Qualitätsrevolution im Chianti Classico

Weinberge in Chianti

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Weinberge in Chianti

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Die Topkategorie Chianti Classico Gran Selezione DOCG wurde 2013 eingeführt. Auch Feintrinker, die früher bei Chianti Classico nur verächtlich die Nase rümpften, lassen sich seither von den Weinen der Gran Selezione begeistern. Nun steht der nächste Schritt Richtung noch mehr Qualität bevor: Mit Juni 2022 werden die ersten Chianti Classico Gran Selezione – und zwar aus dem Jahrgang 2019 – mit eigener ­Ortsangabe auf den Markt kommen.

Das Gebiet des Chianti Classico, eingebettet in die überaus reizvolle Hügellandschaft zwischen Florenz und Siena, wurde in elf Ortslagen eingeteilt: San Casciano, Greve, Lamole, Montefioralle, Panzano, San Donato in Poggio (umfasst die Gemeindegebiete von Barberino Val d’Elsa, Tavarnelle und Poggibonsi), Gaiole, Radda, Castellina, Vagliagli und Castelnuovo Berardenga. Zudem wurde der Sorten­spiegel für die Gran Selezione abgeändert. Statt mindestens 80 muss ein Chianti Classico Gran Selezione in Hinkunft mindestens 90 Prozent Sangiovese enthalten. Die restlichen zehn Prozent sind den lokalen Rotweinsorten Canaiolo, Colorino oder Malvasia Nera vorbehalten; Cabernet, Merlot oder Syrah haben in einer Gran Selezione künftig nichts mehr zu suchen.

Die Wegbereiter

Den Weg zur Gran Selezione haben viele Protagonisten geprägt. 1962 erzeugte Fabrizio Bianchi auf seinem Weingut Castello di Monsanto erstmals einen Lagenwein im Gebiet, den Chianti Classico Riserva Vigneto Il Poggio. Heute führt seine Tochter Laura Bianchi den Betrieb, wichtigster Wein ist immer noch der Vigneto Il Poggio, der seit dem Jahrgang 2014 als Gran Selezione verkauft wird und ein Wein von beeindruckendem Charakter und großer Langlebigkeit ist, wie verschiedene Vertikalverkostungen in den vergangenen Jahren eindrucksvoll belegten. Zu den Pionieren der Lagenweine aus dem Chianti Classico zählen auch Lorenza Sebasti und Marco Pallanti von Castello di Ama in Gaiole. 1982 wurde erstmals ein Chianti Classico aus der Lage Bellavista erzeugt, 1985 folgte La Casuccia. Einige Jahre gab es auch die Lagenweine San Lorenzo und Bertinga, die aber wieder aus dem Programm genommen wurden. Sebasti und Pallanti waren von Beginn an vom Projekt Gran Selezione begeistert, ihr Bellavista und ihr Casuccia unter den ersten, die unter der Bezeichnung Gran Selezione erschienen.

Skeptisch zeigte sich zu Beginn hingegen Paolo De Marchi von Isole e Olena. Noch bei der Präsentation der ersten Gran ­Selezione 2013 erklärte er, dergleichen selbst nie anbieten zu wollen. Doch dann zauberte er plötzlich den Gran Selezione 2006 hervor, der lange im Keller gereift war und ein würdiger Partner für seinen berühmten Supertuscan Cepparello ist. So hat die Gran Selezione für ordentlich Aufbruchstimmung unter den Winzern gesorgt.

Mittlerweile sind es 180 Weine, die als Gran Selezione erscheinen – und es werden jährlich mehr, wie Consorzio-Präsident Giovanni Manetti stolz berichtet. ­Manetti leitet mit Fon­todi in Panzano einen der renommiertesten Betriebe im ­Chianti ­Classico. Ende der 1970er-Jahre übernahm er das Weingut von seinem Vater. Er ­holte den damals jungen Önologen Franco Bernabei mit an Bord, und zusammen schufen sie Weine, die aufhorchen ließen: Da gab es plötzlich einen Chianti Classico, der richtig gut war. Später kam der Lagenwein Vigna del Sorbo dazu, damals ein Riserva, heute Gran Selezione. Und schließlich der Flaccianello, ein reinsortiger Sangiovese und Supertuscan der ersten Stunde.

Giovannella Stianti Mascheroni hat ­Volpaia in Radda zu einem geschätzten Weingut aufgebaut. Heute wird sie von ihren Kindern Federica und Nicolò unter­stützt. In den 1980er-Jahren, als es die rechtlichen Bestimmungen noch nicht erlaubten, einen Chianti Classico ausschließlich aus Sangiovese zu erzeugen, entstand der Coltassala als Supertuscan. Erst ab 1998 wurde das schließlich erlaubt – seither gilt der Coltassala als Chianti Classico Riserva, heute läuft er als Gran Selezione. Mit dem Il Puro Casanova steht ihm seit einigen Jahren ein zweiter hervorragender Chianti Classico Gran Selezione zur Seite.

Das Castello di Brolio der Familie ­Ricasoli liegt im Süden von Gaiole, wo sich die Landschaft öffnet und den Blick bis nach Montalcino freigibt. Die beachtlichen 250 Hektar Weingärten wurden in den vergangenen 30 Jahren komplett erneuert und in Kleinlagen und Parzellen eingeteilt. Die Krönung dieser langen Arbeit sind vier ­Chianti Classico Gran Selezione. Da ist einmal der ­Castello di Brolio, eine Selektion aus allen Lagen von Ricasoli. Dann gibt es drei Lagenweine: Colledilà, der auf Alberese, verwittertem Kalkstein, steht, Roncicone von Muschelkalkböden maritimen Ursprungs und CeniPrimo, der auf durchlässigen Böden von Flussablagerungen wächst. Zwischen den einzelnen Parzellen liegen nur wenige Kilometer, und doch zeigen die Weine ganz unterschiedlichen Charakter.

Vielfalt Gran Selezione

Vier Gran Selezione erzeugt auch die ­Familie Mazzei. Drei davon auf Castello di ­Fonterutoli, dem angestammten Weingut der Familie. Sie stammen nicht nur aus drei unterschiedlichen Lagen, sondern auch aus drei verschiedenen Ortslagen, die bei ­Fonterutoli aufeinanderstoßen. Die Trauben für den Castello di Fonterutoli wachsen in unmittelbarer Nähe der Kellerei in ­Castellina in Chianti. Der Vicoregio 36 stammt aus der Ortslage Vagliagli und bringt die Wärme des Südens zum Ausdruck. Und der Badiòla kommt aus einer Lage in 570 Metern Höhe in der Ortslage Radda. Und dann ist da der Chianti Classico Gran Selezione Ipsus vom Weingut Il Caggio in Castellina, das die Familie Mazzei im Jahr 2006 erwarb. Alle vier sind reinsortige Sangiovese, so lässt sich mit ihnen eine tolle Lagenreise durchs Chianti Classico unternehmen.

Querciabella liegt auf einer Hochebene über der Ortschaft Greve. Bereits vor 20 Jahren stellte man auf Biodynamie um – eine Entscheidung, die sich bewährt hat, wie Önologe Manfred Ing stolz berichtet. Lange beschränkte sich die Produktion von Querciabella auf Chianti Classico und Riserva. Mit Beginn dieses Jahres kam zum ersten Mal auch ein Chianti Classico Gran Selezione auf den Markt, Jahrgang 2017.

Voll überzeugt von der Gran Selezione ist schließlich auch der Big Player des toskanischen Weins, Marchesi Antinori. Der Badia a Passignano läuft schon seit dem Jahrgang 2009 als Gran Selezione. Renzo Cotarella, Generaldirektor von Antinori: «Der Badia a Passignano ist die Fortsetzung unseres ambitionierten Qualitätsprojekts, das mit dem Tignanello begann. In den 1970er-Jahren war es noch nicht möglich, ausschließlich mit Sangiovese zu arbeiten. Dank verbessertem Klonmaterial können wir heute hingegen auch rein aus Sangiovese einen großen Wein erzeugen.»

Es tut sich also viel im Chianti ­Classico – und mit den neuen Ortslagen wird die Auswahl ab Juni dieses Jahres noch einmal vielfältiger. Herrliche Aussichten!


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