Nostalgie: Und ewig lockt die Riviera

Marlene Dietrich bei der Lektüre des «Paris-Var» am Strand des «Eden-Roc».

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Marlene Dietrich bei der Lektüre des «Paris-Var» am Strand des «Eden-Roc».

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«Die Riviera liegt da und sieht aus», schrieb der deutsche Publizist Kurt Tucholsky 1928, den üblichen Schilderungen vom azurblauen Meer, von romantischen Buchten und gleissendem Licht zum Trotz. Ein Zitat, das so manche Riviera-Fans bis heute auf die Palme bringt. Andere wiederum wünschen sich, dass es doch noch so wäre: eine Riviera, die einfach nur daliegt, ganz ohne Massentourismus. Riviera – wie wundervoll das klingt. Da erliegt man fast rettungslos einer Vorstellung von Glanz, Glamour und Schönheit. Selbst dann, wenn man schon einmal dort war und es eigentlich besser weiss. Denn die Riviera ist eine Ikone, das Original und Vorbild für alle anderen Kultstrände dieser Welt.

Heute zieht uns die Königin der Küstenstriche mit einer warmen Brise Nostalgie in ihren Bann, in der Hoffnung, abseits des Trubels ein wenig vom Lebensgefühl ihrer besten Zeiten wiederzufinden. Und die Riviera hatte schon so viele gute Zeiten. Seit mehr als einem Jahrhundert zieht sie Menschen mit Geist und Geschmack und Geld an. In der Belle Époque kam zunächst der europäische Hochadel, dann landeten die Superreichen und die übrige Aristokratie dort, der Meeresluft und Landschaft wegen und um die exzellente Küche, die rauschenden Bälle und vermeintlich lockeren Sitten zu geniessen. Dann kamen die Künstler und die Stars, die es hier mitunter bunt trieben. Hotels waren die Bühnen dieser illustren Geschichten, allen voran das «unmöglich glamouröse» «Hôtel du Cap-Eden-Roc» am Cap d’Antibes.

Alain Delon und Brigitte Bardot beim Mittagstisch im legendären «Club 55».

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F. Scott Fitzgerald verewigte das mondäne Haus in seinem 1934 erschienen Roman «Zärtlich ist die Nacht» – nächtigte selbst aber im nur wenige Kilometer entfernten «Belles Rives»: «Am freundlichen Ufer der französischen Riviera steht ein grosses, stolzes, rosenfarbenes Hotel. (…) Erst neuerdings ist es zur Sommerfrische für Modebewusste und Prominente geworden.» Ein Understatement, denn dort traf sich über weite Strecken des 20. Jahrhunderts «tout le monde» am Pool oder wie aus dem Ei gepellt beim Dinner. Namen über Namen: Der Duke und die Duchess of Windsor waren 1937 auf Hochzeitsreise hier. Die Kennedys verbrachten 1938 einen Sommer im «Hôtel du Cap-Eden-Roc», wo John F. Kennedys Vater Joseph P. eine Liaison mit Marlene Dietrich begann.

Marc Chagall skizzierte tagsüber in einer Strandkabine des Hotels – eine dieser Skizzen hängt übrigens bis heute an der Rezeption zu den Umkleidekabinen im «Pavillon Eden-Roc», und Pablo Picasso soll die Speisekarte gezeichnet haben.

Liz Taylor mit Ehemann Eddie Fisher auf Hochzeitsreise in Portofino (1959).
Liz Taylor mit Ehemann Eddie Fisher auf Hochzeitsreise in Portofino (1959).

© Getty Images

Jetset-Perlen

Apropos Picasso: Des Meisters Köchin Inès Sassier war eine der wenigen, die sein Lebensstil an der Côte d’Azur nicht in Wahnsinn trieb, zumal sie die Kunst der Improvisation beherrschte, schreiben die Autoren des kulinarischen Bildbands «Le Grand Bordel» (erschienen im Becker Joest Volk Verlag). Denn entweder war im Hause Picasso keiner zum Essen da oder – selbstverständlich unangekündigt – viel zu viele. Picasso verbrachte die letzten 25 Jahre seines Lebens fast nur noch im Süden, nicht nur wegen des einzigartigen Lichts. Dort konnte er ganz leger in seinem schrägen Haushalt herumlaufen, oft in Gesellschaft des Promifotografen Edward Quinn. War Quinn nicht bei Picasso, so war das «Hotel Carlton» in Cannes sein Studio, wo er während der Filmfestspiele 1955 hinreissende Fotos von der jungen Sophia Loren schoss.

Jetset-Perlen wie Portofino an der italienischen Riviera oder Saint-Tropez an der französischen blieben hingegen lange Zeit vom Glamour à la Cannes unbehelligte Fischerdörfer. Guy de Maupassant be­schrieb Portofino 1889 als «ein kleines Dorf, das sich wie eine Mondsichel um eine malerische Bucht schmiegt». Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Portofino schliesslich zur Lieblingsdestination vieler Hollywood-Stars und zum Inbegriff des Dolce Vita. Man stieg im berühmten «Belmond Hotel Splendido» ab: John Wayne, Ava Gardner, Richard Burton und Liz Taylor.

The one and Only «CLub 55»

Und Saint-Tropez – heute quasi ein Synonym für die Côte d’Azur – wurde erst 1956 durch Brigitte Bardot in dem Filmklassiker «Und ewig lockt das Weib» zum Mythos. So kam es auch, dass aus einem kleinen Lokal am Strand von Pampelonne, wo sich die Filmcrew für ein paar Wochen verpflegte, das vielleicht berühmteste Strandlokal der Welt wurde. Die Bardot und Regisseur Roger Vadim waren Stammgäste im «Club 55», später kam sie in Begleitung von Gunter Sachs. Auch Romy Schneider, Curd Jürgens, Herbert von Karajan zeigten sich im «Club 55». Mit Ausnahme des Papsts seien fast alle Berühmtheiten schon einmal hier gewesen, antwortet Inhaber Patrice de Colmont routinemässig auf die Frage nach seinen Gästen.

Einmal mehr an die italienische Riviera: Das circa 20 Kilometer vor der französischen Grenze gelegene Sanremo ist vor allem für das Sanremo-Musikfestival bekannt. Mick Jagger und Marianne Faithfull wurden 1966 in Sanremo fotografiert, womit ihre amouröse Beziehung offiziell wurde. Faithfull war gerade 19 Jahre alt, doch bereits verheiratet und Mutter. «Dieses Bild sollte uns auf spektakuläre Weise verfolgen», erinnert sich die Musikerin in ihrer Biografie.

Von Paparazzi umzingelt, ehelichte Jagger schliesslich fünf Jahre später, im Mai 1971, Bianca Pérez-Mora Macías in Saint-Tropez. Beide in Weiss, Bianca unvergesslich stylish in Yves Saint Laurent. Die berühmtesten Rockstars der Welt flogen zur Feier ein. Der Empfang im «Hotel Byblos» sollte in die Geschichte des Rock ’n’ Roll eingehen, ohne dass sich irgendjemand, der dabei war, genau daran zu erinnern scheint.


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Buchtipp:

Le grand bordel: Ein Buch über das Essen, die Freundschaft (…)

von Judith Stoletzky, Stephan Hippe, Gerd George. Verlag Becker Joest Volk, 247 Seiten, CHF 45,-
Zu südfranzösischen Rezepten werden Anekdoten rund um Picasso, Dior u. v. m. serviert.


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Falstaff Nr. 04/2018
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