Reifer oder junger Wein: Zwei Plädoyers

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http://www.falstaff.ch/nd/reifer-oder-junger-wein-zwei-plaedoyers-1/ Reifer oder junger Wein: Zwei Plädoyers Ulrich Sautter, Falstaff Wein-Chefredakteur Deutschland, tritt für gereifte Weine ein während Christoph Teuner, Herausgeber Falstaff Deutschland, das Gleich-Trinken junger Kreszenzen bevorzugt. http://www.falstaff.ch/fileadmin/_processed_/f/b/csm_Weinglas_weiss-Shutterstock-2640_428bbb9fa3.jpg

Pro reifer Wein

Ich seh’ es schon kommen: Wer sich für reife Weine begeistert, gilt schnell als Snob – oder, noch schlimmer – als jemand, der sich an Gestrigem berauscht. Dass mein Sparringspartner in dieser Auseinandersetzung Christoph Teuner ist, dieser Grossmeister der unterhaltsam vorgebrachten und somit im Schafspelz daherkommenden Tiefgründigkeit, lässt mein Ansinnen von vornherein aussichtslos erscheinen: nämlich dafür zu werben, seine Flaschen mit Geduld reifen zu lassen, ehe man ihnen den Korken zieht.

Ulrich Sautter ist Wein-Chefredakteur bei Falstaff Deutschland und trinkt gerne reife Weißweine.

© Florian Bolk

Versuchen will ich mein Plädoyer aber trotzdem. Denn mich treibt der Verdacht um, dass wir mitten in einer gigantischen Konditionierung stecken: ausgesetzt einer Inflation immer grellerer Reize. Dabei erhöht sich nicht nur die Schlagzahl des Alltags, auch unsere Mahlzeiten werden immer süsser, immer salziger und immer schärfer – meist mit dem Ziel, möglichst schnell und beiläufig gegessen zu werden. Und unsere Weine? Sind in drei Vierteln aller Fälle so «gemacht», dass sie sofort nach der Abfüllung den Appeal des Leckeren besitzen.

Dabei beginnt doch erst mit der Reife das eigentliche Vergnügen. Sie lädt dazu ein, Zwischentönen nachzuspüren. Sie begrenzt den Geltungsdrang des Weins, wenn er eine Speise begleiten soll. Und sie durchbricht den Teufelskreis, der darin besteht, dass wir immer stärkere Reize benötigen, weil starke Reize unsere Sinne stumpf gemacht haben. 

Dabei verteidige ich gar nicht die Nostalgie des «Früher war alles besser». Doch die subtile Oxidation eines Sherrys, die Edelfirne eines gut gereiften Rieslings, die unverwüstliche Frische eines alten Champagners: Diese wohltuenden Folgen der Zeit entkleiden den Wein von allen Zufälligkeiten, die ihm am Beginn seines Lebenswegs widerfahren sind – unweigerlich, weil Winzer Kinder ihrer Zeit sind. Doch nach Jahren und Jahrzehnten in der Flasche steht der Wein schliesslich bar und nackt vor einem und lässt sich in seiner ganzen Naturschönheit erkennen. Das, so finde ich, ist nicht zu toppen.

Pro junger Wein

Der bekennende Jungwein-Trinker Christoph Teuner ist Herausgeber vom deutschen Falstaff.

© Manfred Klimek

Selber schuld! Wenn man im Gespräch mit Falstaff-Weinexperten eine Lanze für jüngere Weine bricht, provoziert man die Frage: Und warum bitte schön? Unterton: Wie kommt der auf so eine absurde Idee? Also stürze ich mich todesmutig in das Duell mit unserem viel kenntnisreicheren Wein-Chefredakteur Uli Sautter. Vorab eine Klarstellung: Jüngere Weine – das heisst nicht zu junge Weine. Aber wenn ich lese: «trinkbar von 2017 bis 2027» – dann bin ich fürs frühe Trinken. Aus Gründen der Weltsicht. Zu hochtrabend? Aus Gründen der Hoffnung. Zu sentimental? Wein trinken ist für mich so, als spräche ich mit einem Menschen. Ich mag es, einem weisen Herrn zuzuhören. Lehrreich, ja. Trotzdem ein Gespräch über Vergangenes, Vergilbtes. Lieber spreche ich mit einem jungen Menschen, der sprüht vor Hoffnung und Plänen. Dessen Leben vor ihm liegt und der noch nicht weiss, wohin es ihn verschlagen wird. Frische, Unverbrauchtes! So viel Raum für Fantasie, für Träume! Das regt an, nicht nur die Papillen, auch den Geist. Genuss ist für mich Kopfkino, Breitwand und 3D.

Mit dem nächsten Argument mache ich mich bei Herren wohl unbeliebt und bei Damen beliebt. Weintrinker (männlich) und gereifte Weine sind nämlich eine schwierige Kombination. Zu häufig sind das Grösser-besser-schneller-Veranstaltungen, bei denen Begriffe wie «23 Jahre altes Virginia-Sattelleder», «in Walnussholz gereifter persischer Tabak» oder «Hauch von überreifen neuseeländischen Zwerg-Stachelbeeren» durch den Raum fliegen. Das verdirbt mir die Freude, die nuancenreiche ältere Weine bringen. Zum Schluss möchte ich einen Kronzeugen zitieren, mit dem ich weibliche Sympathien wieder verspiele: den alten Chauvi Don Giovanni. Von dem sagt sein Diener Leporello, er liebe alle Frauen – blonde und brünette, einfache Mädchen und Adelige, schöne und hässliche. Aber: «Sua passion predominante è la giovin principiante.» Debütantinnen! Ich stosse an auf den Don, mit einem Glas Marzemino, einem jung zu trinkenden Rotwein aus Norditalien.

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 03/2017

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