Havanna: Die Reife-Prüfung

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Unter den eingefleischten Wein-Fans gibt es eine makabre Bezeichnung für das Trinken eines zu jungen Bordeaux: Kindermord! Zwar kann man dieses Urteil seit einigen Jahren nicht mehr verallgemeinern, denn eine Vielzahl von Weingütern vinifiziert ihren Wein mittlerweile im Stil der neuen Welt: fruchtig, zugänglich, jung trinkbar und demzufolge auch ohne grosses Alterungspotenzial. Aber dennoch gibt es diese Weine, die noch zu Beginn verschlossen, nahezu rustikal wirken, vor allem, weil das Barrique-Holz noch im Vordergrund steht. Erst nach Jahren entwickeln diese Weine ihren wahren Charme.

Das lässt sich analog auf Zigarren übertragen. Wenngleich, da ist sich die Fachwelt einig, nur auf Havannas. Das liegt an den charakteristischen kubanischen Tabaken, die einer Reifung bedürfen – als Rohtabak und vor allem, wenn sie zu einer Zigarre verarbeitet wurden. 

Aged Cigars

Denn nach der Marriage der unterschiedlichen Tabake, also der geschmacklichen Verbindung, bedürfen diese Zigarren häufig einer längeren Reifung oder – wie man weltweit sagt – eines «Aging».

Natürlich gibt es Ausnahmen. Nehmen wir als Beispiel die Cohiba Siglo VI, die 2003 vorgestellt wurde. Stante pede wurde sie für viele Havanna-Fans zur besten Havanna des Standardprogramms. Cohiba wurde seinem Ruf gerecht, speziell ausgesuchte Rohtabake zu verwenden, die entsprechend bereits einen Reifungsgrad mitbringen. 

Das schliesst natürlich nicht aus, dass die damals vorgestellten ersten Siglo VI nach einer Reifung noch besser geschmeckt hätten. Es gilt festzuhalten, und damit seien Zigarren anderer Länder miteinbezogen, dass eine Zigarre ihren Standard über diverse Jahre hält. Häufig verändert sich also ihr Geschmack nicht bemerkenswert. Im Falle einiger Havannas brauchen sie aber eben ein «Aging», um das volle Aroma zu entfalten.

Ein Beispiel ist die aktuelle Bolívar Tesoros Edición Regional 2016 für Deutschland, Österreich und Polen, die an die ebenfalls limitierte Bolívar Especiales No. 2 aus 2009 erinnert. 

Beide zeigten beziehungsweise zeigen zu Anfang bereits die für die Marke typischen Aromen, aber gleichzeitig auch ihr Entwicklungspotenzial. Die Tesoros ist jetzt schon eine der besten neuen Havannas der letzten Jahre, aber sie wird erst in wenigstens zwei Jahren ihren Höhepunkt erreichen. 

Grundsätzlich empfehlen sich übrigens beim Kauf von Havannas, deren Reifung man beobachten möchte, Ediciónes Limitadas, Reservas und Gran Reservas.

Perfekte Lagerung

Wie merkt das nun der Raucher, und was kann man bezüglich der Lagerung beachten? In erster Linie zählt natürlich der persönliche Geschmack: Man möge die Zigarre ruhig rauchen, wenn sie konveniert. Wie beim Wein setzt die objektive Beurteilung aber Erfahrung voraus. 

Die beim jungen Bordeaux erwähnten Attribute lassen sich auf Zigarren übertragen. Noch nicht gereift, fehlen ihnen die ausgeprägten, zum Teil auch filigranen Aromen, die Subtilität, oder man könnte auch sagen: Sie wirken eindimensional im Geschmack. Es empfiehlt sich also der Kauf von wenigstens einer Kiste! Alle sechs Monate probieren, Notizen vergleichen, und dann kommt man irgendwann zum Eindruck: Der Höhepunkt ist erreicht. Über kurz oder lang wird auch der grösste Humidor nicht reichen, um Kisten zu lagern, und ein Klimaschrank muss her. 

Stellt sich noch die Frage, ob der Aficionado nicht wie beim Wein den Händler seines Vertrauens wegen einer gereiften Havanna anfragen sollte. Diese Frage wird nur selten zum gewünschten Ergebnis führen. Denn nur grosse, spezialisierte Händler lassen die Havannas reifen. Sobald einmal die Steuermarke auf der Kiste ist, bleibt dieser Preis in den meisten euro-päischen Ländern nämlich zementiert. 

Der Händler kann also die Kosten für die Zigarrenlagerung nicht weitergeben. Und ob beispielsweise von der genannten limitierten Bolívar in einem Jahr auch nur noch eine einzige Kiste verfügbar sein wird, ist fraglich. 

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 03/2017

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