Essay: Fasten für «Falstaff»

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Wenn Wolfgang Rosam anruft, klingeln alle Genussglöckchen. Worum würde es gehen? Delikaten Braten oder reife Weine? Um Dessertdüfte oder den Qualm nobler Zigarren?

Rosam aber sprach: «Schreib was übers Fasten.» Wie bitte? Hatte er «Fast Food» gesagt (das sich, sprachlich inkorrekt, aber durchaus zutreffend als «beinahe Essen» übersetzen lässt)? Oder meinte er «Fasten seat belts»? Nein, ich hatte schon richtig verstanden: Um den Gurt des Masshaltens, den sich jeder verantwortungsvolle Schlemmer regelmässig auferlegt, sollte es gehen.

Doch ach, ich geniesse einen geradezu fahrlässigen Mangel an Verantwortungsgefühl für meine Linie – wenn man von einer Entschlackungswoche vor vielen Jahren absieht, an die ich nur mehr dunkle Erinnerungen habe: dünne Gemüsebrühe, Waldspaziergänge, lange Sitzungen in gekachelten Räumen …

Aufgerufen, wie der sprichwörtliche Blinde von der Farbe zu reden, muss ich gestehen: Meine Eitelkeit habe ich irgendwo im letzten Jahrtausend vergessen, Gesundheitsratgeber lassen mich kalt. Auf die Frage «Was tun, wenn der Darm streikt?» kann ich nur antworten: Sozialdemokratisches Ideengut ist nie in mein Inneres vorgedrungen, dort existiert kein Streikrecht, es wird brav rund um die Uhr gehackelt. Und «Nie wieder Völlegefühl» erscheint mir nicht als attraktives Versprechen; ich ziehe das Völlegefühl dem Leeregefühl bei Weitem vor.

Wenn mich wenigstens die eine oder andere Unverträglichkeit auf den Pfad der Tugend zwingen würde! Aber: Histamine sind meine Freunde, im Wirtshaus bestelle ich demonstrativ die Gerichte mit den meisten bösen Buchstaben, ein Gläschen Milch um Mitternacht lässt mich schlafen wie ein Baby. Und Cholesterin ist mir sowieso Wurst.

Ich meditierte – natürlich über einem mehrgängigen Mahl –, was ich für den «Falstaff» zu Papier bringen könnte. Aus Torbergs «Tante Jolesch» geläufige Sprüche wie «Auf seinem Grabstein wird stehen: Essen war seine Lieblingsspeise» oder Peter Wehles Liedtext «Ich kann essen, was ich will, ich nehm nicht ab» tauchten auf … das Bekenntnis, dass meine Basketballer-Karriere 20 Kilo her ist … und ein Satz des Ballfreundes Kari, der meinte, ich sei die Synthese eines beliebten Komikerduos, da ich sowohl Dick als auch Doof mühelos verkörpern könnte.

Aber möchte ich wirklich als übles Beispiel, als Anti-Vorbild (vulgo Nachbild) in die Gesundheitsgeschichte dieses Landes eingehen? Also grübelte ich weiter. Dem Operngrufti kam einer der faszinierendsten Musiktheaterhelden in den Sinn: Mozarts Don Giovanni. Wenn im Finale Donna Elvira zum Unhold in die gute Stube stürmt und ihn beschwört, sein Leben zu ändern, antwortet er cool – und natürlich mit vollem Mund: «Lass mich essen, und wenn du willst, dann iss mit mir.» Fünf Minuten später holt ihn der Teufel (Pardon, der Komtur). So geht es dem, der Böses tut und nicht auf die Gesundheit schaut!

«Wenn mich wenigstens die eine oder andere Unverträglichkeit auf den Pfad der Tugend zwingen würde!»
Christoph Wagner-Trenkwitz
...
über die Schwierigkeit, beim Essen «nein» zu sagen.

Endlich kam – nicht die hysterische Furie Elvira, sondern meine Frau Cornelia des Weges, die mir in jeder Notlage (meistens bei plötzlich auftretendem Heisshunger) beisteht. «Worüber denkst du nach?» – «Ich soll da was schreiben übers … Nicht-Essen.» Mit natürlicher Schlankheit gesegnet, lehnt sich Cornelia gerne liebevoll an meinen Bauch, und in genau dieser Position flötete sie: «Wir sollten nach dem Opernball einen Fastenmonat einlegen. Zucker und Alkohol meiden, rotes Fleisch nur einmal in der Woche. Was meinst du?»

Solche pseudodemokratischen Schlussfragen hab ich schon gerne … Aber ich sagte Ja, als sie mir versicherte, dass es vor allem meinem Kopf guttäte und mich die Nahrungsreduktion auf unerhörte Gedanken bringen würde. Die Vorstellung, als Modellathlet des Geistes aus dem mehrwöchigen Martyrium hervorzugehen, ist doch ziemlich sexy. Nur blöd, dass während der Opernball-Übertragung noch niemand etwas von der inneren und äusseren Rankheit bemerken würde!

Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich also vorübergehend aus dem Kreise der Vielschmecker ausgeschieden. Und wenn ich mich schon quäle, dann sollte es Ihnen eigentlich nicht besser gehen, liebe Leser! (Die Damen haben ja eh mehr Disziplin, die muss ich hier gar nicht einbeziehen.) Aber bitte nicht übertreiben, meine Herren. Denn was singt der Titelheld im ersten Bild von Verdis letzter Oper? «Wenn Falstaff dünn wird, ist er nicht mehr er selbst, niemand liebt ihn mehr. In diesem Abdomen wohnen Tausende Zungen, die meinen Namen loben!»


Zur Person:
Christoph Wagner-Trenkwitz ist seit 2003 Chefdramaturg und Direktionsmitglied der Wiener Volksoper. Der 55-Jährige zählt zu den renommiertesten Opern- und Operettenkennern des Landes. Wenn ihn nicht gerade seine erste Leidenschaft, die Musik, beschäftigt, widmet er sich mit Begeisterung dem Genuss.

Zweitberuf Geniesser – Christoph Wagner-Trenkwitz: «Meine Frau Cornelia, mit natürlicher Schlankheit gesegnet, lehnt sich gern liebevoll an meinen Bauch.»

© privat

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2018
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