Günther Jauch feiert zehnjähriges Winzer-Jubiläum

Günther Jauch

© Getty Images

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Falstaff: Sie sind jetzt zehn Jahre Eigentümer des Weinguts «von Othegraven» an der Saar. Sind Sie im Weingut und in der Weinbranche angekommen?
 
Günther Jauch: Im Juli waren es zehn Jahre, verhandelt haben wir aber schon Monate davor. Ich hatte damals noch die grosse politische Talkshow bei der ARD und wusste anfangs nicht, wie ich das alles zeitmässig hinbekomme. Aber es ging dann doch, wie sie sehen. Also ja: angekommen.
 
Und ist alles so gekommen, wie Sie erwartet haben?
 
Ja. Hmm. (längere Pause) Und nein. Wir wussten, dass wir uns auf ein grosses Abenteuer einlassen. Schlichtweg schon deshalb, weil meine Frau und ich damals so gar keine Ahnung von Wein hatten.
 
Gar keine?
 
Wir haben ab und zu in einem Restaurant einen Wein bestellt. Das war's aber auch schon.
 
Was waren die grössten Probleme auf Othegraven?
 
Was wir unterschätzt haben war, wie sehr das Weingut ökonomisch noch in vergangenen Zeiten feststeckte. Die Arbeitsabläufe im Keller waren umständlich, es gab keinen Raum, Flaschen auch mal länger zu lagern und das ganze Gutshaus versprühte noch den Charme seiner Bauzeit. Ich war fasziniert davon, dass das Weingut noch genauso aussah, wie ich es 1968, als Zwölfjähriger, das letzte Mal gesehen hatte. Aber mit dieser Faszination gelingt kein ökonomischer Neustart ins 21. Jahrhundert.
Wir dachten auch: Wenn wir uns da jetzt mit vollem Engagement reinstürzen, läuft es bald von ganz alleine. Nur ist das aber in der Weinwelt gerade nicht so. Weingüter sind wie Supertanker: Wenn der mal Fahrt aufgenommen hat,  kann der im offenen Meer auch nicht so schnell wieder wenden. Das braucht Zeit.
 
Was war entbehrlich?
 
Ganz zu Beginn kamen neunmalkluge Unternehmensberater, die uns erklärten, dass wir den Namen des Weinguts auf «Weingut Jauch» ändern und das Etikett mit dem Wer-wird-Millionär-Siegel versehen sollten, um den Wein dann «Millionärswein» zu nennen.
 
Wurden diese Leute nicht gleich wieder hinauskomplimentiert?
 
Ja, wurden sie.
 
Und was war unentbehrlich?
 
Das ins Detail gehen. Das Ausarbeiten längerfristiger Konzepte. Ich gebe ein Beispiel: Wir haben damals nach der Übernahme nur sehr wenig Kabinettweine verkauft. Was verwunderlich war, denn Kabinettweine, mit ihre leichten Süsse und dem Spiel mit Säure, sind ja Weine, die fast ausschliesslich mit Mosel und Saar in Verbindung gebracht werden. So haben wir uns zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr fünfzig Prozent mehr Kabinettweine zu verkaufen, haben an den Schrauben gedreht und das hat auch geklappt. Gerade hat  einer unserer Kabinettweine auch die Auszeichnung als bester Kabinett Deutschlands bekommen. Und der zweite ist nach Egon Müller auf Platz 3 gelandet. Das hat uns sehr gefreut, aber über Nacht geht sowas eben nicht.

Wie viele Flaschen füllt man auf Othegraven zur Zeit im Jahr ab?
 
Derzeit liegen wir in guten Jahren bei etwa 100'000 Flaschen. Als wir begannen, hat das Weingut die Trauben von zehn Hektar Weingärten verarbeitet. Zum Überleben war das zu wenig. Jetzt haben wir sechzehn Hektar, wissen aber auch, dass so ein altes Weingut nicht endlos wachsen kann. Bei zwanzig Hektar wäre definitiv Schluss.
 
Die meisten Weine sind trockene Weine, oder?
 
Ja, die Leute trinken eben gerne trocken, und fruchtsüsse Weine kommen erst langsam wieder als Alltagsweine zurück. Vor zehn Jahren wurden bei Othegraven 80 Prozent trockene und zwanzig Prozent fruchtsüsse Weine gekeltert. Heute sind es schon ein Drittel fruchtsüsse Weine, und meine Frau und ich hoffen noch erleben zu können, dass man auf Othegraven 50 Prozent trockene und 50 Prozent fruchtsüsse Weine auf die Flaschen zieht. Denn die fruchtsüssen Weine sind ja das Alleinstellungsmerkmal der Region und waren früher die teuersten Weissweine der Welt.
 
Bedarf es bei Othegraven noch des Namens Jauch?
 
Meine Frau und ich sagen immer: Wir sind das «Auswärtige Amt» des Weinguts, das Aussenministerium von Othegraven. Dazu gehören auch Events, die wir am Weingut veranstalten, denn das Haus und die Umgebung sind ja wie gemacht dafür. Dazu gehören aber auch Reisen wie diese heute nach Wien, wo wir unsere Weine einem interessierten Publikum vorstellen. Denn nicht jeder kommt zu uns an die hinterste Ecke der Saar.
 
Ist das Weingut Hauptwohnsitz geworden?
 
Nein. Wir sind zwar regelmässig dort, etwa einmal im Monat, mehr noch sind wir aber im Auftrag des Weinguts unterwegs. Am Weingut selbst hat unser Kellermeister Andreas Barth die Aufsicht. Er hat ja mit dem Lubentiushof an der Mosel noch sein eigenes, erfolgreiches Weingut und bringt jene Erfahrung mit, die wir brauchen, einen Betrieb dieser Grösse professionell zu führen.
 
Gibt es denn eine Lieblingslage?
 
Das ist jetzt natürlich eine oft gestellte Frage.
 
Mit wahrscheinlich der immer gleichen Antwort: Jede Lage ist uns gleich lieb.
 
Natürlich wissen wir die herausragenden Vorteile der Lage «Kanzemer Altenberg» zu schätzen, die ja bei Othegraven die meist genannte, die prominenteste Lage ist. Aber wir haben insgesamt vier Grosse-Gewächs-Lagen und alle unsere Weine, auch die einfachen, werden aus den Trauben nur dieser Lagen gekeltert. Bei vier herausragenden Lagen ist es schwer, eine besonders hervorzuheben. Wir haben eben ausschliesslich Grosse Lagen und da fällt es schwer, ein Ranking aufzustellen.
 

Vier Grosse-Gewächs-Lagen: Das bedeutet, dass Sie auch 100'000 Flaschen Grosse Gewächse abfüllen könnten?
 
Theoretisch ja. Das bedeutet, dass wir noch genauer hinsehen müssen, was wir aus dem Lesegut machen, wie wir unsere Weine voneinander unterscheiden. Denn niemand will von einem Weingut ausschliesslich Grosse Gewächse trinken. 
 
Würden Sie sich heute, nach zehn Jahren Othegraven, als Winzer bezeichnen?
 
Sehen Sie es so: Beim Fernsehen kenne ich mich aus, das ist meine Profession. Und Fernsehen mache ich ja immer noch. Wenn Sie mich fragen, ob ich jetzt Winzer bin, dann würde ich sagen, ich bin heute zu einem Drittel TV-Moderator, zu einem Drittel Eigentümer eines Weinguts und zu einem Drittel «Restaurantentwickler».
 
Das ist ein gutes Stichwort. Sie haben in Potsdam gemeinsam mit Tim Raue ein Restaurant gegründet und wurden auch gleich von einem Gourmetführer zum «Gastronom des Jahres» gewählt.
 
Das Restaurant ist in einer Villa. Top Gebäude, top Umgebung, alles perfekt. Aber die Villa stand zehn Jahre leer. Ich wohne in der Nähe und mir blutete das Herz, dabei zuzusehen, wie das Haus verfiel. Ich habe also dem Eigentümer immer wieder vorgeschlagen, sein Objekt zu kaufen und nach dem gefühlt zwanzigsten Mal hat er dann eingeschlagen. Erst dann habe ich angefangen nachzudenken, was der Ort hergibt. Ich wollte, dass es wieder ein öffentlicher Platz wird. Museen und Cafés gibt es genug in Potsdam. Also ein Restaurant, wie es das von der Location her kein zweites Mal gibt. Mit dem einmaligen Tim Raue als kulinarischem Direktor.
 
Wie kam Tim Raue ins Spiel?
 
Als die Villa dann halbwegs zum Lokal geriet, habe ich einige befreundete Gastronomen gefragt, was sie da draus machen würden. Ich wollte die gar nicht ins Lokal holen, sondern nur fragen, ob sie von jemanden wissen, der was Neues sucht. Tim Raue kannte ich gar nicht richtig, aber er kam gleich am nächsten Tag raus und blieb fünf Stunden. Der hatte sich in die Villa schockverliebt. Da war dann auch schnell klar, dass er die Küche übernimmt.
 
Tim Raue ist aber ein komplett anderer Mensch als Andreas Barth.
 
Beide haben ihre eigenen Unternehmen hochgezogen, beide sind Profis in ihrem Metier, die selber viel erreicht haben. Was stimmt: Raue pflegt, sagen wir mal, ein offenes Wort zu führen und geradeaus und rau zu sagen, was er denkt. Das kommt mir aber nicht ungelegen, und so gab es ein paar intensivere Diskussionen, wo wir uns gegeneinander die Hörner abgestossen haben. Wo er sich besser auskennt, habe ich ihn machen lassen. Wo ich mich besser auskenne, wo ich mehr Erfahrung habe, hat er mich machen lassen. Am Ende hat es gepasst. 

Sie wurden gleich zum «Gastronom des Jahres» gewählt. Das ist ja wie Barack Obamas schneller Friedensnobelpreis.
 
Mit dem Unterschied, dass Obama schon neun Monate im Amt war und ich erst sechs Wochen geöffnet hatte.
Nein, Sie haben recht. Ich sehe mich auch gar nicht als Gastronom, dafür fehlt mir schon jede Erfahrung in der Küche. Gewürdigt wurde mit dem Titel auch nur die Realisierung einer Idee, die ich sehr früh hatte und bei der ich konsequent darauf geachtet habe, auch bei Details das Sagen zu haben.
 
Auch hier braucht es wieder ihre Prominenz. Hadern Sie damit?
 
Prominenz kann positive und negative Auswirkungen haben. Da ist einerseits der Neugiereffekt, der die Leute im Restaurant einen Tisch reservieren lässt. Aber die kommen nicht wegen mir, sondern vor allem wegen Tim Raue. Und da sind dann jene, die sagen: Jetzt ist der ohnehin schon gross im Fernsehen. Warum macht er sich da auch noch mit einem Weingut und einem Restaurant wichtig? Das müssen wir jetzt nicht unbedingt auch noch unterstützen. Am Ende halten sich positive und negative Effekte der sogenannten Prominenz bestenfalls die Waage.
 
Zuletzt will ich noch eine weitere Jauch-Veröffentlichung ansprechen, nämlich die beiden «Jauch-Weine», die Sie gemeinsam mit Andreas Barth für Aldi gekeltert haben. War das ein einmaliges Projekt?
 
Keineswegs. Wir setzen das Projekt fort. Uns war wichtig, dass es im Einstiegsbereich beim Discounter einen deutschen Weisswein und einen deutschen Rotwein gibt; Weine, die die Kunden auch mal von den dort marktbeherrschenden Weinen aus Südafrika oder Australien wegholen. Wir haben in Deutschland genug Potential, hervorragende einfache Weine selber zu keltern. Wenn mein Name hier eine Hilfe ist, das aufzuzeigen und zu beweisen, dann soll mir das nur recht sein. Die Weine sind im Sortiment absolute Renner, weil sie den Leuten schmecken. Und genauso soll es sein.

von-othegraven.de

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