Grosse Solidarität mit Charles Schumann

Charles Schumann.

© Michael Wilfing

Charles Schumann.

© Michael Wilfing

Normalerweise sorgt Europas grösste Bar-Messe «Bar Convent Berlin» (BCB) als eine Art vorverlegte Weihnachtsfeier der Branche für Stimmung. Doch dieses Jahr setzten Abwesende die Agenda: Der Shitstorm gegen die Münchener Bar-Legende Charles Schumann dominierte die Gespräche unter den deutschsprachigen Bartendern schon seit dem Auftakt der dreitägigen Messe, der Verleihung der «Mixology Bar Awards».

Aus dem Nichts war Schumann ins Feuer einer «Metoo»-Debatte der Sozialen Netzwerke geraten, befeuert insbesondere von Akteuren jenseits des Atlantiks. Unmittelbar nach der Verleihung des «Industry Icon»-Preises durch die «The World's 50 Best Bars»-Organisatoren in London postete die New Yorker Bartenderin Julie Reiner («Leyenda») den Vorwurf, man hätte mit Schumann einen «Sexisten» und «Frauenhasser» («misogynist») geehrt. Als Beleg wurden alte Interview-Fetzen aus dem «Playboy», der «Japan Times» und – einigermassen absurd – aus einem unaufgeregten Gespräch Julie Reiners mit Schumann aus seinem vor zwei Jahren erschienenen Film «Bargespräche» (Regie: Marieke Schroeder) zitiert. Tenor: Frauen sollten nach drei Uhr früh nicht in einer Bar arbeiten. 

#Notmyicon?

Während Schumanns alte Zitate – ohne jeglichen Kontext – viral gingen und schnell Hashtags wie «Notmyicon» bzw. «womenbehindthebarafter3» kreiert wurden, erhielt das «Schumann's» den Bar-Award für das «Beste Bar-Team» und den erstmals vergebenen Preis als «Bar-Ikone des Jahres». Die Betroffenheit Schumanns über den plötzlichen Hass war bei aller Coolness, die ein Markenzeichen des Münchners ist, auf der Bühne spürbar: «Was mir viele gewünscht haben im Internet, dass ich bald tot sein soll – da bin ich schon ein bisschen traurig. Weil da waren auch Menschen dabei, die ich sehr gut kenne. Also ich kann denen nur sagen, dass ich mein ganzes Leben lang nie getrunken habe und werde wahrscheinlich noch länger arbeiten, als sie je gearbeitet haben oder noch arbeiten werden». Kämpferisch wurde er dann zwei Sätze später: «Dass es weitergeht, dass diese Bar nicht untergeht, dass wir uns nicht fertig machen lassen von irgendwelchen Leuten (…). Ich bin sehr neugierig weiterhin und wissbegierig und denke vor allem, die vielen jungen Leute, ob Männer oder Frauen, werden unsere Barkultur ganz sicher weiterbringen.»

Offener Brief, Respekt und eine Ausladung

Unterstützung bekam Schumann von Magdalena Karkosz, die als Bartenderin und Moderatorin des Gala-Abends in Berlin «zutiefst schockiert» einen bewusst auf Englisch gehaltenen «Offenen Brief» verlas. Nach dem Hinweis, dass ganz selbstverständlich Frauen unter den mehr als 70 «Schumann's»-Mitarbeitern zu finden sind, endete sie mit den Worten: «I feel ashamed for your words, it's disgusting and shame on you.» («Ich schäme mich für eure Wortmeldungen, die eklig sind, Schande über euch.») Ironischerweise sprach auch Mario Kappes für den Sponsor des Preises, Nikka Whisky, Charles Schumann seinen Respekt aus – während die japanische Zentrale tags darauf per Mail seine Einladung als Jury-Mitglied beim Cocktail-Wettbewerb «Perfect Serve» widerrief.

Allerdings goss der Aufruf der deutschen Bar-Szene zu mehr Differenzierung zwischen den missverständlichen und antiquierten Aussagen, noch mehr Öl ins Feuer. Der Hamburger Bar-Kollege Jörg Meyer («Le Lion»), aber auch die in London tätige Christina Schneider («Bibendum») bekamen das in ihren Bemühungen um eine sachliche Diskussion via Facebook mehrfach zu spüren. «Fuck that guy», «Stop giving awards to assholes», «shit head», war in den Kommentaren zu lesen.

Entschuldigung

Schumann selbst hat sich in einem ausgewogenen Statement entschuldigt, das für ihn unüblich auf Facebook geteilt wurde: «Ich schätze gute Barkeeperinnen völlig unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Alter.» Weiters stellte er klar, dass er nie bezweifelt habe, «dass Frauen Barkeeperinnen sein können. Natürlich gehören Frauen vor und hinter die Bar.
Es tut mir aufrichtig leid, wenn meine Aussagen […] die Gefühle von Mitgliedern unserer Bar-Gemeinschaft verletzt haben. Ich bitte diese hiermit in aller Form um Entschuldigung.»

«Ich gebe den Preis zurück. Ich will ihn nicht mehr.»

Vielmehr seien die universalen Werte der Gleichheit seit mehr als 55 Jahren Basis seiner Arbeit gewesen. Dass sich davon jede(r) in seiner Bar überzeugen kann, liess Schumann ebenfalls durchblicken. Denn nur allzu deutlich wurde, dass etliche Moralisten jenseits des Atlantiks die konkrete Arbeit des weltbekannten Bar-Besitzers und seine seit 1982 existierende Wirkungsstätte gar nicht kennen.

Womit für Charles Schumann die Reaktion klar war, nachdem er sich in Berlin sowohl mit dem Herausgeber der «Mixology», Helmut Adam, als auch der «The World´s 50 Best Bars»-Liste, Hamish Smith, besprochen hatte: «Im Hinblick auf die Kontroverse um meine Person (…) gebe ich hiermit den Preis zurück. Ich will ihn nicht mehr.» Eine Entscheidung, die erneut viele Bartender – etwa der Kölner Yared Hagos oder Zoltan Nagy aus der «Boutiq Bar» in Budapest – nachvollziehen konnten, deren Berufsverständnis der 78-jährige Bayer geprägt hat wie niemand sonst.

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