Rebenverwandschaft: Blaufränkisch & Lemberger

Johannes Trapl aus Carnuntum (l.) sowie Hansjorörg und Matthias Aldinger aus Feldbach.

© Steve Haider / Ralf Ziegler

Johannes Trapl aus Carnuntum (l.) sowie Hansjorörg und Matthias Aldinger aus Feldbach.

© Steve Haider / Ralf Ziegler

Viele Kenner halten den Blau­fränkisch für Österreichs beste Rotweinsorte. Mit dem legendären Blaufränkisch Marien­-tal 1986 von Ernst Triebaumer aus Rust hat sich die Sorte in das kollektive Weinbewusstsein eingebrannt.

Seither geht die Erfolgskurve steil nach oben. Auch international wird die wachsende Qualität der Blaufränkisch-Weine wahrgenommen. In Deutschland machen die Roten als Lemberger von sich reden. In Württemberg fühlen sie sich ganz besonders wohl. Diese Eigenschaften machen den Blaufränkisch für Winzer attraktiv: kräftige Farbe, schwarzbeeriges Bukett, feste Tannine und lebendiges Säurespiel.

Voraussetzung für einen tollen Wein sind reife Trauben. Was die Böden betrifft, ist die Sorte wenig anspruchsvoll, sie wächst auf kalkreichen und auch auf schweren Böden recht gut und hat es gerne warm. Zu viel Wind geht ihr auf die Nerven. Blaufränkisch ist blüteempfindlich und reift relativ spät. Kann er nicht gut ausreifen, präsentiert er grüne Gerbstoffe und hohe Säure. Die Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte kommt dem Blaufränkisch daher sehr entgegen und ist eine Erklärung für den Qualitätsschub, der seit den 80er-Jahren zu beobachten ist.

Die Familie Wellanschitz aus Neckenmarkt gehört zu den Spitzenproduzenten aus dem Mittelburgenland.
Die Familie Wellanschitz aus Neckenmarkt gehört zu den Spitzenproduzenten aus dem Mittelburgenland.

© Cornelia Reidinger

Suche nach dem Ursprung

Die exakte Herkunft der Sorte Blaufränkisch wird wohl für immer im Dunklen bleiben, selbst um den Namen ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden. Mit ziemlicher Sicherheit kann man den Ursprung auf dem Gebiet des 1918 untergegangenen  österreichischen Kaiserreichs verorten. Rebsorten mit dem Namensteil «fränkisch» sind bereits im Mittelalter nachweisbar. Unter diesen altfränkischen Hauptsorten versteht man Rebsorten, die aus dem alten Fränkischen Reich stammen. Dazu gesellten sich die Sorten des altfränkischen Mischsatzes, das sind Rebsorten, die im Frühmittelalter aus der Awarenmark (Altbayern und Mähren) sowie aus Kärnten eingeführt wurden, darunter Adelfränkisch, Gutfränkisch und Vogelfränkisch. In Friedrich Helbachs Werk «Oenographia» aus 1604, das in Frankfurt am Main erschien, nennt der Autor explizit die Sorten Fränkische und Grünfränkisch.

In Franken gab es im Mittelalter zudem einen Kleinfränkisch, hinter dem die Experten heute den Kleinberger vermuten, den Mittelfränkisch, das soll der Weisse Traminer (Savagnin Blanc) gewesen sein, und der Grossfränkisch, ein anderer Name für Räuschling. Der Name Grün- oder Weissfränkisch war auch in Österreich lange ein Synonym für den Gutedel, für die Sorte Blaufränkisch hingegen war bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts auch der Begriff Blauer Gutedel gebräuchlich.

In der Literatur taucht die «schwarze Fränkische» mit Beginn des 18. Jahrhunderts namentlich auf. Die Sorte scheint zu dieser Zeit bereits in Niederösterreich, der Steiermark, Ungarn, Mähren und Kroatien verbreitet gewesen zu sein und trug recht unterschiedliche Namen. In der Umgebung von Baden bei Wien hiess sie «Mährische», in Kroatien «Moravka» und in der Steiermark gar – heute politisch inkorrekt – «Mohrenkönigin».

Im Jahr 1875 wurde für die Rebsorte von der internationalen ampelographischen Kommission der Name Blaufränkisch offiziell festgelegt. Als alte Rebsorte wurde sie in Österreich auch in das Register der «Traditionellen Lebensmittel» eingetragen. Der Wortstamm «fränkisch», darüber ist sich die Forschung einig, soll zum Ausdruck bringen, dass es sich um eine wertvolle, edle Rebsorte handelt. Das Gegenteil sind die hunnischen, barbarischen Sorten, die vom «Heunisch» verkörpert werden.

Der »Patriot« der Familie Tesch zählt zu Österreichs höchstbewerteten Blaufränkisch-Weinen.
Der »Patriot« der Familie Tesch zählt zu Österreichs höchstbewerteten Blaufränkisch-Weinen.

© Peter Rozsenich

Weingarten der Familie Tesch.
Weingarten der Familie Tesch.

© Alexander Maria Lohmann

So gesehen kein Wunder, dass man als optimistischer Historiker gleich Karl den Grossen als Taufpaten für den Blaufränkisch ausgemacht hat. Umso erstaunter waren die Ampelographen allerdings, als der bekannte Rebforscher Ferdinand Regner, Leiter der Abteilung Rebenzüchtung der Höheren Bundeslehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg, den Nachweis erbrachte, dass der Blaufränkisch aus der Kreuzung einer unbekannten Sorte mit dem Weissen Heunisch entstammt.

Im Vorjahr entdeckten deutsche Wissenschafter dann den zweiten Elternteil, und dieser wurde als die Blaue Zimmettraube identifiziert. Da man diese in der altösterreichischen Untersteiermark, heute ein Teil Sloweniens, verortet, gibt es nun Vermutungen, dass der Blaufränkisch dort seinen Ursprung hat.

Verbreitung gefunden hat die Rebsorte in einigen europäischen Ländern. Ungarn hat mit 8000 Hektar die mit Abstand grösste Rebfläche an Blaufränkisch, der hier Kékfrankos heisst. Österreich liegt mit 3340 Hektar auf Platz 2, Deutschland mit Schwerpunkt Württemberg (1772 Hektar) verfügt über 1846 Hektar Lemberger.

In Deutschland erhitzt derzeit eine Debatte die Gemüter, ob die hiesigen Weine unter dem Namen Lemberger oder unter dem Namen Blaufränkisch vermarktet werden sollen. Beide Namen haben historische Legitimation. Der Name Lemberger (oder Limberger) war in Württemberg und Nordbaden mindestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet. Er ist entweder als Anspielung darauf anzusehen, dass die Traube aus dem Ort Lemberg in Kroatien eingeführt wurde (möglicherweise bereits im 17. Jahrhundert durch die Grafen von Neipperg), oder er kann als Abwandlung des Namens Schlumberger aufgefasst werden. Denn es ist gesichert, dass Mitte des 19. Jahrhunderts Reiser dieser Sorte aus der Vöslauer Reb­schule des gebürtigen Stuttgarters Robert Schlumberger von Österreich nach Württemberg kamen.

Die Vorfahren des Grafen von Neipperg brachten einst den Lemberger von Österreich nach Schwaigern.
Die Vorfahren des Grafen von Neipperg brachten einst den Lemberger von Österreich nach Schwaigern.

© Faber & Partner

Die deutschen Winzer teilen sich derzeit in zwei Lager: in jene, die darauf drängen, die in Deutschland nach jahrzehntelanger Aufbauarbeit nun als qualitativ hochwer­tig etablierte Bezeichnung Lemberger nicht ­aufzugeben, und in jene, die glauben, dass Blaufränkisch vor allem international den besseren Klang hat und mehr Prestige besitzt. Stilistisch machen die Anhänger ­des Blau­fränkisch-Lagers geltend, dass ihre ­Weine mehr auf Frische, Saftigkeit und ­Eleganz hin gearbeitet seien als traditionelle Lemberger. Vor allem aber lehnen sie die ­bei manchen Genossenschaften in Württemberg beliebte Kurzzeithocherhitzung ab – und sehen den Namen Lemberger durch solche oft recht kommerziellen Weine beschädigt.

Rainer Schnaitmann in Württemberg: Verkostung im Weingarten
Rainer Schnaitmann in Württemberg: Verkostung im Weingarten

Foto beigestellt

Das Lemberger-Lager wiederum ist in ­­sich durchaus heterogen. Während die ­Weine von Lemberger-Traditionalisten wie Graf Neipperg stilistisch durchaus Ähnlichkeiten zum Blaufränkisch-Typus erkennen lassen, gibt es unter der Bezeichnung Lemberger in der Tat auch viele banale Weine, die entweder nach Bonbon duften und mit Restsüsse «abgerundet» sind, oder die ihre zu hohen Erträge durch ein Missverhältnis aus rauem Gerbstoff und schwacher Frucht kundtun.

So bleibt für den Weintrinker am Ende (wieder einmal) der Name des Erzeugers das wichtigste Merkmal und die wichtigste Orientierungshilfe bei der Auswahl der eigenen Käufe. Aussergewöhnliche Geschmackserlebnisse kann man jedenfalls sowohl unter der Bezeichnung Lemberger als auch unter der Bezeichnung Blaufränkisch im Glas ­finden.

Best of Blaufränkisch und Lemberger: Verkostungsnotizen

Aus dem Falstaff Magazin 05/2017

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