Maximilian Bircher: Der Mann mit dem Müsli

Bircher-Müesli: Eine der populärsten Spezialitäten der Schweiz. 

© Zuerich Tourismus

Bircher-Müesli: Eine der populärsten Spezialitäten der Schweiz.

Bircher-Müesli: Eine der populärsten Spezialitäten der Schweiz. 

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Haferflocken, Äpfel, Nüsse, Wasser, Zitronensaft und Milch, das ist das schlichte aber ursprüngliche Rezept, einer Spezialität, die zu einem Schweizer Nationalheiligtum wurde, erfunden um 1900 von einem Arzt namens Max Bircher-Benner. Damals konnte der Mann noch nicht ahnen, dass sein «Bircher-Müesli» einmal zur weltweit berühmtesten Frühstücksspezialität werden sollte, ein auf den ersten Blick simpel erscheinendes Korn-Rohkostgemisch, so populär wie das ebenfalls in der Schweiz so beliebte Fondue oder die nicht minder legendäre Schweizer Schokolade

Das berühmte Frühstücksmüesli besteht in seiner Urform aus Haferflocken, Nüssen und Äpfeln – so simpel, so gut.

Das berühmte Frühstücksmüesli besteht in seiner Urform aus Haferflocken, Nüssen und Äpfeln – so simpel, so gut. 

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Müesli für alle

Dabei wurde das Müesli lange Zeit gar nicht zum Frühstück verzehrt. Vor allem in den 1940er-Jahren stand das Müesli auf allen Menüplänen der Schweiz. Ob in den Privathaushalten, beim Militär oder in den Schulen: Überall wurde Müesli gegessen – allerdings am Abend. Selbst in den Schweizer Gefängnissen wurde die immer populärer gewordene Diätspeise zur allabendlichen Dauermahlzeit.

Erst später liess man davon ab, Birchers Körndl-Kreation am Abend zu sich zu nehmen, und so mutierte das Müesli im Lauf der Zeit zur idealen Frühstücksverpflegung. Mit den vielen Fertigmischungen, wie wir sie heute in den Supermärkten kaufen können, hatte dieses Ur-Müesli allerdings wenig zu tun, denn es war wesentlich schlichter. Bircher schrieb übrigens in seiner Biografie, die Idee zu seinem Müesli sei ihm anlässlich einer Bergwanderung gekommen, eine Sennerin in einer Alphütte habe ihm ein ähnliches Gericht serviert, und er sei sofort begeistert gewesen.

Heute ist das Müesli ein fester Bestandteil einer Gesundheits- und Fitnessbewussten Ernährungsphilosophie, und zwar rund um den Globus. Ein Trendgericht, von dem es Millionen an Varianten gibt. Äpfel und Haferflocken genügen schon lange nicht mehr, Müeslis werden heutzutage oft mit exotischen Früchten, mit seltenen Samen- und Getreidesorten und mit Soja- und Mandelmilch statt mit herkömmlicher Kuhmilch zubereitet.

Der Rohkostfanatiker

All das konnte Max Bircher-Benner nicht voraussehen. Damals, als er als Arzt «D Spys», wie er seine Erfindung nannte, seinen Patienten als tägliche Nahrung verordnete, propagierte er grundsätzlich eine naturnahe Ernährung mit viel Rohkost statt der schweren bürgerlichen Küche, die er für viele Krankheiten verantwortlich machte. Mit dieser Sicht der Dinge hatte Bircher-Benner durchaus Erfolg. In seinem Sanatorium am Zürichberg erholten sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts viele prominente Kurgäste wie der Schriftsteller Thomas Mann oder der Dirigent Wilhelm Furtwängler. «Die Patientinnen vergötterten ihn», schrieb ein Historiker über den charismatischen Rohkostpionier

Geboren wurde Bircher-Benner im August 1867 in Aarau. Er kam mit einem Herzfehler zur Welt, ein Umstand, der ihm noch viel zu schaffen machen sollte. Mitunter auch deshalb interessierte er sich schon im zarten Kindesalter für alle möglichen Krankheiten in der Familie, weshalb das Kind von vielen «das Dökterli» genannt wurde. Und das Dökterli wusste schon in der Schulzeit, dass er einmal Medizin studieren wird. Das schien allerdings anfänglich gar nicht so selbstverständlich. Denn der Vater, ein Notar, verpulverte wegen einer Bürgschaft sein gesamtes Vermögen. «Nur dank der gütigen Hilfe von Freunden wurde mir das Studium ermöglicht», sonotierte Bircher-Benner in seiner Autobiografie

Und so liess sich der studierte Mediziner 1891 mit einer Praxis im Industriequartier der Stadt Zürich nieder. Zwei Jahre später heiratete er die reiche Apothekerstochter Elisabeth Benner und eröffnete 1904 ein Sanatorium in bester Lage über dem Zürichsee. Für ihn war diese Klinik ein «wirksames Instrument gegen die Degeneration der Bevölkerung durch unnatürliche Lebensweise».

Der Tagesablauf im Sanatorium war dementsprechend streng geregelt. So gab es unter anderem ein Programm zur «körperlichen Ertüchtigung» mit Bewegungstherapie, Turnen, Hydrotherapie, Gartenarbeit, Liegekur, Terraintraining und Heliotherapie. Um 21 Uhr begann die Nachtruhe. Thomas Mann, einer der vielen prominenten Kurgäste, nannte das Sanatorium ein «hygienisches Zuchthaus». 

Viele Theorien des strengen Doktors ­gelten heute als weitgehend überholt. So glaubte der Rohkostfanatiker etwa, rohe Lebensmittel würden Sonnenenergie speichern, was sich auf die Gesundheit positiv auswirken würde. Eine Annahme, die schon damals für viel Kritik bei seinen Ärztekollegen sorgte und heute mehr denn je als nicht nachgewiesen gilt. 
An der späteren Popularität des Bircher-Müeslis konnten allerdings auch solch falsche Behauptungen nichts ändern.

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