Essay: «Lagom» oder die Kunst, einfach zu geniessen

© Gina Mueller | Shutterstock

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Ganz so einfach machen sie es uns ja nicht, die Schweden: Nicht einmal der Duden spuckt eine Übersetzung für «Lagom är bäst» aus, die trendige Glücksformel aus dem Norden, welche offenbar schon das ganze Land verinnerlicht hat. «Lagom» steht für genau richtig, moderat, mittig. Für angenehm und gut. Und vereint man diese Adjektive mit dem Rest der Phrase, kommt der Schwede zu folgender glücksstiftenden Essenz: «Am besten ist alles im richtigen Mass!»

Das Christkind im Nacken

Gerade jetzt, wo mit dem ersten Schnee schon der Weihnachtstress Einzug hält, uns das Christkind im Nacken sitzt, sich Ein­ladungen zu unaufschiebbaren Pre-X-mas-Events auf dem Schreibtisch türmen und  wir den Reizüberflutungen auf Einkaufsstrassen zu trotzen suchen – gerade jetzt scheint dieses urtraditionelle Gedankengut  wie Balsam für Körper, Geist und Seele. Andersrum ausgedrückt: Weniger ist mehr.

Etwas mehr Nachhaltigkeit im Handeln und Tun schafft mehr Ressourcen in Form von Energie, Zeit und Geld etc., um in an­dere Dinge zu investieren. Zum Beispiel in Genuss, in Reisen, in Kunst oder Kultur.  Oder einfach nur in sich selbst – geniessen Sie den Feierabend, wie es für Sie am besten ist.

Am Ende des Tages ist das eine Win-win-Situation: zurückschrauben, einen Gang runterschalten, innehalten, durchatmen, öfter mal entspannt zurücklehnen und zufrieden sein mit dem, was ist. Eine Offenbarung für die tendenziell immer öfter überreizten Gemüter, gestressten und aus­gelaugten Seelen. Ein guter und zugleich enorm wichtiger Ansatz in unserer immer kurzlebigeren, gehetzten Gesellschaft.

Qualität vor Quantität

Auch wenn vieles seine Berechtigung hat, so fordert diese unsere Art der Lebensführung einen hohen Tribut: den der eigenen Gesundheit. Das Leben ist vergänglich und mitunter oft auch viel zu kurz. Obwohl wir uns dessen im Grunde völlig bewusst sind, besteht leider viel zu oft die Tendenz, genau diese Tatsache der Vergänglichkeit auszublenden und einem Leben hinterherzujagen, anstatt es bewusst voll und ganz zu leben und zu geniessen. Aus «Lagom’scher» Sicht geht es einfach um mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung sich selbst und dem jeweiligen Moment gegenüber, um dafür mehr Zufriedenheit in das Leben, in das Hier und Jetzt einzubringen.

Kleine Pausen als Inseln der Glückseligkeit im Rausche des Alltags können somit schon wahre Wunder bewirken. Probieren Sie es doch aus. Ein Espresso, ein paar Weihnachtskekse oder der Spaziergang in der Mittagspause wollen und sollen zelebriert und genossen werden. Qualität vor Quantität. Genuss statt Kompensation aufgestauter Defizite.

Es bedarf keiner grossen Lebensumstellung, um eine Kurskorrektur hin zu mehr Zufriedenheit und Gelassenheit zu voll­ziehen. Zu Beginn reicht es schon vollkommen, öfter an das «Weniger ist mehr» zu denken und danach zu handeln. Den Wind kann man nicht beeinflussen, mit diesem kleinen Kurswechsel jedoch grosse Effekte erzielen …

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Und da ist das sogenannte «Lagom’sche Ressourcen-Management» ein unabding­bares Werkzeug, um das eigene Wohl, die eigene Gesundheit aufrechtzuerhalten. Und um regelrechte Psychohygiene zu betreiben. Die Natur strebt nach Gleichgewicht, so auch Körper und Geist. Die Schlichtheit der Dinge, die Reduktion auf das Wesentliche, Konsumdistanz und vermehrte Achtsamkeit – all diese Fakten lassen uns für kurze Zeit den Umgebungslärm der Welt vergessen, schärfen den vernebelten Blick und stabilisieren unser Gleichgewicht auf der Welle der Reizüberflutung. Auch wenn im geschäftigen Alltag vieles – wie bereits erwähnt – seine Berechtigung hat, so sind am Ende des Tages die inneren Stressfaktoren wohl schwerwiegender als der vermeintlich von aussen auf- erlegte Druck. Bevor uns in der Atemlosigkeit der Arbeitskultur oder Geschäftigkeit des Privatlebens viel zu oft oder zu früh die Luft ausgeht, lohnt es sich, immer wieder Pausen einzulegen, um den triebhaften Prozess zu unterbrechen – je öfter das gelingt, desto geringer ist der ermüdende Leerlauf. Und desto kleiner wiederum das Risiko, Löcher und Defizite aufzureissen, die in weiterer Folge nicht mehr gefüllt werden können.

Unter uns Ästheten und Gourmets können Auszeiten in Verbindung mit kulinarischem Genuss ganz schön hilfreich sein oder zumindest eine der vielen Möglichkeiten darstellen, das Ungleichgewicht auszubalancieren. Nehmen wir kleine Zeremonien doch als besagte Auszeiten wahr, um die Routine des Alltags bewusst zu durchbrechen. Achtsamkeit durch Training im Kleinen sozusagen. Oder wie es Frank Berzbach in seinem Buch «Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen» so schön formuliert: «Nur eine Sache zu tun, ist für unseren unmutigen Geist Entlastung und Übung zugleich.»

In anderen Worten: Sehen wir doch jeden Tag ein bisschen mehr vom Weniger, als Schlüssel zu mehr Selbstwirksamkeit, Gesundheit und Genuss. Raus aus den Ex-tremen, hinein ins Moderate. Nehmen wir doch den Mittelweg zwischen der von Ex-tremen geprägten Welt, vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit. Machen Sie sich das Geschenk und finden Sie Ihre Mitte.
Lagom eben. Punkt.

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Falstaff Nr. 08/2018
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