Rebhänge des Weinguts Rosenau: Winzer Toni Ottiger gilt als Pionier der Gegend. / Foto beigestellt
Rebhänge des Weinguts Rosenau: Winzer Toni Ottiger gilt als Pionier der Gegend. / Foto beigestellt

Das Schiff verlässt die Luzerner Bucht und hält auf Kastanienbaum zu. Von Weitem schon sind Toni Ottigers sanft zum See geneigte Rebberge zu sehen. Ottiger ist der Weinbaupionier am Vierwaldstättersee. Als 26-Jähriger pachtete er das kleine Weingut Rosenau. Kaum jemand gab ihm Kredit. Zu feucht sei das Klima, zu prekär der Ruf der Innerschweizer Weine. Ottiger liess sich nicht beirren, baute über die Jahre seine Rebfläche aus und eine Kundschaft auf – profitierend von der Klimaerwärmung, die die Trauben besser ausreifen lässt, und von der Nähe der Touristenstadt Luzern. Vor allem aber schuf er eine breite Palette von beeindruckenden Weinen, solide an der Basis, stilsicher und terroirtypisch an der Spitze.

Eine verschworene Truppe
Das zeigt sich einmal mehr während der Degustation der über zehn Gewächse in der alten Scheune, die als Empfangs- und Verkaufsraum dient, bis das neue Betriebsgebäude an beneidenswerter Lage endlich gebaut ist. Draussen zieht ein Gewitter über den See. Drinnen haben wir die Sonne im Glas. Vom Riesling-Silvaner über den Sauvignon Blanc, vom Rosenauer Blauburgunder bis zu den beiden Pinots Noirs «Spissen» und «B» ist eine Handschrift zu erkennen: gestochen klar, elegant und schnörkellos. Ottiger weiss um die Güte seiner Weine. Er hat sich eine eigentümliche Mischung von forscher Zuversicht und Gelassenheit bewahrt, weiss aber auch um die Stärke seines Teams: Mit Rebmeister Urs Gretener kann er sich auf einen hervorragenden Berufsmann verlassen, und mit Raphi Burki hat er einen Önologen, hinter dessen zurückhaltendem, ja sprödem Auftreten das Weinfeuer glimmt. Toni Ottiger: «In unserer verschworenen Truppe herrscht ein guter Geist. Daraus und aus der wunderbaren Landschaft ziehe ich meine Inspiration.»


Weingut Ottiger: gestochen klare, elegante und schnörkellose Weine. Ursula Ottiger, Önologe Raphi Burki, Rebmeister Urs Gretener, Toni Ottiger (v.l.n.r.). / © Simon+Kim Werbefotografie

Die Autodidaktin
Zweite Station der Schifffahrt ist Meggen, der steuergünstige Vorort von Luzern am Anfang des Küssnachter Arms des Vierwaldstättersees. Die Gemeinde zählt mit Schloss Meggenhorn, dem Bioweingut Sitenrain und dem Weingut Letten gleich drei Betriebe. Keiner besitzt die Grösse und die Bedeutung von Ottiger, doch aufstrebend sind sie allemal. Wir machen halt bei Nora Breitschmid auf Sitenrain. Die junge Frau hat an der Hochschule Luzern eben den Bachelor in Kommunikation und Marketing gemacht. Das Studium verdiente sie sich mit der Mitarbeit im familieneigenen Weingut. Sie bildete sich autodidaktisch zur Winzerin aus. Vater Ueli Breitschmid ist ein innovativer Unternehmer und Investor. Nach der Jahrtausendwende konnte er das Bauerngut Sitenrain erwerben. 2006 wurde der brachliegende Steilhang an prächtiger Lage mit Reben bepflanzt. Die Wahl fiel auf den weissen Solaris und den roten Maréchal Foch, Kreuzungen zwischen amerikanischen und europäischen Sorten und damit pilzresistenter als die klassischen Traubensorten. «Wir können auf chemische Schädlingsbekämpfung verzichten. Und auch der im Bioweinbau erlaubte Einsatz von Schwefel und Kupfer ist geringer als in konventionell arbeitenden Betrieben», sagt Nora Breitschmid. Die Winzerin liebt den Solaris. Die frühreife Sorte ist verrieselungsanfällig, bringt es aber auf hohe Öchslegrade bei knackigen Säurewerten. Der Wein zeigt sich vollmundig und aromatisch. Begeistert erzählt sie, dass ihr Solaris 2014 jüngst den Preis von Bio­ Suisse für den besten Bioweisswein gewann. Die Breitschmids wollen ihn zukünftig selber vinifizieren. Bis dato wurde die Ernte in Ottigers Keller gekeltert. Ein Projekt für einen Weinkeller im renovierungsbedürftigen Bauernhaus liegt in der Schublade.


Nora Breitschmid (hier mit Benno Schwager) bildete sich autodidaktisch zur Winzerin aus. / © Jakob Ineichen

Reizvolle Pläne
Bevor wir wieder den Anker lichten, schauen wir noch bei Karl Sigrist an der Dorfgrenze zu Merlischachen vorbei. Sigrist betreibt dort direkt am See mit seiner Familie ein Unternehmen aus Weinhandlung, Weinerzeugung, Brennerei und Bed & Breakfast. Berühmt ist er für seine Spirituosen. Doch auch die Weine aus der 1991 gepflanzten Seeparzelle – Cuvées aus den Sorten Riesling-Silvaner, Sauvignon Blanc, Pinot Noir und Garanoir – haben einen guten Ruf. Und: Sigrist beginnt bald mit der Errichtung eines neuen Kellers. Die Pläne versprechen einen architektonisch reizvollen Bau. Danach will er seine Rebfläche auf 2,5 Hektar vergrössern.


1. Bioweingut Sitenrain, 2. Weinbau Ottiger, 3. Weingut Letten, 4. Rebgut Tellen, 5. Weingut zum Rosenberg; / Illustration: Artur Bodenstein

BILDERSTRECKE: Die besten Weine aus der Region

Mehr zu den Weinen, die rund um den Vierwaldstättersee wachsen können Sie in der Schweiz-Ausgabe des Falstaff-Magazins 07/15 lesen.

(Von Martin Kilchmann)

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