Rebenverwandtschaft: Morillon und Chardonnay

Der Chardonnay ist ein Trendsetter. Doch ist er auch mit dem Morillon verwandt?

Foto beigestellt

Der Chardonnay ist ein Trendsetter. Doch ist er auch mit dem Morillon verwandt?

Der Chardonnay ist ein Trendsetter. Doch ist er auch mit dem Morillon verwandt?

Foto beigestellt

http://www.falstaff.ch/nd/rebenverwandtschaft-morillon-und-chardonnay/ Rebenverwandtschaft: Morillon und Chardonnay Serie Rebenverwandtschaft, Teil 3: Chardonnay ist weltweit die Trendsorte der letzten Jahrzehnte. Österreich machte eine ähnliche Rebsorte populär: den Morillon. Sind die beiden nun eigentlich verwandt? http://www.falstaff.ch/fileadmin/_processed_/6/b/csm_Rebenverwandt-beigestellt-2640_8abeb8e82c.jpg

Wenn die jüngere Weingeschichte eine Modesorte hervorgebracht hat, dann ist es der Chardonnay. Diese Rebe bildete davor schon über mehrere Jahrhunderte die Basis für die feinsten französischen Weine wie die Montrâchets, Chablis oder Champagner, diese wurden aber stets unter dem Namen ihrer Herkunft und ohne Nennung der Rebsorte vermarktet. Erst Ende des 20. Jahrhunderts trat die Sorte aus dem Schatten ihrer berühmten Etiketten heraus und verbreitete sich als Rebsortenwein speziell in Übersee mit enormer Rasanz. Buttrige Chardonnays aus Kalifornien, Chile oder Australien überschwemmten die Märkte und machten den Sortennamen «Chardonnay» zum grössten Weissweinbegriff weltweit. 

Der Clou:
Chardonnay wächst in so gut wie jedem halbwegs für den Weinbau geeigneten Klima und stellt geringe Anforderungen an die Böden. Beschränkt man dazu noch die Erträge, dann ergeben diese Trauben dank ihrer hohen Zuckergrade auch noch einen mehr oder weniger qualitätsvollen Wein. Der Name selbst lässt sich in den meisten Sprachen leicht aussprechen, die tatsächliche Herkunft spielte in dieser Phase für den Konsumenten der Rebsortenweine offensichtlich eine untergeordnete Rolle. 
Kaum eine weisse Rebsorte spricht zudem so gut auf die unterschiedlichsten Techniken der Kellermeister an. Ob kalt vergoren im Edelstahl, ob lange auf der Feinhefe und mit biologischem Säureabbau im neuen kleinen Eichenfass vinifiziert, mit dem Chardonnay lässt sich so gut wie alles anstellen, was sich der Önologe von heute so ausdenkt. Und eines steht auch bei Kennern ausser Streit: Die besten Vertreter, die auf kalkreichen Böden in kühleren Klimazonen wachsen, zählen zum Besten, was es an Weisswein gibt. 

Wer je das Glück hatte, einen Grand Cru aus der Côtes de Beaune oder Chablis verkosten zu können, der weiss, auf welchem stratosphärischen Genussniveau sich der Chardonnay präsentieren kann. Kein Wunder also, dass auch Ende der 1980er-Jahre in Deutschland und Österreich ein zunehmendes Interesse der Winzer am Chardonnay zu beobachten war. 
Zunächst wurde noch behauptet, der Pinot Blanc sei ohnehin Chardonnay, und man schrieb stolz «Pinot Chardonnay» auf die Etiketten. Schnell konnte man aber im Weingarten unübersehbare Unterschiede feststellen. Nur in der österreichischen Steiermark fand man eine alte Rebe mit auffälligen Ähnlichkeiten mit der neuen Trendsorte Chardonnay: den Morillon. 

Im Vulkanland Steiermark findet der Morillon zahlreiche perfekte Standorte.
Im Vulkanland Steiermark findet der Morillon zahlreiche perfekte Standorte.

Foto beigestellt

Chardonnay: lagerfähig, gelbfruchtig, komplex

Der Chardonnay ist heute eine der weltweit verbreitetsten Rebsorten überhaupt und liegt mit über 200.000 Hektar auf Platz fünf. Die Frage, wer früher da war, Chardonnay oder Morillon, sollte sich da gar nicht stellen.
Oder doch? Nun, wenn es um den Namen der Rebsorte geht, ist die Antwort klar. Der Name Morillon ist um vieles älter. Fakt ist auch, dass man in Frankreich lange keinen Unterschied zwischen Pinot Blanc und Chardonnay machte, weil beide viele Ähnlichkeiten haben. Erst der Ampelograph Victor Pulliat (1827–1896) machte auf diese Problematik aufmerksam und schlug 1872 anlässlich einer Weinbauausstellung in Lyon den Namen Chardonnay vor. Die früheste Nennung des Sortennamens stammt aus der Zeit um 1690 und kommt aus dem Dorf La Roche-Vineuse in Saône-et-Loire, wo man ihn «Chardonnet» nannte, namensgebend war letztlich aber die kleine Gemeinde Chardonnay im Burgund. 

Heinz Velichs Tiglat ist eine österreichische Chardonnay-Ikone.
Heinz Velichs Tiglat ist eine österreichische Chardonnay-Ikone.

© Achim Bieniek

Heinz Velichs Tiglat ist eine österreichische Chardonnay-Ikone.
Heinz Velichs Tiglat ist eine österreichische Chardonnay-Ikone.

© Achim Bieniek

Es dauerte bis zu einem Kongress in Chalon 1896, bis sich die Winzer mit der Differenzierung in Pinot Blanc und Chardonnay offiziell einverstanden zeigten. Zu dieser Zeit war der Chardonnay längst die faktisch dominierende Weissweinsorte im Burgund und in der Champagne – wiewohl unter einem anderen Namen. Der Weissburgunder hingegen war in Ostfrankreich, im Elsass und im Badischen 
Oberland stark verbreitet.
Nimmt man die deutschsprachige Weinliteratur unter die Lupe, so begegnet man der Sorte Morillon Blanc beispielsweise im 1672 erschienenen Buch «Vom Garten-Baw» von Johann Sigismund Elsholtz, das eine Auflistung der 36 besten «Raisins de France» zeigt und gleich vier Varietäten des Morillon, darunter Morillon Blanc, nennt. 

Der hochgelehrte Hofbotanicus am Hof des Kurfürsten von Brandenburg hat diese Rebaufstellung dem Buch «L’Abregé des bons Fruits» cap. XI., erschienen in Paris 1667 bei Charles de Sercy, entlehnt. Als erfolgsversprechende Empfehlung für kühlere deutsche Länder gibt Ferdinand Christian Touchy in seinem Buch »Die Gartenkunst» (Voss, Leipzig 1795) an: «Morillon Blanc, der weisse Morillon aus Frankreich. Diese Sorte kann ebenfalls in Bergen an Pfählen gezogen werden, wenn die Berge keine schlechte Lage haben. Die Beeren werden mittelmässig gross, die Beeren stehen dichte beisammen; und erlangen ihre Reife bei guten Sommern zu Ende des Septembermonats.» 

Morillon: weissfruchtig, mineralisch

Im berühmten «Cours complet d’agriculture» des Abbé François Rozier ist der Morillon blanc ebenfalls ausführlich beschrieben und mit Kupferstichen porträtiert. Hier erscheint 1785 eine Abbildung des Blattes der Sorte Morillon Blanc, die exakt jene «nackte Stielbucht» zeigt, mit der man den Chardonnay zweifelsfrei vom Weissen Burgunder unterscheiden kann. 
1836 wählen die bekannten deutschen Ampelographen Johann Metzger und Lambert von Babo in ihrem Werk «Wein- und Tafeltrauben der deutschen Weinberge» für den Chardonnay den Begriff «Später weisser Burgunder» und ergänzen, dass es sich dabei um Morillon Blanc nach Rozier handelt. Vor etwa 200 Jahren ist also der Morillon bereits in Deutschland angekommen, wird dort aber zunächst eher in Gärten als in den Weinbergen angepflanzt. 

Der Morillon-Siegeszug
Erzherzog Johann von Habsburg, der jüngere Bruder von Kaiser Franz I., war um eine Hebung der Weinqualität in der Steiermark bemüht und nahm an dieser Entwicklung sowohl theoretisch wie praktisch regen Anteil. Wie in anderen Wirtschaftssparten auch ging er stets mit eigenem Vorbild voran. So gründete er 1822 ein Musterweingut unweit von Marburg im heutigen Slowenien. 

Hier ließ er Versuche mit den besten verfügbaren Rebsorten unternehmen, die sein aus dem Rheingebiet stammender Kellermeister aus Deutschland besorgte. Für seinen auf 
den Hängen des Bachern in Pekre (Pickern) gewachsenen «Johannisberger» Riesling holte man die Edelreiser aus dem Rheingau, dazu Sylvaner, Traminer und »Burgunder». 

Ob der Erzherzog bei der ersten Weinlese 1826 auch schon Morillon geerntet hat, wissen wir leider nicht. Später wurde der Betrieb von Graf Meran’sches Weingut Johannisberg auf «Meranovo» umbenannt und gehört heute der Universität Maribor. Bis zum heutigen Tag wird hier neben Rheinriesling und Sauvignon Blanc erfolgreich Chardonnay kultiviert. 

Da gesichert ist, dass die Burgundersorten Weisser, Grauer und Blauer Burgunder schon vor dem 19. Jahrhundert in der Steiermark vorhanden waren, muss der Morillon bereits vor Ausbruch der Reblauskrise – um 1880 – angekommen sein und sich relativ schnell und erfolgreich verbreitet haben, sonst hätte man den Namen bald wieder vergessen.
Nach 1900 hätte er ohnehin Chardonnay geheissen.

Armin Tement erzeugt in seiner Toplage Zieregg grosse Morillions.
Armin Tement erzeugt in seiner Toplage Zieregg grosse Morillions.

Foto beigestellt

Aus dem Falstaff Magazin 08/2016

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Top 11 Ribera del Duero ab dem Jahrgang 2015

Ribera del Duero gilt als eine der aufstrebendsten Weinregionen Spaniens und bringt sensationelle Rotweine hervor. Wir haben für Sie die besten Weine...

Cocktail-Rezept

Not so Bloody Mary

Erfolg durch Experimentierfreude: Im »Angels’ Share« in Basel zaubert Christoph »Chutz« Stamm kreative Cocktails auf den Tisch. Besonders spannend:...

News

Kalifornien: Grossbrände bedrohen den Weinbau

Waldbrände ziehen eine Schneise der Verwüstung durch den US-Bundesstaat Kalifornien. Kalifornische Winzer sprechen von der «grösstmöglichen...

News

Languedoc: Qualitätsweine aus dem Süden Frankreichs

Das Languedoc ist eines der grössten Weinbaugebiete der Welt und bietet preiswerte Alltagsweine, immer öfter auch absolute Spitzen-Kreszenzen. Der...

News

Kennen Sie das Label Swiss Wine Gourmet?

Das Label Swiss Wine Gourmet von Swiss Wine Promotion wird zunehmend bei Restaurants, Cafés und Hotels angebracht, die Schweizer Weine über ihre...

Advertorial
News

Mövenpick Wein lanciert Podcast

Mövenpick Wein präsentiert einen Podcast für Weininteressierte: «Weinfach – der Podcast von Mövenpick Wein». Eine Journalistin, ein Historiker und...

Advertorial
News

Lunelli bei den Laureus World Sports Awards

Am 17. Februar wurden in Berlin in der Verti Music Hall die Preisträger des Laureus World Sports Awards geehrt. Begleitet wurde die Zeremonie von...

News

Festtagsweine in Magnumflaschen

Genuss im Grossformat. Entdecken Sie beste Qualität für jeden Anlass in Magnumflaschen.

Advertorial
News

Nikolas von Haugwitz übernimmt Schuler-Gruppe

Die Schuler-Gruppe sowie deren Stammhaus, die St. Jakobskellerei Schuler und Cie. AG, erhalten eine neue operative Führung.

News

Beruf Sommelière: Glück im Glas

Sindy Kretschmar hat mit viel Charme das »Dstrikt Steakhouse« zu einer der Top-Adressen für Weinfreunde entwickelt.

News

Rezepte: Wein muss rein

Wein macht beim geselligen Dinner nicht nur als unterhaltsamer Nebendarsteller eine hervorragende Figur, auch die Hauptrolle steht ihm prächtig. Den...

News

Vino Nobile di Montepulciano 2015 und 2016

Mit 2015 und 2016 standen in Montepulciano zwei der besseren der letzten Jahrgänge zur Verkostung. Wohin die Reise geht wird sich in den nächsten...

Rezept

Geschmorte Ochsenschulter

Mit glasierten Zwiebeln, Karotten und Kartoffelschaum serviert, steht beim Rezept von Thomas Martin aus dem Restaurant »Jacobs Restaurant« der Wein im...

Rezept

Kabeljaurückenfilets mit Karotten, Haselnuss und Rosmarin

Beim Rezept von Giuseppe D'Errico aus dem Restaurant »Ristorante Ornellaia« ist Wein der Star im Gericht.

Cocktail-Rezept

Frosé

Slushies liegen voll im Trend – wir haben das Rezept für den aktuell wohl bekanntesten unter ihnen ausprobiert.

Cocktail-Rezept

Sherry Cobbler

Diesen Drink könnte man auch Fruchtsalat mit Alkohol nennen.

Cocktail-Rezept

Rausch im Rauch

Überraschende Kombination: Kubebenpfeffer mit Birnen-Senf-Sauce – als Cocktail.

Cocktail-Rezept

Sherry Cobbler

Ein Drink, der bereits im 19. Jahrhundert die Bars beherrschte: der Cobbler.

Cocktail-Rezept

A gentle breeze of Sherry

Sherry ist ein wundervoller Aperitif und (in süßen Varianten) Digestif. Beim Mixen konnte dieser Wein aber nie so richtig Fuß fassen – einige...

Cocktail-Rezept

Tikal

Dieser Drink ist nach der bedeutendsten Maya-Stadt Guatemalas, die ein wenig an Manhattan erinnert, und der Hauptzutat Zacapa aus Guatemala benannt.