New Generation in der Schweizer Winzerszene

Führen am Bielersee als neue Generation zwei Weingüter: Andreas Krebs (Weingut Krebs) und Sabine Steiner (Steiner Schernelz Village).

© Marco Aste

Führen am Bielersee als neue Generation zwei Weingüter: Andreas Krebs (Weingut Krebs) und Sabine Steiner (Steiner Schernelz Village).

© Marco Aste

Betriebsübergaben von den Eltern an die Kinder bergen Zündstoff. Die neue Generation will alles anders machen, den Ertrag drosseln, neue Sorten anbauen, die Kelterung umstellen. Die Eltern sehen ihr Lebenswerk infrage gestellt, fühlen sich unverstanden, ziehen sich in den Schmollwinkel zurück. Zerwürfnisse von geradezu biblischer Wucht haben so schon viele Winzerfamilien unglücklich gemacht.

Doch der Übergang kann auch harmonisch erfolgen. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist die Familie Steiner in Schernelz am Bielersee. Vater Charlie und Mutter Annemarie hatten den 6,5 Hektaren grossen Betrieb in traumhafter Lage in 35 Jahren aus dem Nichts zu einer der namhaften Domänen der Deutschschweiz aufgebaut. Vor drei Jahren übergaben die beiden an Tochter Sabine. Diese hatte 2010 in Krems/Österreich als erste Schweizer Studentin ein Weinmanagement-Studium abgeschlossen und das Winzerhandwerk erlernt – zu Hause und in Neuseeland.

Die Steiners feierten den Besitzerwechsel mit einer denkwürdigen Degustation gereifter Weine. Sie förderten über sechzig verschiedene Weine bis zurück in die frühen 1970er-Jahre aus ihrem privaten Keller zutage. Die meisten Tropfen hatten sich gut gehalten. Den Eltern bot die Aufräumaktion Gelegenheit, wehmütig Rückschau zu halten; der Tochter war sie Anlass, auszuloten, woran sie in Zukunft gemessen wird.

Behutsam fügt Sabine Steiner neue Weine ein, ohne die herkömmlichen zu vernachlässigen. Ihr Mann Andi Krebs besitzt ebenfalls ein Weingut – das ergibt interessante Synergien.

Behutsam fügt Sabine Steiner neue Weine ein, ohne die herkömmlichen zu vernachlässigen. IhrMann Andi Krebs besitzt ebenfalls ein Weingut – das ergibt interessante Synergien.

Foto beigestellt

Inzwischen ist genug Zeit vergangen, um abzuschätzen, wohin Sabine Steiner gehen will. Längst hat sie Abstand genommen vom Plan, «den Chasselas auszurupfen», was sie zu Charlies Bekümmerung nach ihrer Heimkehr vorwitzig verkündete. Sie hat sich versöhnt mit der weissen Leitsorte am Bielersee und erzeugt vier unterschiedliche Chasselas, darunter einen ohne biologischen Säureabbau.

Sabine lässt sich heute vom Motto leiten: «Etwas Neues wagen, aber die Erfahrungen der Eltern nicht in den Wind schlagen.» Sie baut die Linie der Lagenweine aus. Es gibt neben dem schon vom Vater erzeugten fadengraden, salzigen Chasselas Clos à l’Abbé zwei Crus aus Pinot Noir: den kühl-eleganten Tribolettes und den komplexeren Buurehöf, dessen Rebberg schon Charlie immer besonders geliebt hatte. Darüber hinaus stellt sie, der die Weissen wohl näher sind als die Roten, zum stahltankgereiften Sauvignon Blanc den im Barrique ausgebauten Wein aus der Summerrode und zum Basis-Chardonnay den sehr vielversprechenden Clos au Comte (ehemals Réserve). Der Chardonnay ist ihr ohnehin immer lieber geworden. «Nach Neuseeland favorisierte ich den Sauvignon Blanc, inzwischen fasziniert mich die Eleganz, Klarheit und Mineralität des Chardonnay.»

Sabine Steiner lebt in Partnerschaft mit Andreas Krebs. Die beiden haben eine kleine Tochter. Andi Krebs hat jüngst das elterliche Weingut in Twann übernommen. Die zwei teilen sich Angestellte oder Maschinen, wollen aber die zwei Betriebe getrennt führen. Es wird interessant zu verfolgen, ob und wie sich dieser Generationenwechsel hoch zwei auf das Profil der Steiner’schen und Krebs’schen Weine auswirken wird.

«Ich versuch’ etwas Neues zu wagen, ohne die Erfahrungen der Eltern in den Wind zu schlagen.», sagt Sabine Steiner mit Ehemann Andi Krebs.

© Marco Aste

Ist mit Sabine Steiner am Bielersee heute die zweite Generation zugange, so ist es bei den Schwarzenbachs in Meilen am Zürichsee bereits die fünfte. Alain Schwarzenbach hat den traditionsreichen, neun Hektaren grossen Betrieb nach sorgfältiger Vorbereitung auf den 1. Januar 2016 übernommen – zusammen mit seiner Partnerin Marilen Muff, einer Winzerin und Marketingspezialistin. Marilen und Alain zogen in die stattliche Reblaube ein. Letztes Jahr gesellte sich ein Töchterchen dazu. Die Eltern Cécile und Hermann «Stikel» Schwarzenbach wechselten ins «Stöckli», wobei man sich die neue Behausung nicht in gotthelfscher Manier als kleinere Ausgabe des Haupthauses, sondern als moderne, geräumige Wohnung oberhalb des neu erbauten Kellers vorstellen muss. 

Grossartig zu jeder Tageszeit: der Blick vom Weingut Steiner auf den Bielersee und die St. Petersinsel.

Grossartig zu jeder Tageszeit: der Blick vom Weingut Steiner auf den Bielersee und die St. Petersinsel.

Foto beigestellt

Dreht sich bei den Steiners vieles um Novitäten, lauten die Stichworte bei Schwarzenbachs «Kontinuität» und «Konstanz». Denn das Weingut an der Seestrasse in Meilen kann auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken und kennt keine Absatzsorgen. Alain ist deshalb zu verstehen, wenn er sagt: «Wir streben einen sanften Übergang an. Die Kunden sollen nicht merken, dass ein Besitzerwechsel stattgefunden hat.» 

Weingut Schwarzenbach

Das Weingut Schwarzenbach zählt zu den führenden Betrieben im Kanton Zürich, am Zürichsee gilt es gar als Nummer eins. Alains Grossvater Hermann hat die im Verschwinden begriffene Rebsorte Räuschling wiederbelebt und letztlich gerettet. Alains Vater Stikel hielt an der Renaissance fest und machte sich an die Verbesserung der Rotweine. Nach Alains Betriebseintritt kehrte er wiederum zu den Weissen zurück und überliess dem Junior die Verfeinerung des Pinot Noir. Heute hat Stikel Schwarzenbach sein Pensum auf fünfzig Prozent reduziert, während seine Frau Cécile sich noch um die Buchhaltung und teilweise auch um den Verkauf kümmert.

Alain Schwarzenbach und Marilen Muff übernahmen die  «Reblaube» in Meilen am Zürichsee in voller Blüte. Sie können sich Zeit lassen, wohlüberlegt eigene Akzente zu setzen.

Alain Schwarzenbach und Marilen Muff übernahmen die «Reblaube» in Meilen am Zürichsee in voller Blüte. Sie können sich Zeit lassen, wohlüberlegt eigene Akzente zu setzen.

© Hans-Peter Siffert

Alain Schwarzenbach scheint noch wenig Spuren hinterlassen zu haben. Das hat wohl damit zu tun, dass er das Steuer eines Weinschiffs übernehmen konnte, das sich voll auf Kurs befindet und bei dem sich keine Korrekturen aufdrängten. Schaut man aber etwas genauer hin, stösst man auch auf eigene Akzente: Der gelungene Chardonnay wird neuerdings in Piècen aus Schweizer Traubeneiche ausgebaut. Mit dem Pinot Noir Sélection füllt Alain den Wein aus den besten Barriques ab, und in der Steillage Trüllisberg in Feldbach am unteren Zürichsee gedeiht ein Merlot, wie man ihn noch vor fünfzehn Jahren am Zürichsee für unmöglich gehalten hätte. Der jetzt im Verkauf befindliche 2014er wurde am 8. Oktober akkurat zum richtigen Zeitpunkt geerntet. «Einen Tag später und die Kirschessigfliege hätte ihn vernichtet.»

«Wir streben einen sanften Übergang an, ohne die Kunden zu erschrecken.», meint Alain Schwarzenbach vom Weingut Reblaube.

«Wir streben einen sanften Übergang an, ohne die Kunden zu erschrecken.», meint Alain Schwarzenbach vom Weingut Reblaube.

Foto beigestellt

Weingut Komminoth

Ganz anders präsentiert sich die Lage für Ralf Komminoth in Maienfeld. Er stammt zwar ebenfalls aus einer Winzerfamilie, hat aber nach der Winzerlehre bald gemerkt, dass der Betrieb zu klein und sein Vater noch zu jung war, als dass es zwei gleichberechtigte Partner vertragen hätte. Zudem war das Weingut Hans-Peter Komminoth unter den 22 Selbstkelterern des Städtchens Maienfeld nie als besonders ehrgeizig oder innovativ aufgefallen. Ralfs Grossvater Hans-Peter -hatte zwar jahrzehntelang als geachteter Reb- und Kellermeister auf Schloss Salenegg gearbeitet und dort als Erster in Graubünden auch die Drahtrahmenerziehung eingeführt, seinen eigenen Besitz liess er als Mischbetrieb aber an der langen Leine, und Ralfs Vater sah wenig Grund, daran etwas zu ändern.

Ralf Komminoth und Seraina Conradin, die als Pflegefachfrau tätig ist,  im Barriquekeller des Weinguts.

Ralf Komminoth und Seraina Conradin, die als Pflegefachfrau tätig ist, im Barriquekeller des Weinguts.

Foto beigestellt

So engagierte sich Ralf Komminoth zehn Jahre im Militär, war mit der Swisscoy im Kosovo und arbeitete die letzten drei Jahre als Zugführer bei der mobilen Militärpolizei in Bern. Statt Reben hatte er dort ausländische Staatsgäste zu bewachen. Danach bereiste er mit seiner Partnerin Seraina acht Monate Asien. «Abenteuerlich und herausfordernd war die Reise durch China zu zweit und unbegleitet.» Langsam reifte dabei der Entschluss, heimzukehren und das allzu selbstgenügsam betriebene, 3,5 Hektaren grosse väterliche Weingut auf Vordermann zu bringen. 2015 taufte er es in «Ralf Komminoth» um.

Nach vielen Jahren im Militär und einer langen Reise kehrte der gelernte Winzer Ralf Komminoth nach Maienfeld zurück und verleiht dem wenig bekannten väterlichen Betrieb neuen Schub.

Nach vielen Jahren im Militär und einer langen Reise kehrte der gelernte Winzer Ralf Komminoth nach Maienfeld zurück und verleiht dem wenig bekannten väterlichen Betrieb neuen Schub.

Foto beigestellt

Seither arbeitet er an vielen Fronten: Die Rebberge müssen in Schuss gebracht werden, sein Vater hilft ihm dabei. Besonders aufwendig und arbeitsintensiv ist die steile Parzelle Freudenberg in Bad Ragaz. Die Weine (Riesling-Silvaner, Sauvignon Blanc, Pinot Noir), die keinen besonderen Ruf besitzen, rufen nach Verbesserung, die Verkaufsanstrengungen nach Vergrösserung. Eine vermeintliche Sisyphos-Aufgabe, für deren logistische und planerische Bewältigung ihn seine berufliche Vergangenheit geschult haben sollte. Zudem hilft ihm die Mitgliedschaft im Verein «Junge Schweiz – Neue Winzer». «Der regelmässige Austausch mit den jungen Berufskollegen ist befruchtend und inspirierend», sagt er. Ralf Komminoth ist nach Hause gekommen, weil er das Heft in die Hand nehmen wollte. Nun, nach der Zeit der Findungsphase, muss er bloss noch die richtigen Sätze hineinschreiben. 

Tasting: Best of Generationenwechsel

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 03/2017

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Grosse Boucherville Degustation und Gewinnspiel

125 Weine im «X-TRA» in Zürich degustieren und jetzt ein Weinpaket von Joh. Jos. Prüm im Wert von CHF 192.– CHF gewinnen!

News

Die Top 5 Weinhotels in der Schweiz

FOTOS: Wir zeigen fünf aussergewöhnliche Hotels, die sich dem Thema Wein verschrieben haben und stellen die vinophilen Angebote vor.

News

Ullrich und Ziereisen übernehmen Weingut Riehen

Jacqueline und Urs Ullrich übernehmen zusammen mit Hanspeter Ziereisen das Weingut Riehen bei Basel.

News

Pures Weinvergnügen

Mag. Christian Klingler setzt mit Winemaker Hannes Trapl alles daran, sowohl mit den PUR-Weinen aus der Wachau als auch beim Roten aus Carnuntum...

News

Italienisches Dorf samt Weingut steht zum Verkauf

FOTOS: Ein eigenes Weingut inmitten der Toskana inklusive Dorf: Um rund acht Millionen Franken kann der gesamte idyllische Ort gekauft werden.

News

World Champions: Luciano Sandrone

Vor vierzig Jahren startete Luciano Sandrone als Nobody mit 1'500 Flaschen Barolo Cannubi Boschis. Heute ist er ein Star, erzeugt ein Vielfaches und...

News

Federspiel-Sets der Domäne Wachau gewinnen!

Mit unerschöpflicher Begeisterung widmet sich die Domäne Wachau der Vielfalt der Wachauer Rieden und bringt diese in herkunftsgeprägten Weinen zum...

Advertorial
News

Die besten Rosé-Weine in Italien

Die Rosati Trophy wurde vom Roséwein «Si» vom Betrieb «Duemani» gewonnen. Der «Baldovino Cerasuolo» von Valentina und Luigi Di Camillo wurde zweiter...

News

Die Sieger der Grillo Trophy 2018

Grillo entsteht aus der gleichnamigen autochthonen Traubensorte in Sizilien. Seit einigen Jahren wird er sortenrein ausgebaut und erfreut sich...

News

Swiss Wine Tasting 2018

Die Elite der Schweizer Winzer ist Ende August wieder auf dem Schiffbau vertreten. Es ist mittlerweile die grösste Ausstellung von Schweizer Weinen.

News

Weinguide 2018/2019: Best of Südtirol

Südtirol zeigt einen breiten Reigen ausgezeichneter Weine. Bei Weissweinen sind es vor allem Weissburgunder, Sauvignon Blanc und Gewürztraminer.

News

Weinpackage von Mauro Molino gewinnen!

Das piemontesische Weingut steht für Barolo und Barbera in Top-Qualität. Wir verlosen ein Weinpaket im Wert von CHF 240.90.

Advertorial
News

Falstaff-Tipps zum Tag des Champagners

Am 4. August wird der Schaumwein gefeiert – wir verraten aus welchem Jahr der älteste Champagner stammt und wo man in diesem Jahr exklusiv an der Lese...

News

Olivier Krug über den perfekten Champagner

Falstaff traf Olivier Krug in Reims, um mit ihm über die aktuelle Krug Édition zu sprechen. Und darüber, dass zu oft die falsche Geschichte erzählt...

News

Riesling aus der Schweiz: Der rare Underdog

Kaum eine andere weisse Rebsorte verzückt Weinliebhaber so wie der Rheinriesling. Seine Spielarten sind vielfältig, und auch in der Schweiz wagen sich...

News

Aureto und Riegger: Wir teilen dieselben Werte

Andy Rihs als auch Peter Riegger teilten zu Lebezeiten die gleichen Werte – ein starkes Fundament für eine gute Zusammenarbeit.

Advertorial
News

Penfolds steigt im Napa Valley ein

Penfolds wird ab der Ernte 2018 Trauben im Napa Valley verarbeiten, um kalifornische Weine unter diesem Markennamen zu produzieren.

News

Next Generation: Fawino

Simone Favini und Claudio Widmer lernten sich beim Önologiestudium in Changins kennen. Gemeinsam verwirklichten sich die Quereinsteiger den Traum vom...

News

Next Generation: Andreas Schwarz

Andreas und Prisca Schwarz führen ein Familienweingut in Freienstein-Teufen bei Bülach. Was auf den ersten Blick eher klassisch anmutet, überrascht...