aus Epoxidharz und Polyethylen. Schwefel aber gibt er seinen Weinen immer noch keinen zu. «Oberstes Gebot bei meiner Arbeit im Keller ist Sauberkeit. So kann ich den Wein vor Infektionen schützen.» 

Die Übersättigung mit Argongas hilft zusätzlich, den Wein zu schützen. Von der oxidativen Note der früheren Cornelissen-Weine ist heute keine Spur mehr. Sie zeigen sich klar und präzise, alle mit grossem Ausdruck.

Seinen Grand Vin nennt Cornelissen «Magma», ein reinsortiger Nerello Mascalese aus der Lage Barbabecchi.

Etwas darunter sind die «MunJebel»-Weine positioniert, auch alles Nerello Mascalese aus Einzellagen, »Contrade«, wie sie am Ätna bezeichnet werden. Mit dem «Contadino» knüpft Cornelissen auf überzeugende Art an die Tradition der einfachen, aber guten Schankweine an. 

Ins Rollen gebracht hatten den Ätna-Boom zwei andere. Der Römer Andrea Franchetti hatte zuvor schon mit seiner Tenuta di Trinoro in der Toskana gezeigt, dass er sich auf die Erzeugung absoluter Spitzenweine vortrefflich versteht. Der Italo-Amerikaner Marco De Grazia machte als Broker in den 1990er-Jahren die Weine aus dem Piemont international bekannt. 

Das Weingut Cottanera wird von den Geschwistern Cambria betrieben. / Foto: beigestellt
Das Weingut Cottanera wird von den Geschwistern Cambria betrieben.

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Mit Ecken und Kanten

Um die Jahrtausendwende gründete Franchetti mit Passopisciaro einen der höchstgelegenen Betriebe am Ätna. In Sichtweite stellte auch De Grazia seine Tenuta delle Terre Nere hin. Beide behaupteten, am Ätna liessen sich grosse Rot- und Weissweine erzeugen, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen bräuchten. Das liess aufhorchen. Auch ihnen beiden ist naturnaher, nachhaltiger Weinbau wichtig.

Nach dem Vorbild des Burgund setzen De Grazia und Franchetti auf Einzellagen. Durch den Höhenunterschied – von 400 bis auf über 1000 Meter – gibt es da beachtliche Vielfalt. Passopisciaro erzeugt mittlerweile fünf Einzellagen, auf De Grazias Tenuta delle Terre Nere sind es vier Contrade.

Nach Burgunder Vorbild setzt Tenuta delle Terre Nere auf Einzellagen. / Foto: beigestellt
Nach Burgunder Vorbild setzt Tenuta delle Terre Nere auf Einzellagen.

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Im Schatten des Erfolgs von Passopisciaro und Terre Nere schossen neue Weingüter wie die Pilze aus dem Boden. Auf dem Weingut Cottanera der Geschwister Cambria wurden schon seit den 1990er-Jahren charaktervolle Weine erzeugt. Während früher französische Edelsorten den Sortenspiegel prägten, wenden Mariangela und ihr Bruder Francesco Cambria sich nun verstärkt dem Nerello Mascalese zu. 

Junge Weinbauern übernahmen die Weingärten ihrer Grossväter und brachten neues Leben in die alten Kellergebäude. Alberto Graci in Passopisciaro bearbeitet zwei Lagen, die er von seinem Grossvater übernommen hat: Arcuria auf 600 bis 700 Meter und die Lage Barbabecchi auf über 1000 Meter. Giuseppe Russo begann 2005 mit dem Weinbau und nannte seinen Betrieb nach seinem Vater, Girolamo Russo. Er erzeugt heute drei grossartige Lagen-Weine: San Lorenzo, Feudo und Feudo di Mezzo.

Franchettis Weine haben den neuen Ätna-Trend mitbegründet. / Foto: beigestellt

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Salvo Foti ist Weinbauer, Önologe und Berater vieler Betriebe am Ätna. Auch für ihn ist Naturwein ein zentrales Anliegen. «Diese einzigartige biologische Vielfalt, die alten, knorrigen Rebstöcke, das ist unser Reichtum. Den müssen wir pflegen und erhalten», so sein Credo. 

Dafür gründete er mit Gleichgesinnten die Vereinigung «I Vigneri». Stockerziehung, händische Bearbeitung und der Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel sind die Mindeststandards. Heute gehören den «Vigneri» eine Reihe kleiner Winzer am Ätna und darüber hinaus an. So auch die Tenuta di Castellaro auf der Insel Lipari. 

Nachdem der Weinbau viele Jahre von der Insel verschwunden war, brachte Massimo Lentsch, Unternehmer aus Bergamo mit österreichischen Vorfahren, ihn wieder nach Lipari zurück. Bereits in der Antike war die Insel für Bimsstein und Obsidian bekannt. 

Das sind auch die Namen der beiden wichtigsten Weine der Tenuta di Castellaro: Der weisse «Pomice» ist eine Cuvée aus Malvasia und Carricante, der rote «Ossidiana» entsteht aus der alten lokalen Sorte Corinto Nero und etwas Nero d’Avola. Der köstliche süsse Malvasia delle Lipari, dessen Trauben in der Inselsonne getrocknet werden, rundet die Palette ab. Mitunter mögen die Weine der Naturwein-Erzeuger etwas eckig, ungehobelt und eigensinnig erscheinen. Sie bieten aber immer grossen Ausdruck.

Verkostungsnotiz: Die besten Weine Siziliens im Falstaff-Tasting

Sizilien ist als einzigartiges Anbaugebiet mit üppigen Weinhängen bekannt. / © Shutterstock
Sizilien ist als einzigartiges Anbaugebiet mit üppigen Weinhängen bekannt.

© Shutterstock

Aus Falstaff Magazin Nr. 06/2016

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