Genuss-Gespräch mit Konrad Paul Liessmann

Der Philosoph und Publizist hat auch selbst mehrere Bücher verfasst, sein jüngstes erscheint im April.

© Vukovits Martin / Verlagsgruppe News / picturedesk.com

Liessmann vor einem Teil seiner Bibliothek: Der Philosoph und Publizist hat auch selbst mehrere Bücher verfasst, sein jüngstes erscheint im April.

Der Philosoph und Publizist hat auch selbst mehrere Bücher verfasst, sein jüngstes erscheint im April.

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FALSTAFF: Unser aller Leben steht jetzt seit mehr als einem Jahr unter dem Einfluss der Corona-Pandemie und der sich daraus ergebenden Einschränkungen – vor allem auch im Bereich der Gastronomie. Rundheraus gefragt: Wie steht es um Ihre Kochkünste?
Konrad Paul Liessmann:
Nun, ich bin ein Fan der arbeitsteiligen Gesellschaft: Jeder soll das tun, was er gut kann. Das Kochen zählt nicht zu meinen Stärken. Deshalb bin ich auch recht häufig und gerne essen gegangen.

Da drängt sich natürlich die Frage auf, wie Sie in den vergangenen Monaten zurechtgekommen sind, nachdem fast alle Lokale covidbedingt geschlossen hatten …
Na ja, es gibt verschiedene Möglichkeiten. In der Not beginnt man auch selber zu kochen, oder es gibt jemanden, der für einen (mit)kocht. Oder man holt sich das Essen von einem Restaurant oder Gasthaus. Also ich verhungere auch in Corona-Zeiten nicht, ganz im Gegenteil: Das Essen hat jetzt einen anderen Stellenwert.

Weshalb das?
Im Fokus steht jetzt die nackte Nahrungsaufnahme, weil das soziale und kulturelle Ambiente, das das Essen zumindest in meinem Fall in der Regel umgeben hat – das Geschäftsessen, das Abendessen mit Freunden oder den Restaurantbesuch nach einer Theater- oder Opernaufführung –, nun wegfällt. Was bleibt, ist das Unmittelbare: Wie komme ich an eine Mahlzeit?

Konrad Paul Liessmann

© Nina Goldnagl / picturedesk

Und wie ist das für Sie?
Interessant. Eine meiner Erfahrungen ist, dass es unter diesen Bedingungen schon gewisser Anstrengungen bedarf, wenigstens einen Hauch dessen aufrechtzuerhalten, was man »Kultivierung« nennen könnte. Also Essen als sozialer, kultureller Akt, Essen als Akt, der eine ästhetische Atmosphäre benötigt. Denn derzeit kann man nicht in ein schönes Restaurant gehen, sondern sitzt womöglich immer in derselben Küche, mitunter sogar alleine. Da trotzdem dafür zu sorgen, dass irgendetwas Geschmackvolles – im doppelten Sinn – auf den Tisch kommt, ist ganz wichtig. Denn wir tendieren in der häuslichen Zurückgezogenheit leider dazu, uns gehen zu lassen.

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier sagte einmal sinngemäss: Wenn man es sich eines Tages erlaubt, seine Kaffeetasse direkt auf den Tisch und nicht mehr auf die Untertasse zu stellen, ist das der Beginn des Untergangs.
Genauso wie mein Freund Köhlmeier sehe ich das auch.

Was sagen Sie jenen Menschen, die nun einwenden, dass es völlig egal sei, ob man den Schinken direkt aus der Verpackung oder von einem Teller isst, wenn man ohnehin alleine ist.
Ich sage ihnen: Es ist nicht egal, weil wir Menschen sind und keine Tiere. Tiere bereiten ihre Nahrung nicht zu, sondern verzehren sie unmittelbar. Menschsein bedeutet, zu gestalten und allem eine Form zu geben. Diese kann gelungen, raffiniert, einfach oder unbedarft sein, das ist nicht das Entscheidende. Bei Menschen wird die Nahrungsaufnahme zu einem sozialen Ritual. Nur Einsiedler und Asketen haben alleine gegessen, sofern sie nicht gerade gefastet haben.

Man darf nicht vergessen, dass viele Speiseordnungen einen religiösen Hintergrund haben. Dabei geht es nicht ums Essen an sich, sondern um die Frage, was das Essen für das Verhältnis der Menschen zueinander bedeutet, und vielmehr noch um das Verhältnis der Menschen zu ihren Göttern. Im Ritual des heiligen Abendmahls verzehren Christen den Leib ihres Erlösers. Satt wird davon niemand. Religionen schrieben auch vor, wann die Menschen zu fasten und wann sie zu feiern hatten.

Aber auch im Gastrecht spielt das Essen eine zentrale Rolle. Wir wissen, wie beleidigend es in manchen Kulturen ist, wenn man als Gast Essen zurückweist. Kurzum: Essen ist, wie sonst vielleicht nur die Sexualität, umgeben von einem dichten Netz von Codes, Ritualen und politischen und gesellschaftlichen Bezügen. Und Essen war immer auch Demonstration und Zeugnis des sozialen Status. Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, in der eine ganz zentrale Frage war, wie oft man sich Fleisch leisten kann.

War das auch in Ihrer Familie ein Thema?
Ja, selbstverständlich. Fleisch war ein Luxusgut! Es gab zwar bei uns zu Hause immer genug zu essen, aber meist sehr einfache Speisen. Die meisten Zutaten kamen aus dem eigenen Garten. Und Fleisch gab es sehr selten, und manchmal hat auch nur mein Vater das Fleisch bekommen.

Wirklich?
Tatsächlich. Das heisst, Essen ist auch Ausdruck sozialer Rangordnungen und Hierarchien. Aber um noch einmal auf Ihre Ausgangsfrage zurückzukommen, also, ob es egal ist, wie man isst, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen wird: Alleine zu essen, ist etwas Unnatürliches, denn der Mensch ist ein soziales Wesen. Aber den Tisch auch zu decken, wenn man alleine isst, ist Ausdruck von Selbstachtung – das ist das eine. Das andere ist: Wenn man auch in dieser Situation Rituale, die allesamt eine soziale Bedeutung haben, aufrechterhält, dann lässt man die abwesenden anderen in gewisser Weise auch dabei sein. Indem man die Form einhält, erinnert man bei jeder Mahlzeit an sie.

Ein schöner Gedanke. Dennoch: Das gemütliche Zusammensein im Kaffeehaus oder in einem Restaurant ist unersetzlich, es fehlt unglaublich.
Ja, natürlich, da nehme ich mich nicht aus. Denn zumeist hat uns ja nicht der Hunger ins Gasthaus getrieben. Die Frage »Gehen wir etwas essen?« meint ja nie das Essen allein. Sie ist nur der Vorwand, unter dem anderes passieren kann. Ob das emotionale, geschäftliche oder erotische Dinge sind, ist egal. Essen ist immer eine Möglichkeit, dieses andere in die Kommunikation »einzuspeisen«.

Wider Willen befanden und befinden wir uns noch in einer sozialen Askese. Was motiviert Menschen, freiwillig asketisch zu leben? Welchen Genuss kann Askese überhaupt bringen?
Es gibt den Genuss an der Abwehr von Genuss. Es gibt den Genuss daran, den anderen zu zeigen, dass man verzichten kann. Der klassische Säulenheilige war ja nicht bescheiden, sondern hat der Welt demonstriert, wie sehr er seine körperlichen Bedürfnisse beherrscht. Wir bewundern Leistungssportler, die fortwährend trainieren und unglaubliche Entbehrungen auf sich nehmen. Verzicht ist in der Tat mit Lusterfahrung verbunden, weil man über sich selbst und damit auch über die anderen, die das nicht schaffen, triumphiert.

Stimmt, wenngleich ja auch Genuss mit Lustgefühlen verbunden ist …
Freilich, das schliesst einander ja auch nicht aus. Leibliche, aber auch geistige Genüsse verschaffen uns Lust, weil wir uns an etwas delektieren. Gleichzeitig schlägt exzessiver Genuss ins Gegenteil um. Völlerei verschafft keine kulinarische Lust mehr. Denken Sie an den Weinkenner auf der einen und den Trinker auf der anderen Seite: Wem würden wir mehr Genussfähigkeit und Lusterfahrung zutrauen? Doch nicht dem Trinker, der sich mit dem billigsten Fusel besäuft, um sich und seinen Kummer zu betäuben. Der wahre Weinkenner, der nur am Glas nippt, der auf die Traube, den Jahrgang, das Weinbaugebiet und das Weingut Wert legt, ist jener, der geniessen kann. Aber es darf ihm nur ja nicht passieren, einen schlechten oder billigen Wein zu loben, denn dann hätte er sich als Banause entlarvt. Und dann wäre es mit der Lust sehr rasch wieder vorbei.

Das Übermass hat etwas Abstossendes. Allerdings kann auch der Umgang mit Menschen, die sich alles versagen, die nichts geniessen können oder wollen, unglaublich mühsam sein …
Das ist völlig richtig. Das hat jedes Extrem an sich. Wobei es schon einen Unterschied gibt: Jemand, der wahllos Essen in sich hineinschaufelt, giert nur nach der Befriedigung seiner unmittelbarsten Bedürfnisse. Für ihn gibt es nichts darüber. Beim Asketen kommt etwas anderes hinzu: Weil es so widersinnig ist, seine Grundbedürfnisse zu strangulieren, braucht jede Askese einen theoretischen Überbau. Deshalb finden wir die grossen Asketen in Religionen und Ideologien. Darum gibt es auch heute keine Nahrungsaskese, die nicht mit einer unglaublichen Moral umgeben ist. Die genussfeindlichen Formen von vermeintlich gesunder Ernährung, wie wir sie erleben, haben Essen zum Religionsersatz gemacht.

Wenn diese Pandemie endlich überwunden ist, wird nichts mehr so sein wie zuvor, sagen manche Zukunftsforscher. Andere behaupten hingegen, wir alle werden das Bedürfnis haben, möglichst alles nachzuholen, was wir durch die Pandemie versäumt haben. Was denken Sie?
Ich denke, dass Corona weder unser Sozial- und Mobilitäts- noch unser Konsumverhalten oder unser Verhältnis zur Natur gravierend verändern wird. Je länger die Einschränkungen dauern, desto lauter wird das Zähneknirschen. Und wenn die Gefahr gebannt erscheint, werden wir, weil wir an unsere Gesellschaft, die Wirtschaft, die Technik und die Impfkunst glauben, wie der biblische Hiob alles Versäumte zweifach zurückhaben wollen: den Urlaub, die Restaurantbesuche, die entgangenen Festspiele und die Partys.

Demnach werden wir unser nächstes Gespräch hoffentlich wieder in einem Kaffeehaus oder beim Heurigen im Grünen führen können?
Ja, das wäre schön – wenn nichts dazwischenkommt.

«Corona wird unser Sozial- und Konsumverhalten kaum ändern», sagt Liessmann.

«Corona wird unser Sozial- und Konsumverhalten kaum ändern», sagt Liessmann.

© Nina Goldnagl / picturedesk.com


Zur Person

Der Pop-Philosoph Konrad Paul Liessmann wurde 1953 in Villach geboren. Er ist Professor für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Seit 1987 ist er zudem wissenschaftlicher Leiter des «Philosophicum Lech» und gilt als der bekannteste Philosoph Österreichs.

2004 erhielt er den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln, 2016 den Paul-Watzlawick-Ehrenring. Liessmann hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt «Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift» (2014), «Bildung als Provokation» (2017) und «Der werfe den ersten Stein» (2019). Am 19. April erscheint sein neuestes Buch, «Alle Lust will Ewigkeit» (Zsolnay Verlag).


K.P.L. im Genuss-Wordrap

Fast food:
«Nur im Notfall.»

Hauben-Restaurants:
«Ebenfalls nur im Notfall!»

Diätwahn:
«Wie der Name schon sagt: eine Wahnvorstellung, die weder schlank noch jung noch gesund macht.»

Schnaps:
«Eine klare Sache.»

Mega-Erlöse bei Weinauktionen:
«Entziehen sich meinem Verständnis. Nichts gegen einen guten Schluck; aber was zu viel ist, ist zu viel.»

Lieblingsspeise:
«Seit eh und je: Spaghetti aglio olio peperoncino.»


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Falstaff Nr. 02/2021
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