Kreative Unruhe im Tessin

Blick von Castelgrande auf Bellinzona und Monte Carasso.

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Blick von Castelgrande auf Bellinzona und Monte Carasso.

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Der Frühling pausiert im Tessin. Die Wolken sitzen tief und verbergen die Berge. Es regnet ohne Unterlass und ist wieder empfindlich kalt geworden. Kein Wetter für einen Besuch der Rebberge. «Lasst uns besser in den Keller steigen», sagt Ettore Biraghi, der mich in Stabio auf der Tenuta Agricola Luigina empfängt, am Rande des historischen Weinbergs Montalbano, einen Steinwurf von der italienischen Grenze entfernt.

Ettore Biraghi gehört zu den auffälligsten Protagonisten der jüngeren Tessiner Weinszene. Der 40-jährige promovierte Agronom kam 2005 frisch von der Uni Mailand in die Schweiz, arbeitete im Rebberg der Colle degli Ulivi in Coldrerio, bevor der ebenfalls italienische Immobilienunternehmer Fabio Bruni ihn 2008 überzeugen konnte, die Trauben seines alten Rebbergs in Vacallo zu keltern, woraus sich dann über die Jahre das 2,5 Hektaren grosse Weingut Luigina entwickelte, in dessen verwinkelten Keller wir nun aus Stahltanks, aus Barriquefässern und aus Tonamphoren weisse und rote Muster probieren – allesamt fruchtbetonte, konzentrierte, stoffige Tropfen ohne jede Schwere.

Ettore ist die Begeisterung anzusehen bei der Kommentierung der kräftigen, aber ausgewogenen Weine. Obwohl sie alle reichhaltig und kompakt wirken, weist er jede künstliche Konzentrationsmethode wie etwa das Antrocknen der Trauben von sich. Er erntet spät, um so reife Trauben wie möglich zu gewinnen. «Nur so erziele ich mürbe, runde Tannine.»  Die Augen blitzen bei diesen Beteuerungen, ein kurzes Auflachen unterbricht den Redestrom, und als er die Pipette in die Amphore senkt, in der die goldgelben Viognierbeeren noch gären, bringt die noch vorhandene Kohlensäure auch den jungen Wein beinahe zum Übersprudeln. «Die Leute suchen heute vermehrt die Frucht im Wein. Die Kelterung in den Amphoren erlaubt einen mikrooxydativen Ausbau ohne Holzaromen zu erhalten.» Der Most vergärt dabei monatelang mit den ganzen Beeren. Die Trauben werden auch beim roten Amphorenwein, dem Quartessenza aus Merlot und Cabernet Sauvignon, von Hand abgebeert: «380 Kilo Traubenbeeren pro Gefäss – eine Arbeit für Verrückte.»

Die Rebberge der Tenuta Luigina liegen im südlichen Mendrisiotto.
Die Rebberge der Tenuta Luigina liegen im südlichen Mendrisiotto.

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Prosaischer geht es bei dem im Industriegebiet von Mendrisio gelegenen Betrieb «Fawino» zu. Hier herrscht zunächst Tessiner Zurückhaltung, freundliche Introversion statt extravertierte Zugänglichkeit. Erst allmählich offenbart sich, wie stark auch bei Simone Favini und Claudio Widmer das Weinfeuer glimmt.

Die beiden Freunde kennen sich schon seit Schulzeiten. Unabhängig voneinander absolvierten sie in Changins ein Önologie-Studium. Simone kelterte bald schon erfolgreich seinen ersten Wein. Claudio sammelte Erfahrungen in Bordeaux und Chile. 2012 beschlossen sie ihre Kräfte zu bündeln und ein gemeinsames  Unternehmen zu gründen. Heute produzieren sie auf vier Hektaren Reben rund 20. 000 Flaschen Spumante, Weiss- und Rotwein. Der Umsatz reicht derzeit nicht für zwei Vollzeitstellen. Simone arbeitet noch als Chemiker in der väterlichen Firma, Claudio unterrichtet an der Weinbauschule in Mezzana. Samstags- und Sonntagsarbeit gehören für beide zum beruflichen Alltag.

Favini und Widmer haben sich von Grund auf alles selber erschaffen. Sie konnten weder auf eine familiäre Winzergeschichte noch auf Sponsoren zurückgreifen. Die Essenz ihres Erfolges liegt im gegenseitigen Vertrauen begründet. «Auch wenn wir uns nicht immer auf Anhieb einig sind. Einen Kompromiss finden wir immer», sagt Claudio, Simone nickt. Die Reben pflegen sie nach Methoden der Integrierten Produktion. Das Risiko einer biologischen Bewirtschaftung lasse die gegenwärtige Fragilität ihres Unternehmens (noch) nicht zu.

Rebberg in Meride am Abhang des Monte San Giorgio.
Rebberg in Meride am Abhang des Monte San Giorgio.

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Über die angepeilte Weinstilistik brauchen sie schon gar nicht zu diskutieren. «Wir wollen trinkige, frische, elegante Weine ohne dominierenden Holzeinfluss und moderat im Alkohol.» In ihren beiden besten Merlots – Meride und Musa – haben sie das gut umgesetzt: Der Meride wächst auf 550 Meter Höhe, an den Hängen des Monte San Giorgio auf kalkreichen, leichten Böden, was ihm Frische, Finesse und Mineralität schenkt. Der Musa dagegen stammt aus alten Reben in Salarino am Fusse des gegenüberliegenden Monte Generoso. Die Böden sind etwas schwerer und tiefgründiger und erlauben einen längeren Ausbau in teilweise neuen Barriques. So verschieden beide Weine sind, so mustergültig widerspiegeln sie die Überzeugung ihrer Produzenten.

Westlich von Lugano, zwischen dem See und der italienischen Grenze, erstreckt sich der Malcantone. In endlosen Kurven winden sich die Strassen durch zerklüftetes Hügelland. Der Malcantone gilt als Refugium der Selbstkelterer. Aus der Deutschschweiz oder der Romandie eingewanderte Winzer wie Huber, Kaufmann, Klausener oder Zündel haben massgeblich an der Tessiner Weingeschichte mitgeschrieben. 

Ralph Theiler. Theiler keltert seine Weine in einem ausgedienten Postautodepot in Cademario in luftiger Höhe von 800 Metern. Obwohl er 1990 als 13-Jähriger ins Tessin gekommen ist und bei der Cantina Giubiasco eine Kellerlehre absolviert hat, gilt er bei den Ticinesi als Deutschschweizer. Seine pragmatische Art und sein präzises Schaffen in Reben und Keller, begleitet von klaren Ansichten und einer nicht unsympathischen Knorrigkeit, bestärken vermutlich die Einschätzung.

Bilden ein patentes Winzerpaar: Simone Favini und Claudio Widmer (v.l.).
Bilden ein patentes Winzerpaar: Simone Favini und Claudio Widmer (v.l.).

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Ralph Theiler gründete seinen Betrieb 2007, als er hauptberuflich noch bei der Cantina Pian Marnino in Gudo arbeitete. 2012 machte er sich selbständig. Theiler bewirtschaftet 15 Rebparzellen im Malcantone und Luganese in arbeitsintensiven Hügellagen. Insgesamt sind es 4,5 Hektaren mit einer Produktion zwischen 15.000 und 20. 000 Flaschen. Siebzig Prozent entfallen auf den Merlot. «Ich bin Traditionalist. Der Merlot ist für mich der wichtigste und beste Wein des Tessin.» Mit dem «Classico» und dem «Barrique» erzeugt er zwei archetypische Merlots. Auffallend sind die Stoffigkeit und die präsente Säure, die ihnen einen guten Trinkfluss verleiht. Mit dem «Divis» hat er einen dritten Pfeil im Köcher. Der aus hundert Prozent luftgetrockneten Merlot-Trauben gekelterte Wein feiert heuer seine Premiere und wird die Anhänger von potenteren Tropfen im Amarone-Stil begeistern.

Anderntags geht es über den Monte Ceneri in den oberen Kantonsteil. Dort, im Sopraceneri, findet sich das archaische Tessin mit der faszinierenden Nähe von Gebirge und Palmen. (Das Sottoceneri dagegen deutet schon die Nähe zur sanfteren Lombardei an.) Passend, dass inzwischen wieder die Sonne scheint, wie wenn sie nie weg gewesen wäre. In Monte Carasso empfangen Eliana und Nicola Marcionetti. Settemaggio – benannt nach dem Geburtsdatum des jüngsten Bruders Raffaele – hat sich als Familienunternehmen gut aufgestellt. Es besteht nicht nur aus dem Weingut mit sieben Hektaren Reben in den Hanglagen entlang der Magadinoebene und in Giornico, sondern auch aus einem Landwirtschaftsbetrieb mit Futter- und Ackerbau und einer Biogasanlage, die erneuerbare Energie produziert.

Keltern aussergewöhnliche Weine: die Geschwister Raffaele, Eliana und Nicola Marcionetti (v.l.) von Settemaggio.
Keltern aussergewöhnliche Weine: die Geschwister Raffaele, Eliana und Nicola Marcionetti (v.l.) von Settemaggio.

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Eliana ist gerade aus Bordeaux zurückgekommen, wo sie einen Kurs in Weissweinbereitung belegt hatte. Sie kümmert sich hauptsächlich um Marketing und Verkauf. Nicola als diplomierter Agronom kehrt aus den Reben zurück. Beide führen zusammen mit Raffaele das anspruchsvolle und arbeitsaufwendige Unternehmen. Sie werden von einem jungen Önologen unterstützt und von Francesco Tettamanti beraten, der das Weintessin aus seiner beruflichen Laufbahn kennt wie kein anderer.

Settemaggio gehört zu den innovativsten Weingütern des Tessin. Schon früh experimentierte man mit interspezifischen Sorten, die gegen Mehltau resistent sind. Nicola sagt, dass «wir als erste über diese Weine erzählt haben», das Etikett «Pionier» weist er aber bescheiden von sich. Ihr Weisswein Cana enthält neben weiss gekeltertem Merlot fünfzig Prozent Sauvignon Soyhières und ist ein bemerkenswert frischer, charaktervoller Tropfen. Die Familie erzeugt einen grossartigen reinsortigen Marselan (eine Kreuzung von Cabernet Sauvignon und Grenache) und pflanzte in der alpinen Umgebung von Giornico die weisse Sorte Savagnin. Sie dürfte einen besonders mineralischen Wein ergeben. Mit dem Irti Colli offeriert sie einen fadengraden Merlot. Und mit dem Vindala und dem Amiis zwei Spitzengewächse, die sich in die erste Reihe der Tessiner Weine einreihen. Dass ihnen mit der Zugabe von getrockneten Merlot-Trauben auf die Sprünge geholfen wurde, wäre gar nicht nötig gewesen.

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Falstaff Nr. 03/2018
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  • Tasting
    Kreative Unruhe im Tessin
    27.04.2018
    Neben den renommierten Namen profilieren sich in der Südschweiz vermehrt weniger bekannte Winzer mit teilweise spektakulären Weinen. Notizen von Martin Kilchmann.
  • Winzer
    Fawino Sagl
    6850 Mendrisio
    Tessin, Schweiz
  • Winzer
    Theilervini
    6935 Bosco Luganese
    Tessin, Schweiz
  • Winzer
    Cantina Settemaggio
    6513 Monte Carasso
    Tessin, Schweiz
    Falstaff Sterne

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