«Projekt PiWi»: Die perfekte Rebe

Die Regeln des Markts: Die Nachfrage nach PiWi-Weinen nimmt stark zu, das Angebot wächst entsprechend mit.

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Die Regeln des Markts: Die Nachfrage nach PiWi-Weinen nimmt stark zu, das Angebot wächst entsprechend mit.

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«Zwei Gläser vom Sauvignac», schallt es uns wie selbstverständlich vom Nachbartisch entgegen. Der Kellner ist da und nimmt gerade die Bestellung des mondänen, weinerfahren scheinenden Herrn und seiner Begleitung entgegen. Von Sauvignac haben wir bis dato, wie vermutlich viele andere Weingeniesser, noch nie gehört. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn die Situation ist frei erfunden – jedoch vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wenn man nach Winzern wie dem Schweizer Roland Lenz geht.

Sein Weingut befindet sich im Kanton Thurgau, wo er mittlerweile auch den zuvor genannten Sauvignac anbaut, eine sogenannte pilzwiderstands-fähige Rebsorte, abgekürzt PiWi. Also eine Sorte, die genetisch gegen die schlimmsten Feinde des Weinbaus, den Echten und den Falschen Mehltau, abgesichert ist. Zwei Pilzkrankheiten, die im schlimmsten Fall die ganze Ernte vernichten können, gäbe es da nicht Pestizide, chemisch-synthetische im konventionellen Weinbau und deren Alternativen im biologischen Weinbau, von denen vor allem Kupfer zu nennen ist.

«Europäersorten» mit geringer Resistenz

Ohne diese Mittel wäre der Rebbau mit unseren bekannten, alteingesessenen Rebsorten, den sogenannten «Europäersorten», schlichtweg nicht möglich, denn Pinot Noir, Riesling, Blaufränkisch und wie sie alle heissen benötigen diese Unterstützung, um sich gegen die Krankheitserreger zur Wehr setzen zu können – ihre Resistenz ist schlichtweg zu gering.

«Amerikanersorten» nichts für Qualitätsweine

Der Ursprung der Züchtung von pilz-widerstandsfähigen Rebsorten ist Ende des 19. Jahrhunderts zu verorten. Mit dem Auftreten der Reblaus sowie von Echtem und Falschem Mehltau begann man die Widerstandsfähigkeit der amerikanischen Reben mit den Eigenschaften der europäischen Sorten zu vereinen. Denn die «Amerikanersorten» sind zwar widerstandsfähig gegen Krankheiten, für die Herstellung von Qualitätsweinen aber ungeeignet. Vor allem wegen ihrer eigentümlichen Aromatik, die von europäischen Gaumen grösstenteils als negativ beurteilt wird. Ihr intensives, künstlich wirkendes Walderdbeeraroma kennt man beispielsweise vom österreichischen Uhudler, der aus Sorten mit diesen Eigenschaften produziert wird.

Die Nachfrage steigt

«Mit der Reduzierung des Pflanzenschutzmittelaufwands, also der Pestizide, wird gleichzeitig auch ein wichtiges Ziel des modernen Umweltschutzes verwirklicht», sagt Roland Lenz. Ein Punkt, der in einer unsicheren Zeit wie der jetzigen auch beim Konsumenten angekommen zu sein scheint. «Während des Lockdowns stieg unser Umsatz um 15 Prozent. PiWi-Weine standen dabei klar im Fokus. Die Leute befassen sich offenbar mehr mit den Hintergründen, auch beim Wein – und PiWi-Weine scheinen diesen Nerv zu treffen», erzählt der Schweizer Winzer.

Mittlerweile sind 22 der 35 angebauten Rebsorten bei Roland Lenz PiWi-Gewächse – insgesamt 13 Hek­tar Rebfläche, bei denen Lenz nach eigener Aussage völlig ohne die im biologischen Anbau erlaubten Pestizide Schwefel und Kupfer auskommt. Lediglich Pflanzenstärkungsmittel wie Brennnessel oder Schachtelhalm kommen zum Einsatz, Mittel, um die Pflanze in ihrer Abwehrfähigkeit zu unterstützen.

Spezielle Sorten mit schwierigem Stand

Als Weinbauer Lenz im Jahr 1994 gemeinsam mit seiner Frau Karin die ersten PiWi-Stöcke pflanzte, wurde er noch belächelt. Bis heute haben die speziellen Sorten einen schwierigen Stand bei Winzern und gestandenen Weingeniessern. Nicht etwa wegen ihrer Resistenz, sondern vor allem wegen der Charakteristik der Weine, die lange weit entfernt von dem war, was man kennt. Geschuldet war das vor allem der fehlenden Tanninstruktur bei roten Sorten sowie kitschigen Aromen.

Pioniere wie Lenz wissen jedoch mittlerweile, wie sie mit den Reben im Keller arbeiten müssen, um den Geschmack der Geniesser zu treffen. Er verwendet beispielsweise die Ripasso-Methode aus dem Veneto, setzt der Maische seiner PiWi-Rotweine einen Teil getrocknete Trauben zu, um ihnen mehr Struktur zu verleihen. Ein adäquates Mittel, findet Winzer Lenz, mit dem er sehr erfolgreich ist. Seine PiWi-Weine werden regelmässig ausgezeichnet und gehören zu den besten in der Schweiz, vermutlich sogar im deutschsprachigen Raum. Zudem sei das Rebalter laut Lenz entscheidend. Mittlerweile sind seine PiWi-Rebstöcke bis zu ­30 Jahre alt, was merkbar zur Weinqualität beitrage. Aussagen, die aufhorchen lassen und für Interesse in der Fachwelt sorgen.

Die Zukunft des Weinbaus?

Schätzungen zufolge ist heute rund ein Prozent der Weinberge Österreichs bereits mit pilzwiderstands­fähigen Rebsorten bepflanzt. Für die Produktion von Qualitätswein sind im Moment zwei Züchtungen der Weinbauschule Klosterneuburg für Rotwein zugelassen, sie tragen die Namen Rathay und Roesler, wobei Zweitere bereits eine gewisse Marktbedeutung erlangt hat.

Als sogenannte Rebsortenweine mit Angabe des Sortennamens und des Jahrgangs, aber ohne nähere geografische Herkunft ausser «Österreich» in Verkehr gebracht werden dürfen auch Rotweine der Sorten Cabernet Jura, Pinot Nova und Regent. Im Moment sind nur die genauen Anbauflächen für Roesler und Rathay statistisch erfasst, zuletzt waren dies bereits 273 Hektar – Tendenz klar steigend.

Bei den weissen Sorten sind für Qualitätswein seit Ende 2018 die Sorten Blütenmuskateller, Muscaris und Souvignier Gris zugelassen. Weisse Rebsortenweine können in Österreich aus Bronner, Cabernet Blanc, Donauriesling, Donauveltliner und Johanniter abgefüllt werden.

Vorreiter Steiermark

Die Steiermark mit ihrem niederschlagsreichen Klima nimmt in Österreich eine gewisse Vorreiterrolle bei den PiWi-Sorten ein, aktuell ist bereits jede zehnte in den Rebschulen veredelte Rebe in der Steiermark eine aus der PiWi-Familie. Sowohl in der Südsteiermark wie auch im Vulkanland befassen sich zahlreiche Spitzenbetriebe intensiv mit der Erprobung der neuen Sorten und erzielen damit bereits Erfolge. Am besten etabliert hat sich bisher aber die Rotweinzüchtung Roesler, die seit dem Jahr 2000 als Qualitätssorte zugelassen ist und die mit rund 250 Hektar auch die am meisten verbreitete PiWi-Sorte des Landes ist.

Die wichtigsten Vorteile von PiWi-Weinen: Kaum Pestizid-Einsatz, weniger Schäden für die Umwelt, geringere Kosten.

Auch in Deutschland führen PiWis noch weitgehend ein Leben in einem Paralleluniversum. Zwar experimentieren inzwischen viele konventionelle und die meisten Biowinzer mit Regent, Cabernet Blanc oder einer anderen PiWi- bzw. Hybridsorte. Doch die wirklichen PiWi-Experten, die ganz auf die Zukunft dieser Sorten setzen und am Puls der Entwicklung sind, stellen noch eine Minderheit dar.

Was sie aber abseits der grossen Weinöffentlichkeit austüfteln, verspricht so einiges. Gerade die Sorten der neuesten Züchtungsgeneration zeigen sich stark, etwa die Sorte Satin Noir, mit der das Weingut Galler im Pfälzer Weinbauort Kirchheim die deutsche PiWi-Trophy für sich entscheiden konnte. «Die Sorte hat erst seit letztem Jahr einen Namen, vorher hatten wir noch eine Züchtungsnummer in den Büchern stehen», sagt die Winzerin Katja Galler. «Aber sie macht richtig Spass, im Glas und auch im Weinberg. Denn die Rebe wächst aufrecht, man braucht keine Herlinge herauszuschneiden und man muss auch kaum entblättern, weil in der Traubenzone keine Blätter wachsen. Allerdings muss man sich mit etwa 50 Litern Ertrag pro Ar begnügen – aber das strebt man ja in Sachen Weinqualität ohnehin an.»

Es wäre also schon mehr als erstaunlich, wenn Sorten, die so leicht zu bearbeiten sind und dabei so gute Resultate bringen, in Zukunft nicht deutlich mehr Zuspruch bekämen. Auf Produzenten- wie auch auf Konsumentenseite.


«Es muss sich was ändern!»

Valentin Blattner züchtet seit beinahe 40 Jahren pilzwiderstandsfähige Rebsorten und ist einer der weltweit wichtigsten Protagonisten der PiWi-Szene.

Falstaff: Herr Blattner, was macht eine gute Rebsorte aus?
Valentin Blattner:
Eine gute Rebsorte muss vor allem Spass machen. Dabei denke ich an die Aromatik oder die Säurestruktur, vor allem bei Weissweinen. Eine Rebsorte wie Riesling beispielsweise ist nicht umsonst so beliebt, sondern eben wegen der Aromatik, der Charakteristik und dem grossen Wiedererkennungswert. Um genau diese Dinge ging es mir auch, als ich vor etwas 40 Jahren begann, Reben zu züchten: hohe Qualität, gepaart mit hoher Resistenz.

Hinsichtlich der Qualität hatten die PiWi-Sorten lange einen schlechten Ruf. Wie sieht es heute aus?
Viel besser. Als ich begann, gab es viele seltsame Sorten. Es ging vor allem um viel Ertrag. Mittlerweile hat man es einfacher, qualitativ hochwertige Weine aus PiWi-Sorten zu produzieren, der Genetik sei Dank.

Wie wird sich das auf den zukünftigen Weinbau auswirken?
Der Weinbau ist 2000 Jahre alt, und noch einmal 2000 Jahre in dieser Form hält die Welt nicht aus. Die Traubenproduktion muss extensiver und ökologischer werden. Mit den resistenten Sorten lässt sich genau das erreichen, ohne Rückstände von Pestiziden im Wein – was künftig auch für den Konsumenten immer wichtiger werden wird. In der Schweiz etwa findet man bereits heute PiWi-Weine inklusive Rückstandsanalyse im Supermarktregal.

Zum «Best of PiWi-Weine» Tasting

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 06/2020
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