FRAG DEN KNIGGE! Wer soll das Restaurant zuerst betreten?

© Gina Mueller

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«Ich stelle immer wieder fest, dass Paare zunehmend unsicher sind, wer das Restaurant zuerst betreten sollte. Und frage mich, ob sich da was geändert hat?»
Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann

Wow: 32° Celsius am 19. April. Ich sitze im Sonnenstuhl und denke: Heute Abend wird die Herausforderung eher sein, draussen noch ein Plätzchen zu ergattern. Ordnen wir die «Herr oder Dame»-Frage aber kurz ein. Im Grunde galt und gilt für mich: Wer mit Dame unterwegs ist, bleibe Herr der Lage. Und mache dabei bella figura. Türen öffnen, um Pfützen und Autos herumführen, Hüte ziehen, Stühle anbieten und in Mäntel helfen. Meine Herren, solange es Damen gibt, verbeuge man sich und mache sich Mühe. Ganz mühelos.

Mein Vorfahr schrieb: «Wenn der Herr eine Dame führt, um sie nicht zu stossen, so halte er mit ihr gleichen Schritt und trete mit dem selben Fusse auf wie sie es tut.» Damen haben Vorrang. Er lasse ihr den Vortritt. Er folge ihr nach. Er schütze sie. Herr behandele Dame, wie es ihr gebührt: zuvorkommend. Warum? Darum. «She’s a Lady», singt Tom Jones. Landauf und treppab erhebe er sich, wenn sie sich erhebt – um sie zu erheben.

© freiherr-knigge.de

Er schreitet schützend voran

Ganz Gallien? Nein! Keine Regel ohne Ausnahme: Durch Türen von Gasthäusern, Kaufhäusern und Restaurants geht der Herr voran, um die Dame vor möglichen Gefahren zu bewahren. Er schreitet schützend und abwehrbereit als Erster in den unbekannten Raum und bedeutet ihr nach dessen Inspektion in der Regel: «Keine Schiesserei, keine dreckigen Witze und keine Dosenravioli – Gnädigste, die Luft ist rein.» Jetzt nur noch aus dem Mantel helfen, den Stuhl zurechtrücken, und schon wissen beide: «Hier sind wir richtig, dürfen Herr und Dame sein.» Und richtig: Der Dame wird zuerst serviert. Bevor sie mit ihrem Löffel in die Suppe taucht, um dem Herrn der Schöpfung zu bedeuten: «Iss, Junge.»

Woher also die Unsicherheit? Vielleicht, weil die Dame aufstand, um Frau zu werden. So wie eine Studierende, die mich in Hamburg entgeistert anschaute, als ich ihr die Tür aufhielt: «Um Gottes willen, Herr Knigge! Was kommt noch, helfen Sie mir in die Jacke?» Vielleicht aber auch, weil heute viel mehr Menschen reisen und wissen: Auch andere Länder haben schöne Sitten. Wie zuletzt in Umbrien, auf der Piazza Sant‘Angelo, im «I Sette Consoli». Ein milder Herbstabend im grünen Herzen Italiens. Ich traf Sofia und Gianluca. Und hatte schon die Klinke in der Hand und einen Fuss in der Tür, als Gianluca mich am Arm fasste: «Psst … Signore Knigge, Sie möchten doch Belladonna nicht ihren Auftritt verderben? Nein, das möchten Sie nicht.»


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