Georgien: Wiege des Weins

Mannshohe Terrakottagebinde, sie heissen Kvevris, warten auf ihren zukünftigen Einsatz.

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Mannshohe Terrakottagebinde, sie heissen Kvevris, warten auf ihren zukünftigen Einsatz.

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Seit Tausenden Jahren werden im Kaukasus Weintrauben in grossen, direkt in den Boden eingelassenen Terrakottagefässen zu Wein vergoren. Die jüngsten archäologischen Befunde verorten die Wiege der Weinkultur in der georgischen Region Kvemo Kartli. Dort hat die Menschheit das Weinmachen erfunden.

Die Methode dabei wurde zwar bis heute tradiert, doch die internationale Weinwelt wurde erst durch das Engagement der Slow-Food-Bewegung auf das Vinifizieren in amphorenartigen Tongefässen aufmerksam. Und das kam so: In den frühen 1990er-Jahren reisten einige italienische Winzer nach Georgien, sie waren danach von dieser uralten Art des Weinmachens so angetan, dass sie zu Hause ihre Weine ebenfalls in den riesigen Tongefässen entstehen liessen.

Handarbeit

Mit dem wachsenden Interesse an «Natural Wines» begannen sich weltweit immer mehr Winzer vor allem zur Herstellung ihrer «Orange Wines» für Kvevris – so werden in Georgien die Tongefässe bezeichnet – zu interessieren. Die Schwierigkeit dabei besteht in der Beschaffung der Kvevris, denn nur noch fünf Familien in Georgien beherrschen die Kunst, diese bis zu 2.000 Liter fassenden Gebinde in Handarbeit herzustellen. Bis zu acht Wochen benötigt man für einen grossen Kvevri-Rohling, der dann sieben bis zehn Tage bei rund 1.000 Grad Celsius gebrannt wird.

Weinbau in Georgien

Weinbau in Georgien: Vor Tausenden Jahren entstanden in der Region Kvemo Kartli die ersten Weine der Welt.

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Und so wird ein klassischer Kvevri-Wein in Kachetien hergestellt: Zunächst werden die Trauben – weisse wie rote – ungerebelt leicht angepresst. Traditionell erfolgte dies mit den Füssen in einem ausgehöhlten Baumstamm, dem Satsnakheli. Dann geht es in den Kvevri, für wie lange, hängt von Weinart und Winemaker ab. Kachetien im Südosten des Landes hat die längste Verweildauer, hier wird auch am meisten Gerbstoff ausgelaugt. Richtung Westen wird die Zeit im Ton kürzer, es wird auch entrappt oder gar nur der Most ohne Beerenhäute vergoren. Am Ende der Gärung werden die Deckel der Kvevris mit Ton verschlossen und erst wieder geöffnet, wenn der Wein fertig gereift ist. In Georgien wurden diese Weine stets in kleinen Mengen für den Familienkonsum hergestellt und nur selten überhaupt in Flaschen gefüllt und gehandelt. Mit der wachsenden internationalen Nachfrage erlebt diese Produktionsweise in Georgien eine gewisse Renaissance, und so sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Labels auf den Markt gekommen. Zahlreiche spezialisierte Weinbars in Tiflis, dem «Mekka des Amber Wine», widmen sich heute dem Thema.

«Georgiens Weine werden in Zukunft am Weltmarkt sicher eine tolle Figur machen.»
Patrick Honnef CEO, Château Mukhrani

TASTING GEORGIEN

Der traditionelle Weinausbau in grossen Kvevris wurde 2013 in die Liste des «Immateriellen Kulturerbes der Menschheit» aufgenommen, und im Herbst 2017 widmete die Cité du Vin in Bordeaux der georgischen Weinkultur ihre erste grosse Sonderschau.

Etwa zwei Drittel der georgischen Rebfläche sind mit Rotwein bepflanzt, die Zahl der autochthonen Rebsorten ist enorm, 525 eigenständige georgische Rebsorten sind bekannt. 38 Sorten sind für den kommerziellen Weinbau zugelassen.

Die Schreibweise der Namen kann in der Übersetzung aus dem Georgischen stark variieren: Statt Goruli Mtsvane kann auch Coruli Mzwane, statt Khikhvi kann Chichwi oder Kisi statt Qisi auf dem Etikett stehen.

Viele bekannte Weine Georgiens tragen Herkunftsbezeichnungen, die oft auch für einen regionaltypischen Stil stehen. Auch hier kann der rote Kindzmarauli als Kindsmarauli oder der weisse Tsinandali als Zinandali bezeichnet werden. So ist es gang und gäbe, dass auf georgischen Weinkarten Rebsortenweine und Herkunftsweine munter durcheinander angeführt werden. Rkatsiteli ist die verbreitetste Rebsorte Georgiens und nimmt rund die Hälfte der gesamten Rebfläche ein. Reinsortige PDOs (Appellationsweine mit geschützter Herkunft) aus Rkatsiteli heissen Vazisubani, Gurjaani, Kakheti, Kotekhi und Napareuli sowie der fortifizierte PDO Kardanakhi, den nur mehr ein einziger Betrieb herstellt. Rkatsiteli wird auch mit Kisi, Khikhvi oder Chardonnay verschnitten und eignet sich gut für die Herstellung im Kvevri. Mtsvane Kakhuri und Khikhvi sind weitere typische Sorten in Kachetien.

Barriquekeller im Château Mukhrani
Barriquekeller im Château Mukhrani

© Peter Moser

Die aktuell spannendsten weissen Kvevri-Weine entstehen aus der feinaromatischen Sorte Kisi mit ihrem Anklang an getrocknete Marillen. Immer öfter wird diese Traube aber auch klassisch trocken im Stahltank ausgebaut, seltener reift sie im Holzfass.

Der Tsinandali PDO aus der Region um Telavi in Kachetien ist eine Cuvée der Weissweinsorten Rkatsiteli und Mtsvane Kakhuri im Verhältnis 85 zu 15 – und der Herkunftsname des bekanntesten Weissweins aus Kachetien. Dieser wird bis zu zwei Jahre im Holzfass gereift. Der erste Jahrgang dieses Weins wurde 1886 erzeugt. Tsinandali ist ein Stadtteil von Telavi, die Trauben für diesen von zahlreichen Betrieben erzeugten Traditionswein kommen aus dem Alazani-Tal. In Kartli findet manansprechende Weissweine aus den Sorten Coruli Mtsvane (floral, Limette) und der rassigen Chinuri, etwas Chkapa und Terti Budeshuri und natürlich aus der omnipräsenten Rkatsiteli.

Die einzige PDO in Kartli ist der legendäre weisse Atenuri, ein prickelnd-frischer Wein aus Chinuri, manchmal mit etwas Coruli Mtsvane oder Aligoté verschnitten, erkennbar an einem Hauch von Minze. In Imeretien ist die honigtönige Tsitska (Quitte, Birne) zu finden, die langlebige Tsolikouri (Melone, Blumen) ist in Westgeorgien weit verbreitet und wird trocken zum PDA Sviri ausgebaut, wo sie auch mit Anteilen aus Tsitska und Krakhuna (rassig, Banane, sehr selten) vermählt werden darf. Reinsortig, dafür mit Restzucker, entsteht aus ihr in Lechkhumi der PDO-Wein namens Tvishi.

Patrick Honnef leitet seit vier Jahren das Weingut Château Mukhrani. 

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Saperavi ist die meistangebaute Rotweinsorte Georgiens, aus ihr entstehen auch die besten Kvevri-Rotweine. PDO (Protected Designations of Origin) in Kachetien für trockene PDO-Rotweine aus Saperavi sind Mukuzani, Kvareli, Napareuli.

Die PDO Teliani in Kachetien ist – man höre und staune – für Cabernet Sauvignon reserviert. Sehr gute Ergebnisse werden heute mit den Sorten Tavkveri und Shavkapito erzielt, die beide ursprünglich aus Kartli stammen. Die spät reifende Tavkveri ist heute im Westen Georgiens anzutreffen, aus ihr werden sowohl Rosé- wie auch Rotweine erzeugt, sie eignet sich gut für die Verarbeitung im Kvevri. Shavkapito war fast ausgestorben und ergibt eigenständige Weine mit einem exotischen, rauchigen Touch.

Die Sorte Otskhanuri Sapere ist farbintensiv und reift spät, sie gilt als die beste unter den roten Sorten der Region Imeretien. Erst nach dem ersten Frost erntet man die graublauen Trauben der Chkhaveri, die im äussersten Westen in den Gebieten von Adjara und Guria, aber auch in Abchasien wächst und je nach Mazerationszeit kraftvolle Weiss-, Rosé- oder auch helle Rotweine ergibt. Der liebliche rote Khvanchkara-PDO in Racha-Lechkhumi, der auf den Südhängen des Rioni-Tals wächst, wird aus den roten Sorten Aleksandrouli und Mujuretuli gekeltert. Khvanchkara ist vor allem beim russischen Publikum von jeher sehr gefragt. Im 19. Jahrhundert war diese Region für den Rotwein des Prinzen Kipiani bekannt, ein Wein, der als der «Burgunder des Kaukasus» galt.

Georgisches Weingut

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FACTS

Georgischer Wein am Weltmarkt
Georgiens Weinexporte haben sich im Zeitraum von Jänner bis Oktober 2017 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs mehr als verdoppelt. Rund 61 Millionen Flaschen wurden in fünfzig verschiedene Länder ausgeführt. Der traditionell mit grossem Abstand grösste Abnehmer der georgischen Weine war Russland mit mehr als 38 Millionen Flaschen, gefolgt von der Ukraine mit 6,2, China mit 6, Kasachstan mit 2,6 und Polen mit 2,15 Millionen Flaschen. Zuwächse von mehr als 50 Prozent gab es auch in westlichen Ländern, dort bewegen sich die Zahlen allerdings noch auf einem ganz anderen Niveau. Die USA kamen in den ersten zehn Monaten 2017 auf knapp 400.000 Flaschen, Deutschland auf 367.000 und Frankreich auf knapp 100.000 Flaschen. 

Georgien in Zahlen
Anbaufläche: 48.000 Hektar
(zum Vergleich: D: 102.000, Ö: 46.000, CH: 14.780)
Erzeugte Weinmenge: 0,8–1,3 Mio. hl p. a.
(zum Vergleich: D: 7,5 Mio. hl, Ö: 2,4 Mio. hl, CH: 1 Mio. hl)

TASTING Georgien

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Falstaff Nr. 01/2018
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