Französischer Armagnac: Still alive!

Alte Jahrgangs-Armagnacs der Kategorie «Hors d'Age» zählen zu den ganz grossen Spirituosen.

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Alte Jahrgangs-Armagnacs der Kategorie «Hors d'Age» zählen zu den ganz grossen Spirituosen.

Alte Jahrgangs-Armagnacs der Kategorie «Hors d'Age» zählen zu den ganz grossen Spirituosen.

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Er lebte in der Gascogne, der gute d’Artagnan, einer der verwegenen Musketiere. Von dort stammt auch eine genussvolle Spirituose mit einer ebenso leidenschaftlichen Beschaffenheit, wie sie d’Artagnan an den Tag legte: der Armagnac. Armagnac, was so viel wie «brennendes Wasser» bedeutet, ist die älteste bekannte französische Spirituose mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung und gilt in der Gas-cogne noch immer als Lebenselixier. Ausserhalb Frankreichs mangelt es dem Armagnac allerdings erkennbar an Populari-tät, er wird teilweise sogar ein wenig abschätzig als «kleiner Bruder» seines berühmteren Verwandten, des Cognacs, bezeichnet. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Armagnac bloss als ideales Geburtstagsgeschenk vertraut, weil es viele Flaschen mit allen möglichen Jahrgängen gibt. Viele Konsumenten glauben noch immer an jene unzutreffende Vorstellung eines minderwertigeren Cognacs – ein Imageverlust, von dem sich der Armagnac bis heute nicht ganz erholt hat. Darüber hinaus war die Fokussierung auf Vintages, also auf Destillate eines Jahrganges, für den Armagnac keineswegs von Vorteil. Viele Kunden – oder Beschenkte – haben noch heute eine Flasche mit einem Jahrgangs-Armagnac in ihren Barschränken, den sie nur zu einem besonderen Moment öffnen wollen. Mit einem derartigen Image behaftet, hat es auch der beste Armagnac schwer auf dem Markt. Und das, obwohl viele der traditionsreichen Cocktails im 19. Jahrhundert mit französischem Cognac oder Armagnac kreiert wurden, bevor die Reblauskrise dafür sorgte, dass mehr und mehr Whisk(e)y verwendet wurde. 

In  Labastide-d'Armagnac reift Rebensaft in Eichenholzfässern zu Armagnac heran.

In  Labastide-d'Armagnac reift Rebensaft in Eichenholzfässern zu Armagnac heran.

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Fast vergessene Legende

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«Während Cognac inzwischen wieder seinen angestammten Platz in den Cocktailgläsern zurückerobert hat, lässt Armagnac noch etwas auf sich warten», ist Tina Ingwersen-Matthiesen überzeugt, «dabei wäre ein guter Armagnac in vielen charakterstarken Drinks eine überaus empfehlenswerte Alternative.» Ingwersen-Matthiesen ist Geschäftsführerin des Borco-Marken-Import, für den deutschsprachigen Raum importiert die Firma unter anderem Armagnac von Comtal, der, so Ingwersen-Matthiesen, «leider in den Bars noch immer vernachlässigt wird». Überdies sucht man beim Armagnac die ganz grossen Namen leider noch vergebens. Unter den rund 14.000 Winzern, von denen etwa tausend auch destillieren, sind nur wenige bekannte Namen: zu den wichtigsten Produzenten zählen Comtal, Janneau, Samalens, Armanoir (Sempé), Castarède und Charron. Doch auch diese Hersteller sind noch weit davon entfernt, eine ähnliche internationale Breitenwirkung wie die grossen Häuser des Cognacs zu erzielen. Noch heute kommen auf jede verkaufte Flasche Armagnac 35 verkaufte Flaschen Cognac.

Einige Häuser, wie etwa die Domaine de Charron oder das Haus Samalens, versuchen dem Armagnac durch Herstellung von Single-grape-Varianten (Reinsorten) einen zusätzlichen Schub zu verleihen; Charron arbeitet ausschliesslich mit der Rebsorte Baco 22A, Samalens konzentriert sich auf die Ugni Blanc als bevorzugte Rebsorte. Ihre ge­­schmacklich hochwertigen und individuellen Armagnacs, mit und ohne Altersangaben, zeugen eindeutig davon, dass Armagnac viel zu bieten hat. Die Geschichte der Herstellung dieser hocheleganten Spirituose reicht weit zurück. Die in der Gascogne ansässige Bevölkerung übernahm bereits im Mittelalter die Destillationstechnik der Mauren. Im 15. Jahrhundert belegen dann Dokumente die Existenz dieses Branntweins. Doch eine hundertprozentig genaue Zeitangabe gibt es nicht, so werden in unterschiedlichen Quellen die Jahreszahlen 1311, 1411, 1441 und 1461 genannt. Fest steht aber, dass zu dieser Zeit Armagnac als Medizin verwendet und hauptsächlich schmerzlindernd und desinfizierend eingesetzt wurde. Eine der frühesten überlieferten Urkunden aus dem Jahr 1411 gewährte einer Brennerei im «Département Landes» das Recht auf die Erzeugung des Branntweins, des späteren Armagnac. Die entsprechende Urkunde befindet sich heute im Musée de l’Armagnac in Condom.Unterschiedliche Kulturkreise brachten die drei Grundvoraussetzungen der Branntweinherstellung in die Gascogne: Weinreben der Römer, Brennblasen und Destillationstechnik der Mauren und die Fässer der Kelten. Und so konnten die ersten Barriques auf dem Markt von Saint-Sever 1461 verkauft werden. Anfang des 16. Jahrhunderts erreichte der erste Branntwein England, Nordfrankreich und die Niederlande.

«Die charakteristische Struktur und der typische Duft eines Armagnacs sind mit keiner anderen Spirituose vergleichbar.»

Tina Ingwersen-Matthiesen (Geschäftsführerin Borco-Marken-Import)

Dank der grossen Nachfrage der Holländer konnte ganz Nordeuropa im 17. Jahrhundert mit destillatverstärkten Weinen und Branntweinen versorgt werden. Die Weine wurden in Fässern für den langen Transport gelagert. Diese Lagerung der Destillate in den Fässern verbesserte die Qualität des Inhalts deutlich und führte zu dem einzigartigen Charakter des heutigen Armagnacs. Tina Ingwersen-Matthiesen sagt: «Die charakteristische Struktur und der typische Duft eines Armagnacs sind mit keiner anderen Spirituose vergleichbar. Wer einmal daran Gefallen gefunden hat, der wird diesen Genuss nicht mehr missen wollen.» 1878 machte allerdings die Reblaus allen Hoffnungen der Produzenten auf grosse Gewinne ein jähes Ende und warf den Handel und die Entwicklung um viele Jahre zurück. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts begann man sich langsam zu erholen. Auch Dank der populären «Millésimes» (Jahrgangsflaschen).  Mehr als anderswo spielt der Boden für die Qualität des Armagnacs eine besondere Rolle. Teile der Armagnac-Region (Bas-Armagnac und Ténarèze) weisen Bodenformationen von Sand und lehmigem Geröll der Pyrenäen auf, in der östlichen Hälfte erinnern Kreidehänge an die Cognac-Landschaft. Letztere, Haut-Armagnac genannt, spielt allerdings für die Armagnac-Herstellung keine besondere Rolle mehr. Nur noch drei Prozent des gesamten Armagnacs stammen aus dieser Gegend.

Geschmackliche Reifung

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Der Herstellungsprozess beginnt bei der Pflanzung der Rebstöcke und endet bei der Abfüllung in Flaschen. Um die Trauben verwenden zu dürfen, müssen die Rebstöcke ein Alter von fünf Jahren haben. Traditionell wird im Herbst etwa einen Monat lang geerntet. Für den Armagnac sind zehn Rebsorten zugelassen, aber nur vier spielen eine Hauptrolle: Ugni Blanc, Folle Blanche, Baco 22A und die Colombard, wobei Letztere bei den Brennern weniger beliebt ist. Am häufigsten wird die Ugni Blanc verwendet, da diese wenig Alkohol und viel Säure ergibt. Es gibt seit 1936 festgelegte Regeln (AOC), wie der Wein zubereitet und verarbeitet werden muss: Trauben für die Destillation werden gepresst und ohne Zusatz von Zucker (Chaptalisation) oder Schwefel (Sulfurisierung) direkt vergoren. Die so erhaltenen Grundweine haben in der Regel viel Säure und nur wenig Alkoholgehalt. Diese Grundweine werden nach kurzer Lagerung überwiegend im «alambic armagnacais» (seit 1999 auch «pot charentaise») gebrannt. Die Destillationszeit beginnt meist Anfang November und endet häufig Ende Jänner. Beendet sein muss sie, laut den AOC-Regeln, am 15. Februar. Am Ende des Brennvorgangs hat der Weinbrand einen Alkoholgehalt von zumeist 52 bis 53 Vol.-%.  Nach dem Abfüllen in die Fässer beginnt die Reifung des Weinbrands. Zuerst werden neue Fässer mit 400 bis 430 Liter Inhalt verwendet, die ein kräftiges Holzaroma verleihen, anschliessend gebrauchte Fässer zur fertigen Ausreifung. Der Weinbrand muss mindestens ein Jahr, mitunter aber 10 bis 15 Jahre in den Fässern lagern. Erst die lange Lagerung macht den Armagnac sinnbildlich körperreich und reichhaltig. Und schlussendlich zu einem Getränk, das weit mehr verdient hat, als nur als Jahrgangsspirituose zu Geburtstagen verschenkt zu werden.

FACTS

Wo wird Armagnac hergestellt?
Armagnac ist kein Verwaltungsbezirk, kein Département. Das durch Verordnung von 1909 umrissene Armagnacgebiet umfasst heute rund 15.000 Hektaren Reb­fläche und setzt sich aus Teilen der drei Départements Gers, Landes und Lot-et-Garonne zusammen.
Von den Rebstöcken bis zum Transport unterliegen alle Schritte der ständigen Kontrolle der französischen Behörden und des Bureau Interprofessionnel de l’Armagnac. Der Mindestalkoholgehalt für Armagnac liegt bei 40 Vol.-%.
Wie lange reift Armagnac?
Armagnac wird gemäss den AOC-Regeln in mehrere Qualitätsstufen eingeteilt: «Trois Etoiles» steht für eine Reifung von mindestens einem Jahr; bei VS beträgt die Reifung mindestens zwei Jahre; bei VSOP sind es vier Jahre; XO steht für sechs Jahre Reifung;
und «Hors d’Age» ist eine Kategorie, bei der die Reifung mindestens zehn Jahre beträgt.

Aus Falstaff Magazin 04/2016

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