Jenseits des Grand Cru

Salgesch positionierte 1988 seinen Pinot Noir mit einem strengen Reglement erfolgreich als ersten Schweizer Grand Cru.

Foto beigestellt

Salgesch positionierte 1988 seinen Pinot Noir mit einem strengen Reglement erfolgreich als ersten Schweizer Grand Cru.

Foto beigestellt

Oben schneit, unten regnet es. Während Zermatt im Schnee versinkt, hat der Regen in Salgesch auch die letzten weissen Flecken weggespült. Weltuntergangsstimmung herrscht im 1450 Seelen zählenden Winzerdorf deshalb keine: In vielen der rund vierzig Winzer- und Weinhandelsbetrieben, die auf 192 Hektaren und auf kalkreichen Böden in einer vielstufigen, imposanten Arena Rebbau betreiben, ist trotz eines mengenmässig desaströs ausgefallenen Jahrgangs 2017 (Frost!) eine Aufbruchstimmung zu spüren. Den meisten Kellereien geht es gut. Die Weine verkaufen sich zufriedenstellend.

Den Grundstein zu dieser erfreulichen Gegenwart legte vor dreissig Jahren die Einführung eines für die damalige Zeit rigorosen Grand-Cru-Reglements für den Pinot Noir, der dominanten Sorte in den Salgescher Rebbergen. Die Parzellen mussten vorgängig deklariert werde. Der Ertrag wurde auf 800 Gramm pro Quadratmeter beschränkt. Es galt, die Hürde von 92 Grad Öchsle zu nehmen. Und um die salgesch-typische, würzige Pinot-Frucht möglichst unverfälscht in die Flasche zu bringen, durfte der Wein nicht im Holz ausgebaut werden. Schliesslich musste sich der Pinot Noir nach der Abfüllung dem Urteil einer externen Degustationsjury stellen. Erst wenn dieses positiv ausfiel, erhielt er die einheitliche Grand-Cru-Etikette – das Malteserkreuz des Gemeindewappens. Der Name des Produzenten verschwand derweil auf die Rücketikette. 12 bis 14 Betriebe waren das jeweils, während ein bis zwei Betriebe pro Jahrgang abgelehnt wurden.

Die Einführung (noch vor der Etablierung einer kantonalen AOC) war eine Pionierleistung. Sie schweisste die Winzer des Dorfes zusammen und verschaffte dem Salgescher Pinot Noir einen Qualitätsschub, was sich wiederum heilsam auf das damals etwas ramponierte Image des Salgescher Weins auswirkte. Heute freilich scheint der Salgescher Grand Cru ein Auslaufmodell zu sein – oder wie es der Winzer Olivier Mounir (Cave du Rhodan) in Anlehnung an eine Studie etwas gestelzt ausdrückt: Er scheint «am Ende seines Produktelebenszyklus» angelangt zu sein.

Jürg Biber erntet der Traubenvollreife zuliebe häufig als Letzter im Dorf.

Foto beigestellt

«Der Wechsel von der Flaschen- auf die Tankprobe öffnet der Qualitätsver-wässerung Tür und Tor.»
Jürg Biber,Weingut Cave Biber

Der Gründe dafür sind viele. Matchentscheidend war wohl die kantonale Einführung einer Grand-Cru-Linie mit Gemeindebezeichnung in einer einheitlichen Walliser Flasche mit Grand-Cru-Gravur, zu der auch die Salgescher wechseln werden müssen. Das Rebsortenspektrum wurde dabei geöffnet, die Eintrittsbedingung erleichtert. Besonders stossend finden die Salgescher, dass die Weinqualität nun anhand eines Tankmusters und nicht mehr anhand eines Flaschenmusters getestet wird. «Das öffnet der Qualitätsverwässerung Tür und Tor», sagt Jürg Biber, der künftig – wie Amédée Mathier (Albert Mathier) und Olivier Mounir – die Erzeugung eines Salgesch Grand Cru einstellen wird. Philippe Constantin von der Cave St. Philippe, wie Amédée Mathier ein Mitstreiter der ersten Stunde, nennt darüber hinaus das Auftauchen von Salgescher Grands Crus beim Grossverteiler wie Coop «einen Sündenfall». Das hat ihn dazu bewogen, den Weintypus in Zukunft unter einem anderen Namen zu vermarkten.

Als einer der einzigen Salgescher Winzer steht Patrick Z’Brun von den Domaines Chevaliers noch zum Grand Cru. Ihr Reglement sei nach wie vor das restriktivste im Kanton, auch wenn es «von der allgemeinen Qualitätsrevolution, man denke nur an die Ertragsbegrenzung von 800 Gramm, überholt wurde». Zudem zeige allein schon der stabil gebliebene Verkaufspreis von 25 Franken den gesunkenen Stellenwert. «Trotzdem bleibe ich beim Grand Cru, allein schon seiner fürs Dorf wichtigen Geschichte wegen, stufe ihn allerdings in die Traditionslinie zurück.»

Erzeugen keinen Grand Cru mehr: Olivier Mounir mit seiner Frau Sandra und Kellermeister Alain Helmrich. 

Foto beigestellt

Der Bedeutungsverlust des Pinot Noir Salgesch Grand Cru ist nun allerdings kein weltbewegendes Unglück, ganz im Gegenteil. Er lässt die Winzer mit anderen Weinen brillieren. Bei Diego Mathier (Nouveau Salquenen), dem Platzhirsch des Dorfes, dessen Wettbewerbsdiplome mittlerweile das 
Treppenhaus bis zu den Toiletten hinunter tapezieren, frappiert jedes Mal von Neuem die bullige Kraft, gepaart mit einem schier unwiderstehlichen Charme, mit denen er seine neuen Projekte vorstellt: etwa die noch im Holz schlummernden, in ihrer stoffigen Tiefgründigkeit höchst vielversprechenden Weine (Pinot Noir, Syrah) der Domaine Folie in Sion. Schwierig, sich seinem Charisma zu entziehen und die Begeisterung nicht kritiklos zu teilen.

Sein Namensvetter Amédée Mathier sorgt mit seinen weissen und roten Naturweinen aus den im Erdreich vergrabenen georgischen Tonamphoren für Furore, die nach gebührendem Karaffieren mit ihrer aromatischen Komplexität auch Leute beeindrucken, die der Naturweinmode skeptisch gegenüberstehen. Überzeugend auch seine klassischen Weine, die finessenreiche weisse und rote Assemblage der Domaine Ravoire bei Ley-tron und die sortenreinen Spezialitäten der Vinum-Lignum-Linie. Dichte paart sich hier mit Präzision.

Pionier in der Herstellung von Naturweinen: Amédée Mathier keltert seit 2008 je einen Weiss- und Rotwein in georgischen Tonamphoren.

Foto beigestellt

Olivier Mounir hat seine Cave du Rhodan in den letzten Jahren zu einem Vorzeige-betrieb entwickelt. Klug und vorausschauend arbeitet er teilweise mit biodynamischen Methoden und gibt sich darüber durchaus selbstkritisch Rechenschaft. Seine Weine sind frisch, geradlinig, eher unspektakulär und stets sortentypisch. Mit der Domaine Trong hat er einen perfekten Standort für den spätreifenden Cornalin gefunden – ein Versprechen.

Philippe Constantin ist der selbsteinkellernde Winzer par excellence. Er kennt jeden Rebstock persönlich, findet für jede Sorte den passenden Standort. Seine Gewissheiten vertritt er mit der Eindringlichkeit eines Wanderpredigers. Seine besondere Liebe gehört dem Pinot Noir, dem er in vier verschiedenen Varianten die Reverenz erweist. Daneben erzeugt er auf fünfzig Prozent seiner Fläche weisse und rote Spezialitäten wie Heida oder Cornalin. Constantin liebt Weine «mit einem ausgeprägten Weichteil». Seine Devise heisst: «Sich selber treu bleiben und ehrliche Weine erzeugen. So kann man viel erreichen.»

Familie Kuonen vom Weingut Gregor Kuonen setzt mit grossem Erfolg auf internationale Rebsorten wie Merlot, Cabernet Franc und Chardonnay.

Foto beigestellt

François Kuonen von Gregor Kuonen (Caveau de Salquenen) kann man sich ebenso gut auf der Zermatter Skipiste wie hinter einem Stand einer Weinmesse vorstellen. Er ist mit allen Wassern des Weinverkaufs gewaschen, erfahren, eloquent und charmant. Zusammen mit Stiefsohn Patrick Revey und seiner Tochter Larissa, der Kellermeisterin, verfügt er über ein breites, solides, schwer überblickbares Sortiment. Gregor Kuonen hat in Sorten wie Merlot oder Cabernet Franc diversifiziert. Ein neuer Keller soll dem währschaften Betrieb neuen Schub verleihen.

Jürg Biber war Kellermeister der Rebbaugenossenschaft Oberhofen am Thunersee, bevor er 2004 den Betrieb von René Mathier kaufte. Den Pinot Noir beurteilt er angesichts der Klimaerwärmung zurückhaltend. In den heissen, trockenen Lagen von Salgesch bevorzugt er Cornalin und Cabernet Franc. Für entscheidend hält er eine perfekte phenolische Reife der Trauben – er erntet sie deshalb meist als Letzter im Dorf. Seine charaktervollsten Weine haben einen ausgeprägten Spätlesecharakter mit Dörrfruchtaromen und einen satten Alkohol-gehalt: keine Weine für Beckenrandschwimmer.

Diego & Nadia Mathier sammeln mit fabelhaften Weinen Auszeichnungen, Medaillen und Titel wie andere Briefmarken.

Foto beigestellt

Das traditionsreiche Weingut Vins des Chevaliers wurde kürzlich in Domaines Chevaliers umgetauft. Besitzer Patrick Z’Brun signalisiert damit eine Neupositionierung: weg vom Mainstream an die Spitze. Das Sortiment wurde verkleinert und mithilfe des kunst-sinnigen Genfer Önologen Christian Gfeller die neue Toplinie «Lux Vina» geschaffen. Es sind sieben virtuose, holzgeprägte Weine – Petite Arvine, Cornalin, Pinot Noir, Syrah, weisse und rote Assemblagen und eine Grains Nobles – für die hohe Gastronomie sowie eine neugierige und vermögende Klientel. Trotz ihres modischen Charakters besitzen sie Walliser Stallgeruch und öffnen Salgesch vielleicht neue Horizonte. 

Domaines Chevaliers: Besitzer Patrick Z’Brun straffte sein Sortiment und schuf mit Hilfe des Önologen Christian Gfeller die bestechende neue Toplinie «Lux Vina».

Foto beigestellt

Tasting – Best of Salgesch

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2018
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

Mehr zum Thema

News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

Die exklusivsten Weinkeller der Schweiz

Die Schweiz ist ein Paradies für anspruchsvolle Weinliebhaber: Aus diesen sechs Kellern sollte man einmal eine Flasche probiert haben.

News

Weinroute Alavesa: Rioja Deluxe

In Rioja Alavesa liegen die besten Tempranillo-Lagen der Welt. Kühles Klima und beste Böden sorgen für Weine, die mehr als nur Ausdruck eines Stils...

News

Essay: Der Sommelier und der Reiseführer

Der Sommelier ist so etwas wie ein Reiseführer – nicht nur für den Weinkenner, für den sich jeder hält, sondern auch für den Weintrinker, der jeder...

News

«Baltho»: In 100 Weinen durch die Schweiz

Die Weinkarte des «Baltho Küche & Bar» im Zürcher Niederdorf setzt ab sofort ausschliesslich auf Schweizer Weine.

News

Die Sieger der Falstaff Nero d'Avola Trophy 2018

Nero d’Avola ist die berühmteste Rotweinsorte Siziliens. Mit ihrem harmonischem «Nére 2016» gewinnt das Weingut Feudo Maccari die Falstaff Trophy Nero...

News

Gewinnen Sie ein Dieter Meier Geniesser-Paket

Das Wein-Paket im Wert von 299 Franken enthält mitunter eine Flasche Malo und Collection 1, von denen es nur 2'000 Flaschen gibt.

Advertorial
News

Pop-Up: «Bar à Bulles by Ruinart»

Ruinart bringt mit seiner Bubble-Glas-Bar ab sofort prickelnden Genuss auf die Terrasse des «Beau Rivage Palace» in Lausanne.

News

Die Sieger der Pinot Noir Trophy 2018

Kaum eine andere Rebsorte als der Blauburgunder bietet eine derartige Diversität. Die Falstaff Pinot Noir Trophy holten sich das Weingut Pircher,...

News

The Penfolds Collection 2018

Eines der bekanntesten Weingüter Australiens, Penfolds, lud zum Tasting. Präsentiert wurden die «Penfolds Collection 2018». Falstaff hat die Topweine...

News

Degustation: Entdecken Sie das Rhône-Tal

Von 15. bis 18. April 2019 können Weine von mehr als 600 Winzern in mehreren Städten entlang der Rhône verkostet werden.

News

Rooftop Reds: Weine vom Dach in Brooklyn

Auf dem Dach eines Industriegebäudes in Brooklyn bauen junge Winzer Rotwein an. New Yorker Sommeliers sind skeptisch. Aber ist nicht gerade der Big...

News

Bodegas Legaris: Auf zu neuen Höhen

Die Bodegas Legaris setzt bei dem Páramos de Legaris 2015 auf extreme Höhen: Die Trauben stammen erstmals aus Lagen in einer Höhe von 900 Metern und...

News

Celliers de Sion: Der erste Weinpark der Schweiz

FOTOS: Der Gewinner des Schweizer Weintourismuspreises, der Weinpark «Celliers de Sion» befindet sich in Sitten im Wallis.

News

Weingut Mythopia: Der Grenzgänger

Hans-Peter Schmidt hat auf dem Walliser Weingut Mythopia eine Utopie entworfen. Die Naturweine des Forschers gehören zu den rarsten und exklusivsten...

News

Walliser Staatsrat ist Weinbetrügern auf der Spur

Der Staatsrat hat als Zivilpartei vier Klagen eingereicht und will somit rechtlich gegen Betrüger vorgehen, die der gesamten Weinbrache schaden.

News

Kunst und Wein: Die IVV Art Challenge

Am 5. Oktober wurde die Weinbox «IVV Art Challenge» vorgestellt: Acht Flaschen Walliser Weine, deren Etiketten von jungen Künstlern gestaltet wurden.

News

Degustation «Jardin des Vins» erstmals in Bern

Am kommenden Wochenende steht das Berner Hotel Innere Enge mit 140 Spitzenweinen ganz im Zeichen des Wallis.

News

Caroline Frey kommt ins Wallis

Die Önologin möchte in der Schweiz Petit Arvine anbauen, erste Weine werden 2018 erwartet.