Kontinuität und Aufbruch beim Weingut «von Tscharner»

Zum Schloss Reichenau von Gian-Battista von Tscharner und seinem Sohn Johann-Baptista gehören in der Herrschaft und im Churer Rheintal 5,3 Hektaren Reben.

© Siffert/Weintweltfoto.ch

Zum Schloss Reichenau von Gian-Battista von Tscharner und seinem Sohn Johann-Baptista gehören in der Herrschaft und im Churer Rheintal 5,3 Hektaren Reben.

© Siffert/Weintweltfoto.ch

Johann-Baptista von Tscharner ist eben von der Jagd zurück. Stolz erzählt er, wie er eine Gamsgeiss geschossen hat. Dass seinem Vater Gian-Battista von Tscharner zwei Abschüsse gelungen sind, scheint ihn nicht zu fuchsen. Man könnte jetzt denken, logisch, Johann-Baptista steht halt im Schatten des charismatischen Familienoberhaupts. Doch weit gefehlt: Der Junior ist drauf und dran, aus dessen Schatten zu treten. Denn ohne grossen Aufhebens hat sich auf Schloss Reichenau, diesem solitären Weingut am ­Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein, ein Generationenwechsel vollzogen: Schlossherr Gian-Battista von Tscharner hat die ­operative Leitung seinem 30-jährigen Sohn übergeben. Er hilft zwar noch im Rebberg aus – bei meinem Besuch kam er gerade vom ­Mähen –, moderiert pointiert bei den vielen Präsentationen und gibt seine träfen Kommentare bei den regelmässigen Kontrolldegustationen der jungen Weine. Doch die Verantwortung trägt nun Johann-Baptista.

Auf den ersten Blick hat sich dabei wenig verändert. Noch immer werden 18 Weine aus zwanzig Lagen gekeltert. Die Anbaufläche in Maienfeld, Jenins, Chur und Felsberg beträgt 5,3 Hektaren. Vergrösserung ist keine geplant. «Wir wollen klein bleiben, um das, was wir machen, perfekt machen zu können», heisst die Devise. Kontinuität ist angesagt.

Und doch steckt in jedem Anfang auch ein Aufbruch. Johann-Baptista erntet etwas früher als der Vater. Er füllt auch etwas früher ab. Die Weissen – Sauvignon Blanc, Pinot Blanc/Chardonnay, Pinot Gris – durchlaufen nicht mehr den ganzen Säureabbau.

Johann-Baptista von Tscharner hat auf Reichenau die operative Leitung übernommen.
Johann-Baptista von Tscharner hat auf Reichenau die operative Leitung übernommen.

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«Der Vater liess den Weinen Zeit. Einmal in der Flasche mussten sie reifen. Ich möchte, dass sie früher ­antrinkbar werden.»
Johann-Baptista von Tscharner, Winzer

«Ich ­suche dabei Eleganz und Frische.»

Die Rotweine von Reichenau, Pinots Noirs hauptsächlich, sind bekannt für ihre Kraft, ihre mächtige Struktur und Langlebigkeit. «Der Vater liess den Weinen mehr Zeit. Einmal in der Flasche mussten sie reifen. Ich möchte, dass sie früher antrinkbar werden.» Wie Johann-Baptista das meint, zeigt sich bei den drei Fassmustern, die er aus den Barriques zieht und in die Küche bringt. Es sind Pinots Noirs aus dem Churer Rebberg ­Lochert. Zunächst spiegeln sie vorbildlich den Jahrgang: die Fruchtopulenz von 2015, die Eleganz von 2014, die Konzentration von 2013. Dann wirken sie alle sanfter und geschmeidiger als die väterlichen Weine. Johann-Baptista verlegte die Mazerationszeit vor die Gärung, presste den Wein noch leicht süss und liess ihn trüb im Barrique fertig gären. Analog zum gewaltigsten Wein des Schlosses – «Gian-Battista» mit Namen – soll diese modifizierte Interpretation «Johann-Baptista» heissen. In ihr lässt sich der Aufbruch am deutlichsten riechen und schmecken. Und wohl auch am besten verstehen, warum die bekannte Jeninser Winzerin Irene Grünenfelder Johann-Baptista von Tscharner in einem Interview einmal als eines der vielversprechendsten Bündner Winzertalente bezeichnete.

www.reichenau.ch

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Aus dem Falstaff Magazin Nr. 07/2016.

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