Winzer Näkel auf seinem Schiefer-Steilhang im Ahrtal / © Weingut Meyer-Näkel/Dieth
Winzer Näkel auf seinem Schiefer-Steilhang im Ahrtal / © Weingut Meyer-Näkel/Dieth

Das Auge trinkt mit. Für den Wein vom Schieferboden gilt das ganz besonders. Der matte Glanz des Schiefers, die Regelmässigkeit seiner Struktur: Wer das Bild eines schieferübersäten Steilhangs oder eines schiefergedeckten Dachs vor dem inneren Auge hat, der nimmt einen Eindruck von Ruhe und Klarheit in sich auf, eine Anmutung fein gegliederter Ordnung. Passenderweise klassifizieren die Geologen den Schiefer auch nicht als Gestein, sondern als Gefüge. Verschiedene Ausgangsgesteine können sich in Schiefer verwandeln – unter Kräften der Erdgeschichte, die die menschliche Vorstellungskraft an ihre Grenze bringen. Durch starken Druck, begleitet von hohen Temperaturen, die für Elastizität sorgen und im wahrsten Sinn des Wortes einen Stein erweichen können, wird das Ausgangsgestein verformt. In der Folge ordnen sich die Kristalle des Ausgangsmaterials neu an, und zwar in Ebenen senkrecht zur Richtung des Drucks. So bilden sie bei der erneuten Verfestigung des Materials jene parallelen Schichten, die das bestimmende Merkmal von Schiefer sind. Je nachdem, welches Gestein geschiefert wurde und welche Mineralien dabei entstanden sind, hat der Schiefer eine graue, schwarze, blaue, rote oder grüne Farbe und liegt als Tonschiefer, Glimmerschiefer, Phyllitschiefer, Ölschiefer und so weiter vor. So weit die Theorie. Doch was macht den Schiefer denn nun für den Wein so besonders?

Starkes Teamwork: August Kessler (auf Kiste sitzend) und sein Team. / © Heinrich Völker
Starkes Teamwork: August Kessler (auf Kiste sitzend) und sein Team. / © Heinrich Völker

Starkes Teamwork: August Kessler (auf Kiste sitzend) und sein Team. / © Heinrich Völker

Einer, der es wissen muss, ist August Kesseler aus Assmannshausen, der umgehend die Vorteile aufzählt: «Erstens hohe Durchlässigkeit. Nach einem Regen ist der Boden schnell wieder trocken. Zweitens hohe Erwärm-barkeit, die auch noch zu spüren ist, wenn sich die Sonne bereits aus dem Staub gemacht hat.» Zwei Standort-Vorteile, die mit dazu beigetragen haben, dass Assmannshausen mit seinem halsbrecherisch steilen Höllenberg dermassen berühmt ist – und zwar, anders als die anderen Rheingau-Gemeinden, nicht für Riesling, sondern für Spätburgunder. Da auch in Kesselers Weingut die noble blaue Traube das Mass aller Dinge ist, hängt Kesseler gleich noch eine dritte Eigenschaft an: «Und Schiefer steht für sauer. Die Säure aber ist etwas ganz Wichtiges für die Eleganz des Pinot Noir.»

Kesselers Weine gehörten nicht nur zu den ersten, die bereits in den 1980er-Jahren einen internationalen Markt eroberten, sie sind auch Musterbeispiele für den subtilen Stil, den Spätburgunder vom Schiefer erlangen kann: Sie verbinden eine pikante, doch niemals eintönige Fruchtigkeit mit saftigem, feinnervigem Trinkfluss – etwas cremiger verpackt in der Cuvée Max, die «so gemacht ist, dass sie ein Essen parieren kann» – und mit vibrierender mineralischer Zartheit beim Grossen Gewächs Höllenberg, «von dem wir wollen, dass es solo getrunken wird.»

Pinot-Eldorado Ahrtal

Neben Assmannshausen und seinem guten

Grauer Schiefer und Spätburgunder / © Weingut Meyer-Näkel/Dieth
Grauer Schiefer und Spätburgunder / © Weingut Meyer-Näkel/Dieth
Dutzend Pinot-Noir-Spezialisten ist das Ahrtal Deutschlands zweite Hochburg des Spätburgunders vom Schiefer. Doch bis in die 1980er-Jahre hinein vergeudeten die Winzer das Talent ihrer Steilhänge an blasse, meist halbtrocken ausgebaute Weinchen, die zuweilen mehr nach dem Vorbild eines Rieslings erzeugt waren denn als ernst zu nehmende Rotweine. Die Tage des «Ahrbleichert» gingen vorüber, als eine Generation von Pionieren den Stil des Ahr-Burgunders revolutionierte: Winzer wie Werner Näkel, Jean Stodden und Wolfgang Hehle setzten auf Ertragsregulierung, solide Maischegärungen zur Extraktion und Barriqueausbau.

Heute hat in all diesen Betrieben schon die junge Generation das Heft in der Hand: «In den letzten zehn Jahren», so gibt etwa Alexander Stodden zu Protokoll, «haben wir besser gelernt, wie der Weinberg funktioniert.» Nicht, dass die alte Generation nichts vom Rebbau verstanden hätte. Doch das Ahrtal mit seiner nördlichen Lage einerseits und seiner Wärme stauenden Enge und seinen stark erwärmenden Böden andererseits, bekam die Veränderungen durch die globale Erwärmung besonders stark zu spüren: War noch in den 1970er-Jahren jeder Jahrgang ein einziger Kampf um die Reife, so stellten sich in den 1990er-Jahren auf einmal fast wie von selbst Alkoholgrade von 14,5 Volumenprozent und darüber ein. Die typische De­­likatesse der Weine vom Schiefer geriet in Gefahr, durch Alkohol und portige Aromen an die Wand gedrückt zu werden. So mussten die Ahr-Winzer neu lernen, das Tempo im Weinberg zu dosieren – vor allem, wann etwas Einbremsen angesagt ist.

«Ein Wein muss animieren», hält Alexander Stodden den Übertreibungen der Reife entgegen. «Wenn die Flasche leer ist, muss es eigentlich heissen: Und was trinken wir jetzt?» Sein 2010er-Wein aus «alten Reben» – genauer gesagt, aus einer 1920 wurzelecht gepflanzten Parzelle im Recher Herrenberg – entschied im Falstaff-Test nicht nur die Blindprobe für sich. Da der Wein ausschliesslich in Magnum-Flaschen abgefüllt wurde, bedient er mustergültig eine der grössten Tugenden des Spätburgunders vom Schiefer: seine Trinkfreudigkeit.

BIDLERSTRECKE: Best of Pinot Noir vom Schiefer.

(Von Ulrich Sautter)
Aus Falstaff Deutschland Nr. 2016/01

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