Philipp Schwander: Vom Weinpapst zum Schlossherren

Weinhändler aus Passion und mondäner Master of Wine: Philipp Schwander, Schlossherr zu Freudental.

© Philip Leutert

Weinhändler aus Passion und mondäner Master of Wine: Philipp Schwander, Schlossherr zu Freudental.

© Philip Leutert

Eigentlich ist die ganze Sache ja ziemlich verrückt, sagt Philipp Schwander. Aber der Anblick habe ihn fasziniert, begeistert, überwältigt, und dann habe er einfach den Verstand verloren und «das ­Ding gekauft». Das «Ding», wie Schwander es mit amüsiertem Gesichtsausdruck nennt, ist das Barock-Schlösschen Freudental, gelegen im gleichnamigen Dorf 15 Kilometer vor Konstanz auf dem Bodanrück zwischen den Bodensee-Armen Überlingersee und Untersee. Dabei habe er noch vor der Besichtigung am Telefon zu seinem Architekten gesagt: «Anschauen können wir es uns ja mal, aber so bescheuert werde ich sicher nicht sein.»

Das kleine Freudental

Und ein bisschen verrückt ist es ja wirklich. Denn, wie passt das zusammen? Philipp Schwander, der Weinhändler aus Passion und mondäne Master of Wine, der an 140 Tagen im Jahr durch die Weinwelt jettet – und Freudental, ein Ort mit 200 Einwohnern, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? ­Man muss in Freudental keine Geschwindigkeitsüberschreitung begehen, um nur Sekunden nach dem Ortsanfang auch gleich wieder das Orts­endeschild zu passieren.

Bei Föhnwetterlage sieht man vom Schloss bis weit in die Alpen hinein.

© Philip Leutert

Schlossberg

Zwischen Wiesen und zwei Dutzend Häusern ragt der Berg auf, wo oben, immerhin rund 25 Meter über dem Dorf, das Schloss thront – ein Gebäude mit einer langen und durchaus wechselhaften Geschichte. Errichten liess es ein Oberhofmeister des Konstanzer Bischofs, Freiherr Franz Dominik von Prassberg. Zwischen 1698 und 1700 wur­­den 400.000 Ziegelsteine verbaut. Als Dompropst hatte von Prassberg die Mittel zu klotzen: Er liess in den Salons prächtige Stuck­decken einziehen und im ersten Stock im Festsaal einen so genannten «Steckborner» Kachelofen setzen. Die Böden gründete er auf doppelt so vielen Balken wie seinerzeit üblich. Selbst die strengsten Normen heutiger Statik erfüllt das Schloss mit links.

Von der Ruine zum Prachtstück

Nach von Prassbergs Tod wechselte Freudental im Lauf des 18. Jahrhunderts mehrfach die Hände, das 19. Jahrhundert über stand es weitgehend leer, später diente es als Kriegsgefangenenlager, Kinderheim und Töpferwerkstatt. Als ein Konstanzer Unternehmer das Schloss im Jahr 1975 erwarb, war es fast zur Ruine verkommen.

Im Jahr 1988 steckte Schwanders Vorbe­sitzer 20 Millionen D-Mark in das Anwesen, um es vor dem Verfall zu retten. Die Inves­tition reichte aber gerade mal für das Gröbste: Das Dach war nun zwar wieder leidlich dicht, doch die vom Zahn der Zeit beschädigten Stuckdecken wurden einfach mit Dispersionsfarbe überpinselt. Als Schwander Freudental im Juni 2011 kaufte, stand für ihn von Anfang an fest: Das Schloss soll wieder in jenem barocken Glanz erstrahlen, den der Bauherr einst vor Augen hatte.

Die Thujen-Allee verbindet einen kleinen Pavillon (nicht im Bild) mit dem Schloss.

Foto beigestellt

Barocke Liebe

«Die Sympathie für das Barock wurde ­­mir in die Wiege gelegt», erklärt Schwander, «denn ich bin in St. Gallen aufgewachsen. Schon als kleiner Bub hat mich mein Vater regelmässig mit in die Stiftskirche genommen. Aber heute ist das Barock völlig aus der Mode – schauen Sie sich mal die Preise auf Kunstauktionen an. Da kosten die schönsten Barockgemälde gerade mal den Gegenwert einer Postkarte von Andy Warhol.» Der Vorliebe liess Schwander Taten folgen: Für die Stuckaturen in den sieben Salons engagierte er den besten Restaurator der Region, Martin Sebastiani. Neun Monate benötigte der Handwer­ker, um den Stuck freizulegen und seinen ur­sprüng­lichen Zustand wiederherzustellen.

Mehr Schein als Sein

Mit demselben Perfektionismus liess Schwander auch die Kassettenböden instand setzen und wählte Gemälde und Mobiliar aus. Die 15 Zimmer und Suiten erstrahlen seit Ab­­schluss der Renovierung in modernem Komfort, der sich ebenso stilvoll wie nahtlos in die alte Substanz einfügt. Die Bäder sind grosszügig dimensioniert und schlagen die Brücke von Barocker Lebenslust zu neuzeit­lichen Annehmlichkeiten: Regenduschen im XXL-Format sind Standard, manche Zimmer haben zudem historische Badewannen. Für den Hotelier Schwander gelten dabei offenbar dieselben Prinzipien wie für den erfolgreichen Weinhändler: Wo Schwander tätig ist, herrscht chichifreie Zone, dafür liebt er Produkte, die auf höchstem Niveau für sich selbst stehen.

Das wertvollste Gut

Beim Wein basiert sein Geschäftsmodell darauf, in der Nachbarschaft grosser Namen einzukaufen – oft beauftragt er sogar zielgenau die Erzeugung spezieller Weine oder nimmt die Assemblage selbst vor. So können die Abfüllungen der «Selection Schwander» mancher Wein-Legende geschmacklich die Stirn bieten, ohne deren Aufpreis zu kosten. Schwanders Kunden können sich darauf verlassen, dass sie bei ihm in jeder Preisklasse reelle Weine zu einem fairen Tarif erhalten. Dafür schenken sie ihm das Wertvollste, das ein Geschäftsmann erhalten kann: Vertrauen.

Edel ohne fünf Sterne

Als Hotelier möchte Schwander Ähnliches erreichen: Beispielsweise möchte er seine Gäste von den verborgenen Werten des Bodanrück überzeugen – und ihnen nahebringen, wie erholsam die Ruhe dort sein kann. Dabei gilt, wie beim Wein, das Prinzip «mehr Sein als Schein»: «Wir klopfen keine grossen Sprüche und behaupten, Fünf-Sterne-Standard und 24-Stunden-Hotelservice zu bieten», erläutert Schwander. «Wer spätabends noch eine warme Mahlzeit auf das Zimmer möchte, den müssen wir enttäuschen. Dafür geht es familiär zu. An einem guten Glas Wein wird es nie fehlen. Und Freudental ist auch keine Wellness-Oase, aber man kann wunderbar im Bodensee baden.»

Salon
Festlich tafeln: Sieben Salons bieten auf Freudental einen feudalen und zugleich 
intimen Rahmen.

© Philip Leutert

Soft Opening

Ein Eröffnungstermin mit Pomp und Trara hätte also nicht zu Schwanders Idee von Freudental gepasst. So startete der Betrieb beinahe still und heimlich schon vor fast zwei Jahren, und seither ist das Schlösschen an Wochenenden für Hochzeiten gebucht, unter der Woche für Tagungen und Seminare. «Das Ziel ist, dass sich der Betrieb selbst trägt. Es geht mir gar nicht darum, die Investitionen wieder einzuspielen», sagt Schwander, der ­zur investierten Summe nur die Information preisgibt, dass die Kosten für die Renovierung «siebenfach über Budget» liegen.

Lebensweisheiten aus dem Barock

«Im Weinhandel habe ich gelernt, dass man am meisten Geld verdient, wenn man nicht gierig ist», fügt Schwander an, um dann gleich darüber ins Schwärmen zu geraten, wie sehr er selbst die Wochenenden geniesst, die er – selten genug – in Freudental verbringen kann. Und dann schlägt er den Bogen zurück ins Barock: «Dieses Zeitalter hätte sehr viele Lösungsansätze auch für die Probleme unserer Tage. Im Barock hat man verstanden, dass der Mensch Freude bei der Arbeit haben will. Aber wir machen uns heute im Berufsleben immer Druck, Druck und noch mehr Druck.»

Bibliothek
In der gemütlichen Bibliothek laden bequeme Polstermöbel zum Entspannen ein.

Philip Leutert

Ist es da nicht eine feine Ironie der Geschichte, dass Schwanders Rezept gegen die Zivilisationskrankheit des modernen Menschen «Freuden»tal heisst? «Ich selbst habe so ein gestresstes Leben. Doch wenn ich in Freudental mit einem Glas Riesling unter der 300-jährigen Linde sitze, da kann ich alles vergessen – und es geht mir gut.»

Text von Ulrich Sautter
Aus Falstaff-Magazin 09/15

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 09/2015
Zum Magazin

Mehr zum Thema

News

Kleinster Schweizer Ort wird zum Hotel

Der Dorfplatz wird zur Lobby, das Restaurant des Dorfes zur Rezeption, die Gassen zu Korridoren und die Häuser sind die Hotelzimmer.

News

Drei Schweizer Hotels unter den Top 100

Das «World's Best Hotels»-Ranking von «Travel + Leisure» kürt jedes Jahr 100 Top-Hotels. 2018 sind drei Schweizer Hotels darunter.

News

Einzigartige Locations werden zu Pop-Up-Hotels

FOTOS: In elf verschiedenen Städten können Gäste für drei Monate dort übernachten, wo vor ihnen noch niemand geschlafen hat.

News

Weniger ist mehr: Hotel Castel - Vielfältig, individuell und charmant

Spitzenkoch Gerhard Wieser sorgt seit 25 Jahren als Küchenchef für kulinarische Highlights in zwei Restaurants des Hotel Castel.

Advertorial
News

Die Top 10 Weinhotels in Deutschland

Für den nächsten Urlaub in den Weinbergen des Nachbarlandes haben wir zehn Tipps aus den deutschen Anbaugebieten zusammengestellt!

News

Exklusives Hotelprojekt lockt ins «Paradies»

Das erste Fünf-Sterne-Haus im deutschsprachigen Raum mit Member-Club hat im Engadin eröffnet – mit einer traumhaften Aussicht und...

News

Martina Hingis wird Ambassador des Grand Resort Bad Ragaz

Die ehemalige Weltranglistenerste und Tennisstar Martina Hingis ist die neue Markenbotschafterin des Luxushotels.

News

Maison Souquet: Früher Bordell, heute Hotel

FOTOS: Stararchitekt Jacques Garcia hat ein Belle Époque-Etablissement in ein sinnliches Hotel mit höchsten Ansprüchen verwandelt.

News

Das neue Bürgenstock Resort bereits auf Erfolgskurs

Schneller als erwartet, schreibt das vor drei Monaten eröffnete Resort erfreuliche Zahlen: Über die Festtage war es zu vollen Preisen praktisch...

News

Neues InterContinental in Los Angeles

Mit dem neuen InterContinental Los Angeles Downtown präsentiert sich eine weitere Hotel-Ikone in der Skyline der amerikanischen Westküsten-Stadt.

News

Waldorf Astoria eröffnet Hotel in Admiralty Arch

Innerhalb geschichtsträchtiger Wände nächtigen: 2022 eröffnet Waldorf Astoria in der berühmten Admiralty Arch in London ein Luxushotel.

News

Luxusurlaub vor den Toren Venedigs

Auf der privaten Insel «Isola delle Rose» befindet sich ein 5-Sterne Hotel von Stararchitekt Matteo Thun mit vier Top-Restaurants und jeder Menge...

News

Die besten Pop-up-Hotels: Natur & Design im Einklang

Früher tat es ein Zelt oder ein Wohnwagen. Heute kann man dafür auch eine Unterkunft buchen und das Gleiche erleben, nur exklusiver.

News

Ruf der Wildnis: Spektakuläre Unterkünfte

Wer sich dem neuen Trend zur Wildnis ausliefert, muss auf Luxus nicht verzichten. Ein Ausflug zu den entlegensten Unterkünften der Welt.

News

Mövenpick mit neuem Flagship-Hotel in Basel

Das Fünf-Sterne-Hotel wurde vom renommierten Designer Matteo Thun entworfen und soll 2019 eröffnen.

News

DogHouse: Weltweit erstes Craft Beer Hotel entsteht

Die schottische Brauerei BrewDog ralisiert in Columbus, Ohio ein durch Crowdfundig finanziertes Hotel-Projekt – Bier-Spa inklusive.

News

Kempinski eröffnet erstes Luxushotel auf Kuba

Das «Gran Hotel Kempinski Manzana La Habana» im Herzen der Alstadt von Havanna ist das erste Kempinski Hotel auf der Karibik-Insel.

News

Dubai bekommt neues Luxus-Wahrzeichen

«The Royal Atlantis Residences» soll 2019 auf «The Palm» eröffnen und durch aussergewöhnliche Architektur Dubai zu neuem Aufschwung verhelfen.

News

Neues Spitzenhotel in Genf geplant

2021 wird ein neues «Radisson Blu Hotel» zwischen der Genfer Innenstadt und dem Flughafen eröffnen.

News

Zeitmaschine & Zufluchtsort: La Colombe d'Or

Eine Reise an einen magischen Ort. In ein Hotel, das Kunst und Geschichte atmet. In ein Restaurant, in dem Bilder von Picasso, Matisse und Miró hängen...