Essay: Freiheit statt Freibrief

Die wiedergewonnene Freiheit will im besten Sinn des Wortes genossen werden.

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Die wiedergewonnene Freiheit will im besten Sinn des Wortes genossen werden.

Die wiedergewonnene Freiheit will im besten Sinn des Wortes genossen werden.

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Jetzt geht ein grosses Aufatmen durch das Land, durch den ganzen Kontinent. An allen Ecken und Enden ist man bemüht, wieder ein Alltagsverhalten anzustreben, das man als Normalität gewohnt war. Wie nie zuvor in den vergangenen 75 Jahren haben wir alle erfahren müssen, dass das Leben in einer modernen Gesellschaft von zahllosen Konventionen, Einschränkungen und Verhaltensregeln bestimmt wird. Die allermeisten Menschen sind gehalten, sich innerhalb eines – häufig sehr engen – sozialen Korsetts zu bewegen. Niemand kann tun oder lassen, was ihm gerade in den Sinn kommt – sagen wir, über die Autobahn brettern, als gäbe es kein Morgen, oder sich einfach unter den Nagel reissen, was einem vor die Nase kommt. Oder nicht nur im übertragenen Sinn keinen Abstand zu halten von den anderen. Ohne diese Übereinkunft – der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau nannte sie Gesellschaftsvertrag – herrschten Willkür und anarchische Zustände. Gleichwohl ist Freiheit nach wie vor ein Schlüsselbegriff der Zivilisation.

Besonders schmerzlich spürbar wurde dieser gesellschaftliche Verhaltenscode in den vergangenen Monaten der Coronakrise. Der Staat griff zu drastischen Methoden, setzte sein Gewaltmonopol ein, warb auf allen Kanälen um Einsicht, engte gleichzeitig phasenweise das Leben sehr stark ein. Die lebensgefährliche Bedrohung durch ein mikrobisches Wesen zeigte den Leuten auf, wie beschränkt sie in ihrem Handeln plötzlich geworden waren. Nur widerwillig fügte sich der Grossteil, Regelverstösse standen auf der Tagesordnung.

Vielen wurde mit einem Mal wieder klar, wie fragil die Balance zwischen freiem Willen und gesellschaftlicher Notwendigkeit ist. Der Freiheitsdrang der Menschheit ist ihre wahrscheinlich älteste Kraftquelle. Alle Kreatur will ungebunden und entfesselt sein. Darin spiegelt sich immer noch ein wenig die nomadische Lebensweise der frühesten Vorfahren. Sie zogen durch die Landschaft, wie es ihnen nützlich erschien, sie kannten keine Grenzen und Staaten, ihre Gesetze beschränkten sich auf einen rudimentären Kodex, der das Überleben in einer rauen und feindlichen Natur sicherstellen sollte. So paradox es klingen mag, dem Freiheitsdrang entspringt auch der Ursprung der Religionen. Hilflos ausgeliefert den Naturgewalten, die für die Menschen der Vorzeit nicht kontrollierbar waren, erwählten sie Idole, denen sie sich unterwarfen, in der Hoffnung auf Schutz, um so dem Unbill einer unerbittlichen Umwelt zu entkommen.

Die Freiheit war über weite Phasen der Geschichte allerdings ein Privileg der sozialen Eliten. Ein grosser Teil existierte in Sklaverei, Leibeigenschaft, der Abhängigkeit von den drakonischen Gesetzen der Herrschenden und Mächtigen, gleich ob der feudalen Aristokratie oder der kapitalistischen Industriebarone. Zur gleichen Zeit regte sich aber stets Widerstand in den unterdrückten Segmenten der Gesellschaft. Zu einem guten Teil kann man die Geschichte auch als einen Kampf um Freiheit lesen. Aufstände, Rebellionen oder geistige Unabhängigkeitsbewegungen wie die Aufklärung: Stets war der Freiheitsdrang Motor des historischen Fortschritts. Mitunter wurde in seinem Namen heftig Schindluder getrieben, doch regelmässig ermöglichte er es immer grösseren Teilen der Gesellschaft, sich ihrer sozialen Ketten zu entledigen.

Balance gesucht

Es gehört zu den unleugbaren Errungenschaften der modernen Gesellschaft und der liberalen Demokratien, dass in ihnen der Freiheit ein zentraler Wert zukommt. Die Freiheit zu reisen, wohin einem der Sinn steht, die Freiheit, seine Meinung zu äussern, ohne dass staatliche Zensur sie einschränkt, die Freiheit, sich selbstbestimmt durch das Leben treiben zu lassen, so wie es eben beliebt – all das gehört nahezu zu den Selbstverständlichkeiten und darf nur in aussergewöhnlichen Situationen eingeschränkt werden. Besonders in der Europäischen Union wird Freiheit grossgeschrieben. Vergleichbar wie zuvor schon in den USA ist sie das Fundament und der Gründungsmythos der Staatengemeinschaft. Es ist aber ein nach wie vor fast täglich neu auszuhandelnder «Contrat Social», ein sorgfältig ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen Freiheitsstreben und dem Wunsch nach sozialer Sicherheit zu finden. Im Wesentlichen besteht darin in einer Demokratie Politik. Es existiert keine Formel dafür, es muss im Widerstreit der Meinungen stets neu definiert und der jeweiligen Situation angepasst werden.

Das nahe Ende der Pandemie-Massnahmen wird nun als grosse Befreiung vom Joch eines einengenden Systems an Restriktionen empfunden. Die Kritiker der eingeschlagenen Politik waren ja sehr schnell mit Begriffen wie «Viren-Diktatur» zur Hand, was natürlich kompletter Unsinn ist, aber gleichzeitig veranschaulicht, dass – und das interessanterweise quer durch die Gesellschaft – Menschen nicht widerstandslos ihre Freiheitsrechte aufgeben. Vielmehr haben sie gelernt, wenn auch mitunter von widersinnigen Argumenten motiviert, für das öffentlich einzutreten, was sie als ihre Freiheit begreifen. Letztlich sind alle Diktaturen daran gescheitert, dass sie den Menschen ihre soziale, moralische und ethische Freiheit nahmen und sie durch ein System von Dogmen und Vorurteilen ersetzten.

Viel (Frei-)Raum nach oben

Ob durch ganz praktisches Verhalten oder als intellektuelle Herausforderung: Das Wesen der Freiheit liegt darin, was Menschen daraus machen. In letzter Konsequenz sind sie es, die die Verantwortung dafür tragen, sie sind ihrer Freiheit Schmied.

Durch die Jahrhunderte haben sich Denker und Philosophen mit diesem zentralen Begriff der Gesellschaften beschäftigt. Ihre Überlegungen füllen ganze Bibliotheken, ihre Erklärungsmodelle werden ständig neu ausgehandelt. Die vielleicht schönste Definition stammt wahrscheinlich von dem Philosophen Immanuel Kant, dem geistigen Leuchtturm von Königsberg. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schrieb er, Freiheit sei jene Kraft, die «den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit» ermögliche. Man kommt nicht umhin: Freiheit ist eine Idee, die noch sehr viel Zukunft hat.

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Falstaff Nr. 05/2021
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