FRAG DEN KNIGGE! Wie bekomme ich schnell und höflich meine Rechnung?

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Wie kann ich als Gast höflich aber bestimmt darauf aufmerksam machen, dass ich nun endlich meine Rechnung begleichen möchte?
Gerhard L. aus Wien.

Von Benjamin Franklin stammt die Einsicht: Zeit ist Geld. Von Adolph Freiherr Knigge die Empfehlung: Der höfliche Mensch hat Zeit. In Führungsseminaren von heuten lernen die Bosse von morgen, dass Ungeduld eine Stärke und keine Schwäche ist. In Yogakursen, dass Geduld die Stärke von gestern, heute und morgen ist. Ja, was denn nun? Schnell oder höflich? Franklin oder Knigge? Zackzack oder Küss die Hand? Wenn ODER keiner will und UND nicht geht, kommt irgendwas dazwischen raus: höflich, aber bestimmt. Klingt prima, ist aber nur eine andere Bezeichnung für so gerade noch freundlich mit Faust in der Tasche.

Aber was soll man machen, wenn keiner auf einen hört? Da hat Herr L. aus Wien doch recht. Was tun, wenn der Wirt meinen Wunsch nach Rechnungsstellung mit voller Absicht ignoriert, weil ein volles Lokal einfach besser aussieht als ein leeres. Oder was tun, wenn ich genauso zum Mittel für die Zwecke des Wirtes werde, der mir unaufgefordert meine Rechnung auf den Tisch legt, während ich mich noch an der Mousse au Chocolat erfreue? Wenn ich am eigenen Leib erfahre, dass Zeit Geld ist, das ich dem Wirt stehle, weil schon die nächsten Geldbörsen auf zwei Beinen nach meinem abbezahlten Tisch gieren?

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Wenn mich keiner hört, muss ich mir Gehör verschaffen: höflich, aber bestimmt. Führt auch das nicht zum gewünschten Ergebnis dann eben mit einer legitimierten Exit-Strategie aus dem Handbuch der Gastronomiemythen mit dem Titel Selbstjustiz für Unerhörte: «Wenn man drei Mal laut und wahrnehmbar um die Rechnung gebeten hat und keine Reaktion erfolgt, dann hat man das Recht das Lokal zu verlassen ohne seine Rechnung zu bezahlen.» Ist natürlich Blödsinn.

Was mir in solchen Situationen des Nicht-Gehörtwerdens hilft, ist die zeitlose Einsicht des Philosophen Epiktet: «Es sind nicht die Dinge, die wir fürchten, sondern die Meinung, die wir über sie haben.» Heisst: Ist alles nur in unserem Kopf. Vielleicht macht ein volles Restaurant einfach mehr Arbeit als ein leeres, vielleicht waren wir in unserem erneuten Wunsch nach Rechnungsstellung bestimmt, aber nicht höflich, vielleicht sitzen wir in einem sehr kleinen Restaurant, das davon lebt, dass die Gäste nicht den ganzen Abend auf ihren Tisch bestehen.

Aber was tun, wenn kein «Vielleicht» mehr denkbar ist? Dann antworte ich dem Rechnungssteller wider Willens höflich, aber süffisant: Entschuldigung, das kann nicht unsere Rechnung sein, der Abend hat doch gerade erst begonnen. Oder geht alles weitere aufs Haus?


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