Essay: Wir sind, was wir Essen

»Wir sind Teil der Natur. Was wir essen, ist ein Teil von uns.«

© Shutterstock

»Wir sind Teil der Natur. Was wir essen, ist ein Teil von uns.«

»Wir sind Teil der Natur. Was wir essen, ist ein Teil von uns.«

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In der Entwicklung des Menschen gab es einen sehr langen Zeitabschnitt, in dem der Mensch mit seiner Umwelt im Gleichgewicht war. Unsere Vorfahren zogen durch die Welt, sammelten Essbares, entwickelten ihre sozialen Fähigkeiten, machten Kunst und Liebe, manchmal erlegten sie gemeinsam ein Tier, das dann zu einem Festmahl für die Sippe wurde. Man könnte meinen, es war eine gute Zeit. Doch der Menschen Sinnen trieb sie woandershin.

Vor 10.000 bis 12.000 Jahren begann der Mensch, sesshaft zu werden. Etwas sein «Eigen» zu nennen, bedeutete einen Bruch mit der bis dahin gelebten Kulturgeschichte des Menschen. Was besessen wurde, gab dem Einzelnen von nun an seinen Wert. Die Pflege des Besitzes und Vorsorge waren notwendig, so entwickelte sich die Landwirtschaft. Wildpflanzen wurden nach und nach kultiviert, Wildtiere domestiziert und Göttern mit der Bitte um ein gnädiges Schicksal geopfert.

Sesshaftigkeit, Besitz, Dominanz und Domestikation sind eng miteinander verbunden, Kapital wurde bald durch die Anzahl der Köpfe – capita – der Herde repräsentiert. Der Mensch begann, im Schweisse seines Angesichts seine neue Lebensgrundlage zu gestalten. Was damals als Fortschritt begann, ist heute in eine Sackgasse geraten. Massentierhaltung und industrialisierte Landwirtschaft sind unsere Errungenschaften. Selbstverständlich hat die Erderhitzung heute etwas mit unserer Ernährung zu tun.

Essen schärft unsere Sinne, entfacht Freude und bringt uns mit Freunden zusammen, beim gemeinsamen Genuss wird das Leben zum Fest. Wir werden zugewandt, sozial und grosszügig. Kann es sein, dass unsere Nahrung, die uns so viel Freude bereitet, unseren Planeten zerstört? Der uns eigene Egoismus, unser Perfektionismus, unser Wille, in der Landwirtschaft alles zu rationalisieren, zu merkantilisieren, hat die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht.

Vom Haustier zum Nutztier

Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion mit der Änderung der Landnutzung – etwa durch die Zerstörung der Regenwälder, um Platz zu machen für unser Viehfutter – machen 37 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus. Um die Tiere der Bauern in der EU zu füttern, benötigt es 63 Prozent der EU-weiten Ackerfläche und zusätzlich ausserhalb der EU eine Fläche, die der gesamten Landwirtschaft Deutschlands entspricht, hauptsächlich in den Regionen früherer Regenwälder. So viel Sachaufwand erfordert Massentierhaltung

Und wie ergeht es den Tieren dabei? Als ich Kind war, hiessen Tiere auf dem Bauernhof «Haustiere», heute werden sie «Nutztiere» genannt. Die Begriffsänderung schafft Distanz. Ist etwas zum Nutzen, wird es zur Sache, und eine Sache können wir ohne Skrupel benutzen.

Ein Tier, das mir persönlich ganz nahe ist, ist das Rind – eines der wunderbarsten Geschöpfe auf dieser Erde. Mensch und Rind gingen für viele Jahrtausende eine Schicksalsgemeinschaft ein. In der Beziehung zueinander schütten Mensch und Rind Oxytocin aus. Mensch und Rind können einander glücklich machen, wenn sie sich aufeinander einlassen, sagt uns das Glückshormon. Rinder können durch ihren vierteiligen Magen Gras, nichts als Gras, in Milch und Fleisch verwandeln. Werden Rinder auf der Weide gehalten – anderes Fleisch und andere Milch sind ohnehin kein Genuss –, erhalten und steigern sie mit ihrem Dung die Fruchtbarkeit der Böden. Ein Rind benötigt keine Sojabohne aus dem ehemaligen Regenwald und auch kein Getreide – die leistungsdominierte Landwirtschaft braucht das, denn auch die Haustiere werden dem Leistungsprinzip unterworfen. Milchkühen werden in der Massentierhaltung Harnstoffe, Propylenglykol, geschützte Aminosäuren und proteinhaltiges Kraftfutter gefüttert. Eine Kuh, die zehn bis 15 Kälber bekommen könnte, ist durch diese Haltungsform nach zwei Laktationen am Ende. Auch das belastet unsere Klimabilanz

Tiere haben eine Seele, können Freude und Leid empfinden. Wie wir mit unseren Tieren umgehen, hat viel mit unseren Menschen zu tun. Spalten wir das Tierleid ab, beschädigen wir unsere Seelen. Begegne ich Rindern, muss ich an den grossen französichen Forscher Claude Lévi-Strauss denken. Am Ende seines Lebens wurde er gefragt, was ihm nie gelungen sei. Er meinte darauf, er hätte so gerne mit einem Tier gesprochen, er hätte ganz andere Einsichten in das Leben gewonnen. Massentierhaltung und industrialisierte Landwirtschaft, gängige Praxis in der Schweinehaltung, belasten unseren Planeten auf ungeheure Weise. Vor jahren hatte ich ein Freilandprojekt; nie habe ich Schweine gesehen mit so viel Lebensfreude, Schalk, Witz und Lebendigkeit. Busweise kamen Besucher, um das zu erleben. Erst im Feiland entwickeln Schweine ihre unglaubliche Intelligenz, ihre durch und durch sozialen Fähigkeiten. Im Übrigen soll die DNA der Schweine der menschlichen sehr ähnlich sein. In der Massentierhaltung haben sie kein Leben, es ist ein Vegetieren auf Spaltböden über ihren Ausscheidungen und Ammoniakdämpfen, die Tiere attackieren einander vor Enge und Langweile. Hühnern geht es in der Massentierhaltung nicht besser. Sie in ihren engen Ställen mit abgezwickten Schnäbeln zu sehen, ist ein Elend.

Genuss für alle

Es gibt nicht uns Menschen und die Natur, wir sind Teil der Natur, des Ökosystems, und was wir essen, ist ein Teil von uns. Wovon wir leben, ist die Frage, die uns umtreiben sollte. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, woher unser Essen kommt und wie es gelebt hat. Bei uns in Österreich haben wir das Glück, beste biologische Lebensmittel erstehen zu können. Ihr Konsum hilft der Umwelt, Artenvielfalt und dem Wohl der Tiere. Sie als Verbraucher handeln aktiv gegen die Erderhitzung. Verantwortung zu übernehmen lohnt sich – für einen selbst und die nächsten Generationen. Genau hinzuschauen bringt mehr Genuss und Freude beim Essen, und zu wissen, dass Ihre Lebensmittel keine devastierte Welt hinterlassen, ist einfach ein gutes Gefühl. Trauen Sie sich, Ihren Lebensstil zu verändern, noch sind Sie handlungsfähig, noch ist es eine Frage der eignene Haltung. «Give life a chance», wandeln die mutigen jungen Leute von «Fridays for Futue» einen John-Lennon-Song ab. Geben auch Sie durch Ihr Konsumverhalten dem Leben eine Chance.

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Falstaff Nr. 06/2021
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