Rebenverwandtschaft: Shiraz und Syrah

«Mount Edelstone Vineyard» in Australien.

Foto: beigestellt

«Mount Edelstone Vineyard» in Australien. / Foto: beigestellt

«Mount Edelstone Vineyard» in Australien.

Foto: beigestellt

Mit der Verwandtschaft ist es ja zuweilen so eine Sache. Bei Reben und Wein verhält sich das nicht anders als im richtigen Leben, oder vielmehr: Es ist noch komplizierter. Denn schon bei der Klärung der Abstammung ist aussergewöhnlicher Aufwand vonnöten. Gen-Analysen sind praktisch unumgänglich, will man einen Einblick in die Verwandtschaftsverhältnisse bekommen, und dabei benötigt man gleich beides: Vaterschafts- und Mutterschaftstests. Doch selbst deren Ergebnisse lassen in aller Regel einige wesentliche Details im Dunkeln, beispielsweise Ort und Zeit einer Zufallskreuzung.

Bei der Rebsorte Syrah, die mindestens seit dem ausgehenden Mittelalter den Ruf der Weine der nördlichen Rhône begründet hat, nahm man früher aufgrund ihres Namens an, dass sie von Syrakus auf Sizilien oder aus Shiraz in Persien an die Rhône eingewandert sei. Beide Erklärungsversuche haben ihre Mängel: Denn die historischen persischen Weine aus der Umgebung von Shiraz waren von weisser Farbe, und ebenso wenig plau­sibel erscheint es, dass eine aus Sizilien stammende Rebsorte am Ort ihrer Herkunft völlig verschwunden sein könnte.

Am «Hill of Grace» wachsen die ältesten Shiraz-Rebstöcke Australiens: Sie sind 140 Jahre und älter. / Foto: beigestellt

Am «Hill of Grace» wachsen die ältesten Shiraz-Rebstöcke Australiens: Sie sind 140 Jahre und älter.

Foto: beigestellt

Inzwischen vermuten die Ampelografen den Ursprung der Sorte im Gebiet der westlichen Alpen – also unweit der Nordrhône –, denn als Eltern der Syrah liessen sich zwei Rebsorten nachweisen, die in Savoyen und in der Ardèche vorkommen: Mondeuse Blanche und Dureza. Geht man den Stammbaum weiter zurück, dann stellt sich die Syrah sogar als eine Urenkelin des Pinot Noir heraus. Die französische Linie kann demzufolge zeitliche und stilistische Priorität für sich beanspruchen – auch wenn es einen Seitenstrang der Genealogie gibt, der nach Südtirol und ins Trentino verweist: Denn auch Lagrein und Teroldego sind mit Syrah verwandt. 

Die berühmtesten Verwandten aus Übersee wachsen unter dem Namen «Shiraz» in Aus­tralien. Immerhin lässt sich die Immigration der Syrah und ihre Verwandlung in den Shiraz zeitlich und hinsichtlich des menschlichen ­Beitrags recht gut eingrenzen. Denn der massgebliche historische Umstand, der die Neuansiedlung der Syrah Down Under ermöglicht hatte, war der Sturz Na­­poleons im Jahr 1815. Der Grund hierfür ist in den englisch-französischen Beziehungen zu suchen. Englische Botaniker und Rebenkundler, die vor der Französischen Revolution das Studium der französischen Weinbaugebiete begonnen hatten, konnten sich erst nach 1815 wieder frei in Frankreich bewegen. 

Die Shiraz-Legende «Penfolds Grange» trug in den Anfangsjahren den Zusatz «Hermitage». / Foto: beigestellt

Die Shiraz-Legende «Penfolds Grange» trug in den Anfangsjahren den Zusatz «Hermitage».

Foto: beigestellt

Und dies taten sie dann auch innerhalb kürzester Zeit, um einen Beitrag zum Aufbau der Landwirtschaft in der fernen Kolonie zu leisten. Im Oktober 1817 gelangten Reiser nach New South Wales, die der Brite John Macarthur (1767–1834) gemeinsam mit seinen beiden Söhnen James und William in ganz Frankreich gesammelt hatte. Auf der Liste jener Pflanzen, die die monatelange Reise auf dem Schiff «Lord Eldon» überstanden, stehen «Syracuse» und «Hermitage». Allerdings scheinen sich diese Syrah-Abkömmlinge in den Versuchspflanzungen Macarthurs nicht durchgesetzt zu haben. In einem Resümee der Experimente aus seinen letzten Lebensjahren erwähnte der zwischenzeitlich geadelte Sir William Macarthur die Rebsorte Syrah oder ihre Synonyme nicht mehr.

Als Wegbereiter des australischen Shiraz gilt daher James Busby (1802–1871), der zwischen September und Dezember 1831 Reiser von Hunderten Rebsorten sammelte. Busby nützte die Rebbestände im Botanischen Garten von Montpellier und im Jardin du Luxembourg in Paris, aber er schnitt auch in Dutzenden Weinbergen im ganzen Land Reiser. Unter den Schreibweisen «Scyras» and «Ciras» verbreitete Busby seine Syrah-Setzlinge, zunächst im Hunter Valley nahe Sydney, ab 1839 auch in Südaustralien.

Jaboulet-Inhaberin Caroline Frey an der berühmten Kapelle am Hermitage-Weinberg. / © Julie Rey

Jaboulet-Inhaberin Caroline Frey an der berühmten Kapelle am Hermitage-Weinberg.

© Julie Rey

Eine Frage des Stils

In Europa ist auch ausserhalb des Rhônetals die Schreibweise «Syrah» gebräuchlich. Diese Benennung verweist nicht nur auf die französische Herkunft des Rebmaterials, sie ist vor allem eine stilistische Aussage: Würze und Stoffigkeit dominieren über Schmelz, Volumen und Frucht. Dabei tragen allerdings die allerbesten Syrah-Weine den Namen der Rebsorte gar nicht auf dem Etikett, denn sie werden im Einklang mit dem romanischen Prinzip unter ihren Herkunftsbezeichnungen verkauft.

Archetypische Syrah-Eigenschaften besitzen die Weine der AOC Hermitage: Sie sind dunkel in der Farbe und komplex- kräuterwürzig in ihrem aromatischen Ausdruck, von mineralischem Kern und von solch stoffiger Tiefe, dass es in früheren Jahrhunderten gebräuchlich war, leichtere Bordeaux mit einem Schuss Hermitage zu verbessern. Es gab sogar ein Verb dafür: «hermitager». An der Rhône selbst wieder­­um ist eine andere Form von Verschnitt gebräuchlich. Mit Ausnahme von Cornas ist es in allen Appellationen der Nordrhône gestattet, kleinere Prozentanteile Weisswein in den Rotwein zu cuvetieren, als Frische-Spender und um die Eleganz zu betonen. 

In den Weinbergen von Jaboulet haben wieder Pferde Einzug gehalten. / © Julie Rey

In den Weinbergen von Jaboulet haben wieder Pferde Einzug gehalten.

© Julie Rey

Kühler in ihrer Anmutung, fleischig und kompakt fallen die Syrah-Weine aus, die flussaufwärts der Rhône im Kanton Wallis wachsen. An der Südrhône wird Syrah kaum reinsortig an- und ausgebaut, hier wird sie vor allem als strukturgebender Cuvée-Partner für Sorten wie Grenache und Carignan genutzt. Fast überall in Südeuropa experimentieren Winzer mit Syrah – mit dem besten Erfolg dort, wo es nicht zu heiss ist.

In Deutsch­land und Österreich wiederum be­­nötigt die Sorte beste Lagen und aufwendige Pflege, um zu befriedigender Reife zu gelangen. «Shiraz» ist nicht nur ein im Englischen einfach auszusprechender Name, diese Bezeichnung verweist auch auf das stilistische Vorbild der Neuen Welt: Die Weine haben Wucht und eine intensive, zuweilen rosinenartige oder portig getönte Frucht. Shiraz-Weine sind typischerweise schon in ihrer Jugend zugänglich und haben milderen Gerbstoff als die europäischen Pendants. Vor allem in Australien und in Südafrika wachsen Shiraz-Weine, aber auch in Teilen Südamerikas, in Washington und Kalifornien. 

Hermitage, die berühmteste Syrah-AOC der Nordrhône: Steilhänge auf Granit. / © Shutterstock

Hermitage, die berühmteste Syrah-AOC der Nordrhône: Steilhänge auf Granit.

© Shutterstock

In den Anfangsjahren des australischen Shiraz glaubte man übrigens nicht, dass die Sorte zu einem roten Tischwein taugte – man bevorzugte die Produktion eines gespriteten, am Vorbild des Port orientierten Weins. Diese Tradition führen heute nur noch wenige aus­tralische Weingüter fort.

Dank moderner Kellertechnik gelingen auch in der Hitze aus­tralischer Regionen wie des Barossa Valley strukturierte Rotweine, die der Oxidation Widerstand leisten. Den besten Weinen ge­­lingt es sogar, mit der Hitzigkeit der Frucht zu spielen und dabei der auch aus Frankreich bekannten «Wildheit» der Syrah-Würze einen genuin australischen Ausdruck zu verleihen: Auch Shiraz ist am Ende eben nichts komplett anderes als Syrah.

Verkostungsnotiz: Shiraz versus Syrah im Falstaff-Tasting.

Aus Falstaff Magazin Schweiz Nr. 06/2016

MEHR ENTDECKEN

  • Tasting
    Syrah/Shiraz 2016 - Shiraz versus Syrah
    07.09.2016
    Shiraz gegen Syrah – das scheint den reinen Punktbewertungen zufolge ein ungleicher Kampf zu sein: Sieben der neun Weine in der »Best of«-Auswahl stammen aus der Neuen Welt. Doch man muss sich in Acht nehmen, die weniger dichten und opulenten Weine der Nordrhône nicht zu unterschätzen: In puncto...
  • 25.01.2016
    Penfolds Max's: Eine Hommage an Max Schubert
    Das Weingut ehrt die australischen Kellermeister-Legende mit einem Shiraz Cabernet.
  • 04.02.2015
    Penfolds: Happy Birthday, dear Grange!
    Mit dem Jahrgang 2010 feierte der wohl berühmteste Wein Australiens seinen 60. Geburtstag – Impressionen der «Degustations-Party».

Mehr zum Thema

News

65. Expovina am Zürcher Bürkliplatz

Verkosten Sie mehr als 4'000 Weine auf zwölf Schiffen bei der Zürcher Wein-Messe vom 1. bis 15. November am Bürkliplatz.

Advertorial
News

Ein italienischer Trend erobert die Welt: Amarone Mio!

Amarone, Ripasso und Co.: Weine aus getrockneten Trauben sind nicht nur beliebt, es gibt sie auch immer häufiger aus Schweizer Produktion.

News

Gewinnspiel: Mit WeinOnkel auf Weinreise gehen

In der Schuler St. Jakobskellerei dürfen Kunden nicht nur bei der Herstellung des Weins mitreden, WeinOnkel verlost zudem eine Weinreise.

Advertorial
News

Mit 40 Winzern um die Welt

Auf der Mövenpick Weinmesse erwarten Sie über 40 Winzer aus fast allen Anbauregionen der Welt. Sie haben die Möglichkeit eine Reise um die Welt in...

Advertorial
News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

Weinfeste – Wohin am Wochenende?

Weinfeste in Nyon und Döttingen, Twanner Räbebeizli, Wilchinger Herbstsonntage und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Riegger-Fest Herbst: Ein Must für Weinliebhaber

Am letzten Wochenende im Oktober findet das Riegger-Fest Herbst in Birrhard statt mit der Möglichkeit mehr als 60 verschiedene Weine zu verkosten.

Advertorial
News

Naturweine: Die Ruhe nach dem Sturm

Natur, Orange, Amphore: Alternativ produzierte Weine boomen. Auch in den deutschsprachigen Ländern setzen immer mehr gestandene Winzer auf die «neuen»...

News

Weinfeste – Wohin am Wochenende?

Läset-Sunntige in Erlach und Ligerz, Sauserbummel Küttigen, Wilchinger Herbstsonntage und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Interview mit Globalwine-Chef Philipp Reher

Der CEO von Globalwine sprach mit Falstaff über Weintrends, den Schweizer Weinmarkt und welchen Wein man zumindest einmal im Leben probiert haben...

News

Die Sieger der Falstaff Soave Trophy 2018

Der Tenuta di Corte Ciacobbe – Soave Superiore Vigneto Runcata der Familie Dal Cero belegt Platz eins und holt sich die Soave Throphy 2018.

News

Was ist dran an der Histamin-Hysterie?

Übelkeit, Migräne, rinnender Nase und Hautrötungen – Das Spektrum der Symptome einer Histaminintoleranz ist breit. Doch was ist dran am Histamin?

News

Sommelier-Battle: Das beste Wine-Food-Pairing

Bindella sucht per Gästevoting die besten Sommeliers der Schweiz. Nominieren Sie Ihren Lieblings-Sommelier!

News

World Champions: F.X. Pichler

Franz Xaver Pichler hat Österreich in der internationalen Weinszene bekannt gemacht. Sein Sohn Lucas tut das heute mit der gleichen familientypischen...

News

Lageder: Ein Weingut – Drei Geschwister

Helena Lageder, die jüngste Tochter der Lageders, tritt wie bereits ihre zwei älteren Geschwister ins Familienweingut ein.

News

Schweizer Weinfeste – Wohin am Wochenende?

«Safari diVino» in Lugano, Offene Weinkeller in Varen, «Am Puls der Ernte» im Wallis und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Rebenverwandtschaft: Grauburgunder & Pinot Gris

Grauburgunder ist ein Wein mit vielen Gesichtern und ebenso vielen Namen: Pinot Gris, Ruländer, Pinot Grigio, Sivi Pinot sind alles Bezeichnungen für...

News

Rebenverwandtschaft Muskateller und Muscat

Ob trocken, sprudelnd oder süss, die Aromatik der Muskatweine ist einfach unverwechselbar, die grosse Reb­familie rund um den Globus verbreitet. Doch...

News

Rebenverwandschaft: Blaufränkisch & Lemberger

Die Rotweine der Sorte Blaufränkisch werden immer beliebter. In Österreich gilt Blaufränkisch als König unter den roten Sorten. In Deutschland machte...

News

Rebenverwandtschaft: Zinfandel und Primitivo

Was ist der Unterschied zwischen Zinfandel und Primitivo? Den Beweis zu erbringen, dass beide Sorten waschechte Kroaten sind, dauerte jedenfalls 44...