«Je suis Cairanne» steht in Grossbuchstaben auf dem Anhänger, den Yves Jean Houser am Rand seiner Reben abgestellt hat. Cairanne, das ist ein Name, den man in Zukunft vielleicht öfter zu lesen bekommt. Denn die Winzer dieser Gemeinde haben bei der französischen Aufsichtsbehörde INAO den Antrag auf eine eigene Ursprungsbezeichnung gestellt. Momentan gehört Cairanne zur Appellation Côtes du Rhône Villages, und innerhalb dieser AOC zu einer Gruppe von Dörfern, die den Ortsnamen zur Appellation dazuschreiben dürfen. «Bislang muss ich immer so einen Bandwurm auf das Etikett schreiben: Côtes du Rhône Villages Cairanne», sagt Houser und schaut etwas unwirsch. «Mit einer eigenen AOC aber würden die Weine aus Cairanne weinrechtlich auf demselben Niveau stehen wie Châteauneuf-du-Pape oder Gigondas – und das wäre zweifellos eine Aufwertung.»

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Wo Bio keine Ausnahme ist
Bis es so weit ist, müssen die Winzer jedoch in Vorleistung gehen. Die INAO wird beispielsweise nur diejenigen Rebflächen in eine AOC Cairanne übernehmen, bei denen der Einsatz von Herbiziden die Ausnahme bleibt. Kein Problem für den Öko-Winzer Houser, der seit zwei Jahren sogar Demeter-zertifiziert ist. «Von den rund 40 selbst vermarktenden Erzeugern in Cairanne sind bereits jetzt ­15 Biowinzer», stellt Houser zufrieden fest. Dann tritt der mit Jeans und weissem Leinenhemd bekleidete Quereinsteiger, der früher für den Supermarktgiganten Carrefour tätig war und dort den Einkauf von Frischeprodukten geleitet hat, an eine der Buschreben heran und biegt das Laub zur Seite. Blaue Träubchen mit knubbelig runden Beeren kommen zum Vorschein: «alte Stöcke Carignan». Houser pflückt sich ein Beerchen und probiert, seine Miene hellt sich auf: «2015 sollte ein sehr guter Jahrgang werden.»


Alte Reben – hier beim Ort Visan – sind der Trumpf vieler Winzer. / © Christophe Grilhe

Die Vorreiter
In Gigondas, kaum zehn Kilometer entfernt, haben die Winzer den Prozess des Aufstiegs zur kommunalen Appellation schon hinter sich – mit sehr positivem Ergebnis. In den vier Jahrzehnten, während derer die Weine schon unter dem Gemeindenamen verkauft werden – seit 1971 –, konnte sich der Ort als zweite Kraft an der Südrhône etablieren, neben dem Klassiker Châteauneuf-du-Pape. Pierre Amadieu leitet in Gigondas ein Familienunternehmen, das den Aufstieg der eigenen Gemeinde seit drei Generationen begleitet und mitgeprägt hat. «Mein Grossvater hat 1929 begonnen, mit sieben Hektar eigenen Reben und mit zugekauften Trauben», sagt Pierre Amadieu, der genau gleich heisst wie sein Opa, was, wie er sagt, praktisch sei, «weil man dann die Etiketten nicht ändern muss». Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb der Grossvater zwei Domänen und mit ihnen 130 Hektar Reben in Gigondas.

Hartnäckig
«Er gehörte zu den Ersten, die den Ortsnamen immer und überall betont haben.» Heute produziert das Unternehmen vier verschiedene rote Gigondas, die die unterschiedlichen Facetten der Appellation auf eindrückliche Weise ins Glas bringen. Und dann ist da seit neuestem auch noch ein Cairanne: ein nach Garrigue duftender, verspielt mineralischer Roter. «Ich kaufe die Trauben aus dem Weinberg einer Mitarbeiterin», sagt Pierre Ama­dieu und übergibt das Wort an Emilie Vaisse, eine junge Frau mit Pferdeschwanz und in Jeans und blauer Bluse, die bei Amadieu im Büro arbeitet, wenn sie nicht gerade im Wein­berg ist. «Unser Weinberg ist volle Südseite», gibt die Teilzeit-Winzerin zu Protokoll, «mein Grossvater hat die Reben gepflanzt und musste sich damals einiges anhören von den Nach­barn, weil er ziemlich viel Mourvèdre gesetzt hat, fast ein Drittel. ‹Der wird doch nie reif!›, sagten alle. Aber sie hatten nicht recht: Er wird reif, wenn man nur gut genug arbeitet.»


Eine Region blüht auf und will die Früchte ihrer Arbeit ernten. / © Christophe Grilhe

Weise Voraussicht
So profitiert die Enkelin vom Eigensinn des Grossvaters: Mourvèdre ist an der Rhône momentan die Sorte der Stunde. Galt sie früher als tendenziell sperrig und grün, ist sie durch Global Warming zu einem unentbehrlichen Mosaikstein geworden, um der Wucht der Grenache und der Würze der Syrah eine Extraportion Frische und Rückhalt zu verleihen. «Es zeigt sich immer wieder, es sind die Familien, die der Motor eines Weinbaugebiets sind», zieht Pierre Amadieu sein Fazit. «Der Mut, eigene Wege zu gehen, lässt sich einfach nicht ersetzen. Und ebensowenig das weinbauliche Gedächtnis, das daraus erfolgt.»


1. Château La Bastide, 2. Domaine des Lauribert, 3. Château de Lignane, 4. Cellier Des Dauphins, 5. Domaine des Amadieu, 6. Domaine des Banquettes, 7. Pierre Amadieu, 8. Les Vignerons de Roquemaure / Illustration: Artur Bodenstein

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Wie andere Weingüter an der Rhône in die Zukunft schreiten, lesen Sie im Falstaff Magazin Ausgabe 15/09

Text von Ulrich Sautter
Aus Falstaff-Magazin 15/09

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