Riesling aus der Schweiz: Der rare Underdog

Blick auf die Walliser Alpen. Hier pflanzte der Winzer Chosy Chanton schon vor knapp 30 Jahren Riesling.

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Blick auf die Walliser Alpen. Hier pflanzte der Winzer Chosy Chanton schon vor knapp 30 Jahren Riesling.

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Riesling gilt als eine der hochwertigsten Rebsorten der Welt. Unter den Weissweinsorten kann ihr wohl lediglich der Chardonnay das Wasser reichen. Knapp. Denn während auch die besten Chardonnays mal stärker und mal weniger stark von ihrem Ausbau geprägt sind, hat Riesling die hervorragende Eigenschaft, die Umgebung, in der er gewachsen ist, im fertigen Wein direkt widerzuspiegeln, wenn man ihn denn lässt. Riesling ist eine Terroirsorte sondergleichen. Ein Riesling von der Mosel ist leichtfüssig, während dieselbe Rebe im Elsass opulente Weine hervorbringt. Die besten Rieslinge der Wachau riechen nach Honig und exotischen Früchten, während die Aromen der Pendants aus Südtirol eher an Zitrusfrüchte und Aprikosen erinnern.

Die Schweiz ist quasi umschlossen von grossen Rieslingterroirs, und trotzdem ist die Sorte in unseren Rebbergen kaum zu finden. Mit 380 Hektaren liegt der eingangs erwähnte Chardonnay auf dem dritten Platz der meistangebauten Weissweinsorten der Schweiz – weit abgeschlagen hinter den leichtfüssigen Sorten Chasselas und Müller-Thurgau. Riesling hingegen wird laut der weinwirtschaftlichen Statistik 2017 vom Bundesamt für Landwirtschaft auf gerade mal 21,2 Hektaren kultiviert – sogar Sorten wie Solaris oder Kerner werden in der Schweiz häufiger angebaut als die «Königin der Weissweine».

Das Weingut Pircher holte sich das Know-how für seine Riesling-Pflanzungen in Deutschland.
Das Weingut Pircher holte sich das Know-how für seine Riesling-Pflanzungen in Deutschland.

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Reto Honegger vom Weingut Lattenberg in Stäfa am Zürichsee macht das Trinkverhalten der Schweizerinnen und Schweizer dafür verantwortlich: «Die Schweizer mögen Weissweine mit zurückhaltender Säure, eher breitere Weine», sagt Honegger. «Ausserdem braucht die Sorte Riesling absolute Toplagen, damit sie ausreift. Traditionell werden bei uns dort Rotweinsorten gepflanzt.» Honegger hat seit rund zehn Jahren Rieslingreben direkt am See auf kleinen Terrassen in einer Steillage stehen und ist überzeugt, dass seine Reben die besten Zeiten noch vor sich haben. «Für viele andere Sorten könnten unsere Toplagen bald zu heiss sein, Riesling wird hier aber perfekt reif.»

Kein Reifeproblem haben die Produzenten im warmen Wallis, mit knapp 7 Hektaren Riesling zwar eine der wichtigsten Schweizer Regionen für die Sorte, eine Rolle spielt sie aber dennoch nicht. Der Vorreiter für alte Sorten – der Oberwalliser Chosy Chanton – hat seit gut 30 Jahren Riesling im Anbau. Mehr davon pflanzen würde er aber nicht. «Wir haben viele alte, traditionelle Weissweinsorten bei uns, die hervorragende Qualitäten hervorbringen. Den Riesling brauchen wir eigentlich nicht», sagt Chanton gegenüber Falstaff und spricht damit auf Reben wie Heida oder Petite Arvine an, die schon heute auf einem Vielfachen der Rebfläche von Riesling angebaut werden.

Ein Problem für den Riesling sei in der Deutschschweiz sicher auch die Verwendung des Namens Riesling-Sylvaner für den Müller-Thurgau, gibt Chanton zu bedenken. «Viele Leute verwechseln das, und nicht selten ist vom Riesling die Rede, wenn eigentlich Müller-Thurgau gemeint ist.» Die Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royal, die auf den Thurgauer Hermann Müller zurückgeht, hat geschmacklich mit dem echten, reinen Riesling wenig gemein. Die Sorte ist nicht nur viel früher reif, sie verfügt auch weder über die Komplexität noch den Terroircharakter eines echten Rieslings.

«Die Feedbacks zu unserem Riesling sind durchweg gut, vor allem eingefleischte Weinkenner schätzen ihn.» – Urs Pircher, Weingut Pircher

«Die Feedbacks zu unserem Riesling sind durchweg gut, vor allem eingefleischte Weinkenner schätzen ihn.» – Urs Pircher, Weingut Pircher

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Simply the best

Die Liste der wenigen Riesling-Produzenten in der Schweiz liest sich wie das Who-is-who der hiesigen Weinszene: Martha und Daniel Gantenbein bauen, von deutschen Freunden inspiriert, seit den 90er-Jahren Riesling an, der Schaffhauser Burgunderkönner Markus Ruch hat von der Sorte im Ertrag, ebenso das legendäre Thurgauer Schlossgut Bachtobel oder die Walliser Boutique-Kellerei Histoire d’Enfer. Und immer mehr Schweizer Top-Winzer ziehen nach. Urs Pircher aus Eglisau, einer der Spitzenproduzenten in der Falstaff-Auswahl «Die  50 besten Weine der Schweiz» hat vor sechs Jahren Riesling gepflanzt, und zwar in einer seiner besten Lagen am Stadtberg Eglisau. «Es schmeckt nach Riesling», sagt Urs Pircher schmunzelnd auf die Qualität der ersten Jahrgänge angesprochen.

Die Reben seien allerdings noch jung und das Potenzial sicher noch lange nicht ausgeschöpft. Da er die betreffende Parzelle schon seit vielen Jahren bewirtschaftet, konnte er bei der Pflanzung punktgenau vorgehen und mit der Rebschule den Klon sowie die jeweiligen Unterlagsreben aussuchen. Die Jungreben mussten in der heissen Lage während den ersten Jahren bewässert werden, letzten Winter wurde die Bewässerungsanlage aber entfernt und die Rieslinge direkt am Rhein sind fortan auf sich alleine gestellt. Das Know-how für die Pflanzung, den Anbau und die Vinifikation holte sich Pircher mitunter bei deutschen Kollegen. Sein dereinstiger Nachfolger «Göttibueb» Gian-Marco Ofner absolvierte zum Beispiel ein Praktikum beim bekannten Moselwinzer und Schweizer Daniel Vollenweider. «Die Feedbacks auf unseren Riesling sind durchweg gut», sagt Urs Pircher, «gerade eingefleischte Weinkenner schätzen ihn. Wer seinen Wein einfach und schnell verkaufen will, sollte aber keinen Riesling pflanzen.»

Szenegrössen wie der Winzer Markus Ruch versuchen sich ebenfalls an der deutschen Rebsorte.
Szenegrössen wie der Winzer Markus Ruch versuchen sich ebenfalls an der deutschen Rebsorte.

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Fehlende Erfahrung

Langjährige Erfahrung mit dem Anbau und entsprechend auch mit dem Verkauf von Riesling geniesst man auf dem Schlossgut Bachtobel bei Weinfelden. Önologin Ines Rebentrost kann dabei auf die Aufzeichnungen von Hans Ullrich Kesselring zurückgreifen. Der 2008 verstorbene, langjährige Winzer auf dem Schlossgut Bachtobel war bekannt für seinen Innovationsgeist und für sein unerbittliches Streben nach Weinen der Spitzenklasse. Er war der Erste, der in den 90er-Jahren Rieslingreben am Weinfelder Ottenberg pflanzte. Damals war der Anbau neuer Sorten in der Schweiz noch streng reglementiert und Riesling als Schweizer Weinsorte nicht vorgesehen. «Er hat die Reben wohl irgendwo in Deutschland aufgetrieben», vermutet Ines Rebentrost. Die Gesetzeslage bis in die 90er-Jahre scheint ein weiterer plausibler Grund, wa­rum sich die Sorte in der Schweiz nirgendwo durchgesetzt hat. «Die traditionellen Rieslingnationen Deutschland und Österreich haben natürlich einen gewissen Vorsprung», scherzt Ines Rebentrost.

«Doch wir wissen heute, dass die Sorte auch bei uns funktioniert.» Reb- und kellertechnische Gründe, die gegen einen Anbau von Riesling sprechen würden, kennt Önologin Rebentrost einige. Nur beste Lagen seien für den Anbau geeignet, und auch dann sei die Rebe sehr ar­beits­intensiv. «Bei der Laubarbeit muss man sehr vorsichtig sein, die empfindlichen Beeren neigen zu Sonnenbrand», nennt Rebentrost ein Beispiel. Und auch im Keller sei Riesling alles andere als einfach. «Die Saftausbeute ist bei der Sorte sehr niedrig», sagt sie. In einem guten Jahr vinifiziert sie auf dem Schlossgut Bachtobel gerade mal 1000 Liter Riesling, einen leichten, süss-sauren Stil mit 12 bis 20 Gramm Restzucker. «Hätten wir mehr Riesling, würde ich gerne mit anderen Stilen experimentieren, mit einem trockenen Wein oder auch mal einem Edelsüssen», sagt Rebentrost. Vorerst wird das aber ein Traum bleiben.

Auf dem Ottenberg pflanzte der verstorbene Hans Ullrich Kesselring schon in den 90er-Jahren Riesling.
Auf dem Ottenberg pflanzte der verstorbene Hans Ullrich Kesselring schon in den 90er-Jahren Riesling.

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Stilfrage Riesling

Riesling ist immer auch eine Stilfrage, in Deutschland oder Österreich genauso wie in der Schweiz. Wie auf dem Schlossgut Bachtobel reichen die Erntemengen bei den meisten Winzern allerdings nicht aus, um viele Experimente zu wagen. Oft wird ein Stil verfolgt. Zürichseewinzer Reto Honegger möchte einen frischen und trockenen Riesling machen, auch wenn sich ein restsüsser Wein vielleicht einfacher verkaufen liesse. «Einen einfachen Wein aus Riesling zu machen würde sich bei uns nicht auszahlen», erklärt Honegger. «In den traditionellen Rieslingregionen werden die niedrigen Qualitäten gerne mit Mineralwasser als Weinschorle getrunken, bei uns hat das wenig Tradition.» Dennoch: Die Vielfalt, die Riesling auf der kleinen Anbaufläche in der Schweiz hervorbringt, ist verblüffend. So stösst man bei Recherchen auf trockene Rieslinge genauso wie auf halbtrockene, edelsüsse Exemplare oder auch den einen oder anderen Rieslingsekt.

Die Oberwalliser Familie Chanton gehört zu den wenigen, die mehrere Facetten des Schweizer Rieslings zeigt. Während der trockene, klassische Riesling laut Winzer Chosy Chanton nie grossen Absatz fand, ist die als feinherb bezeichnete und damit restsüsse Version mittlerweile sehr beliebt. Den Wein vinifiziert Chosys Sohn Mario erst seit zwei Jahren. In besonders geeigneten Rebjahren – letztmals im Jahr 2014 – wird aus dem Riesling aber auch eine Trockenbeerenauslese vinifiziert. Dennoch: Gross­erfolge feiert die für ihren Heida berühmte Winzerfamilie mit ihren Rieslingen nicht. «Viele Gäste, die ins Wallis kommen, suchen das Lokale, und wieder andere trinken lieber einen italienischen Wein in Zermatt», sagt Chosy Chanton mit einem gewissen Schalk in der Stimme. «Doch der Riesling ist auch im Wallis in der Lage, zu Hochform aufzulaufen und genau das zu tun, was er am besten kann – den Ort zeigen: Unsere kalkhaltigen Böden führen zu einer prägnanten Mineralik in den Weinen, und leicht gereift finden Rieslingliebhaber sogar den berühmten Petrolton.»

Facts: König Riesling

Riesling gilt als eine der herausragenden Weissweinsorten unserer Welt. Vor allem in Deutschland, wo sie die meistangebaute weisse Rebsorte ist, und auch bei unseren Nachbarn in Österreich spielt die Sorte eine sehr bedeutende Rolle. In der Schweiz hingegen ist sie noch eine wahre Rarität. Gerade einmal auf 21,2 Hektaren wird Riesling in der Eidgenossenschaft kultiviert. Wegen des Namens entstehen immer wieder Missverständnisse und die Sorte wird mit dem Riesling-Sylvaner verwechselt. Deshalb wird der Riesling in der Schweiz vor allem Rheinriesling genannt.

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Falstaff Nr. 05/2018
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